Lend meg ei fjør
Så skal eg verkje
vingar kvite
Vor 12 Jahren verfasste ich verzückt Worte zum Debüt Runaljod – Gap Var Ginnunga und attestierte dem Projekt einen ähnlichen Erfolg wie seinerzeit Tenhi. Aus dem Debüt wurde eine Trilogie, ein weiteres Album folgte und nun kehren WARDRUNA mit ihrem fünften und bis dato erfolgreichsten Werk Kvitravn zurück (#1 und #2 in AT, DE, CH). Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Erfolg ist hochverdient und Kvitravn das bisher beste Album der Norweger um Einar "Kvitrafn" Selvik! Natürlich spielen die musikalische Beteiligung an der Fernsehserie Vikings und der aktuelle Hype um die nordische Folkmusik eine gewisse Rolle, aber vielleicht haben WARDRUNA diesen Hype ja auch erst ausgelöst.
Auf Kvitravn fallen verschiedene Aspekte zu einem homogenen Gesamtkonzept zusammen: Kvitravn bedeutet Weißer Rabe (interessanterweise ist das Cover schwarzfederig), welcher das Totem von Einar Selvik repräsentiert, unter dessen Pseudonym er einst bei Gorgoroth trommelte. Selvik ist Anhänger des Animismus, dem Glauben an die Allbeseeltheit der Natur und hat dieser viele ihrer Klänge und Melodien abgelauscht und mit der (alt)nordischen Mythologie, Literatur und der Skaldendichtung zu einem großartigen Gesamtkunstwerk verknüpft.
Nach der mythischen und eher rituellen Runaljod - Trilogie gab es mit Skald ein sehr spartanisch instrumentiertes und musikalisch reduziertes Album, das ausschließlich von Einars Stimme lebt. Kvitravn wiederum ist instrumental und gesanglich sehr reichhaltig, im Vergleich zu den vorangegangenen Alben geradezu opulent ausgefallen. Es gibt eine Vielzahl an traditionellen Instrumenten wie Bukkehorn, Lure, Talharpa, Crwth, Langeleik und Flöten. Verschiedenste Schlaginstrumente erzeugen einen hypnotisierenden und dynamischen Rhythmus. Im Gegenzug sind die Songstrukturen eher einfach, repetitiv, dafür eingängig, während die Naturgeräusche dezent im Hintergrund verbleiben und dort für eine dichte Atmosphäre sorgen. Auch beim Gesang bleibt man vielschichtig. Einar Selvik singt dieses Mal selten allein, auch wenn seine Stimme immer heraussteht. Zu ihm gesellen sich der Backgroundgesang der anderen Musiker und natürlich die wundervolle Stimme von Lindy Fay Hella.
Songs auf Kvitravn herauszustellen fällt schwer. Ich liebe die majestätischen Bläser! Bei Fylgjutal, bei Kvit Hjort, wo sie ungemein passend den weißen Hirsch repräsentieren oder bei Munin, dem Ruf nach Odins Raben. Ich mag den lebhaften Opener Synkverv, den epischen Titeltrack, das düster-treibende Skugge oder das liederjagende Viseveiding. Und ich mag auch den abschließenden Bittgesang an die neun Nornen Andevarljod mit Kirsten Bråten Berg und ihrer Tochter Sigrid als Gastsängerinnen. Jeder Song hat seine ganz eigene Magie, die es zu entdecken gilt. Über allem liegt eine typisch nordische Melancholie, wie eine Art Schmerz, welcher die Verletzlichkeit von Natur und Leben offenbart.
Kvitravn fühlt sich an wie ein magisches Sommersonnenwendefest. Gerade in dieser aktuellen chaotischen Zeitgibt Kvitravn eine Art Frieden und Freiheit für Geist und Seele, vermittelt einen inneren Drang, sich mit der Natur zu verbinden, aber auch die Sehnsucht nach der Schönheit der skandinavischen Landschaften und deren Mythen. Kvitravn ist meditativ, hypnotisch und eindringlich, einfach ein großartiges Album!