Mit
ihren vier Landessprachen steht die Schweiz multilingual an
der Spitze Europas. Zu behaupten, TRIBES OF CAÏN
würden deswegen aufgrund ihrer deutsch-englisch-lateinisch-altnordischen
Texte ebenfalls automatisch auf den Thron des schweizerischen
Metal gehievt, ist dank Glanzleistungen helvetischen Urgesteine
wie Celtic Frost, Samael oder Messiah selbstverständlich
undenkbar. Beschränkt man den Fokus jedoch auf modernen,
technisch versierten Death/Black Metal, so können sich
die Züricher auch auf internationaler Ebene behaupten.
Das von Jochen Sachse (Pink Cream 69) druckvoll produzierte
und von Peter in de Betou (Opeth, Amon Amarth…) gemasterte
Drittwerk der Schweizer bietet technischen, äußerst
vielschichtigen und detaliverliebten Black Metal vermengt mit
einer gehörigen Prise feinst progressivem Death/Thrash
Metal. Retaliation beginnt furios. Mit Reborn
With Wings werden gleich mal alle Register des geschwärzten
Todesstahls gezogen. Die wunderschönen Gitarrenharmonien
als Trademark der Band erinnern streckenweise an die exquisite
Gitarrenarbeit auf Night In Gales’ Debütschmankerl
Towards The Twilight, halten sich jedoch mit nackenbrechenden
Death-/Thrashriffs und fiesem Geschrubbe die Waage. Lediglich
der etwas leise gemischte Gesang fällt hier etwas aus dem
Rahmen, was sehr schade ist, denn an der Gesangsleistung von
Sänger Sven gibt es sonst nichts auszusetzen.
Langeweile kommt zu keiner Sekunde auf, denn TRIBES OF CAÏN
sind sehr darauf bedacht, Variation in die neun Songs und drei
Piano-Intermezzi zu bringen. Vor allem Tempovariationen, Breaks
und Rhythmuswechsel, die beispielsweise in Hjaðningavíg
perfekt mit den Texten abgestimmt sind, machen den Hörgenuß
äußerst kurzweilig.
Die Band setzt ihr Interesse für Unkonventionelles und
Unorthodoxes aber nicht nur musikalisch, sondern auch textlich
gekonnt um. Statt auf plakative Provokation zu setzen, wird
beispielsweise in WiduhudaR aus der Gylfaginning zitiert,
einem Werk Snorri Sturlusons, dem Schöpfer der Jüngeren
Edda. Ideenreiche Textpassagen wie „Vernichte die Sonne
mit all ihrem Schein – Vernichte die Sonne und jegliches
Sein“ aus dem oben genannten Titel kündigen den
Weltuntergang an. Das klingt nicht nur äußerst poetisch,
sondern zeigt auch, wie wichtig es TRIBES OF CAÏN
ist, auch textlich überzeugen.
Trotz Parallelen zu musikalisch ähnlich agierenden Bands
wie Endstille, Naglfar oder den bereits genannten Night In Gales
haben TRIBES OF CAÏN ein bärenstarkes und originelles
Stück Musik abgeliefert. Man kann nur hoffen, dass die
mittlerweile zum Quartett geschrumpften Helvetier bald einen
Ersatz an der Schießbude finden, um sich auf einer vernünftigen
Europatour international live behaupten zu können.