TILES
haben ein kleines Problem: sie werden auf Schritt und Tritt
mit Rush verglichen. Um zu zeigen, dass ihnen das gar nichts
ausmacht, bewegen sie sich auch genau in den großen Fußstapfen
der Kanadier. Sie holen sich den früheren Rush-Produzenten
Terry Brown als Toningenieur und Gitarrist Herin behauptet selbstbewusst,
das TILES „eine Kreuzung aus Rush, Jethro Tull,
Queensryche und Iron Maiden“ sind. Kein Widerspruch, was
die erste Band angeht, bei Jethro Tull gehen die Augenbrauen
schon nach oben, bei letztgenannten Bands verschwinden sie weit
überm Haaransatz.
Doch das sind nur Äußerlichkeiten, wichtig bleibt
letztendlich, ob TILES bloß zur Kopie taugen, oder
individuelle Noten zu bieten haben. Da kann Entwarnung gegeben
werden. Wenn es auch – vor allem was den Aufbau des Fliegenpapiers
angeht – Ähnlichkeiten zu Rushs letzter Veröffentlichung
Snakes & Arrows gibt, bleibt genügend Eigensubstanz
übrig, um Fly Paper zum erfreulichen Erlebnis
werden zu lassen.
Zum einen schraubt sich Paul Raricks Stimme nicht ganz in Geddy
Lee’s Höhen, sondern bleibt sehr angenehm zu hören,
gut eine Tonlage darunter. Zum anderen gehen TILES vertrackter
als Rush zu Werke. Ohne Technozid zu begehen, denn dafür
haben sie zu viele melodische Einfälle und wissen genau,
wie man schräge Momente mit Wohlklang und alternativem
Gestus verquicken kann. Ab und an ein gepflegter Keyboardeinsatz,
damit es dem geneigten Hörer warm um’s Herz wird;
Mellotron und gesampelte Streicher werden es schon richten.
Die ganze Produktion ist sauber, dabei aber nicht kalt. Ganz
schnelle Stücke sucht man allerdings vergebens, ebenso
epische wie das 17minütige Window Dressing vom Vorgänger.
Bei gut 8 Minuten ist Schluss, aber TILES schaffen es,
auch in kürzere Lieder mehr Ideen einzubringen, als andere
Bands in komplette Alben. So lässt sich Fly Paper
genussvoll hören, und trotz Ecken und Kanten verursacht
das Album keine Schmerzen. Aus der Rush-Epigonen Ecke sollte
die Band freilich langsam ausbrechen. Vergleiche von außen
wird man nicht vermeiden können, aber selbst muss man das
Feuerchen m.E. nicht auch noch schüren. Es gibt nicht viele
Bands, die auf solch hohem Level in dieser – trotz Rush
– nicht sonderlich populären Ecke des Progressive-Rocks
musizieren. TILES können und tun es ausgezeichnet,
das sollte eigentlich als Daseinsgrund ausreichen.
Drei Anmerkungen zum Schluss:
Sich vom epischen – und guten! – vorigen Album zu
distanzieren, hat einen unangenehmen Ruch von anbiedernder Unverbindlichkeit,
den TILES aber glücklicherweise nicht bestätigen.
Dafür bewegen sie sich per se zu weit abseits kommerzieller
Pfade, bleiben aber auch in ihren Songs eindeutig genug, um
nicht im Mainstream unterzugehen.
Leider bietet Fly Paper ein Ärgernis, dass
in den letzten Jahren allzu häufig anzutreffen ist - wieso
muss bei einer moderaten, die mögliche Lauflänge einer
CD keineswegs ausnutzenden, Spielzeit von rund 50 Minuten, der
letzte dreiminütige Song als „bonus track on initial
pressing“ ausgewiesen werden? Das ist Augenwischerei und
komplett überflüssig. Über die Qualität
des Stückes lässt sich nichts sagen, da es auf der
Promo-CD fehlt.
At last: die Liste der Gäste auf Fly Paper
lässt sich sehen. Da finden sich Coverkünstler Hugh
Syme an den Keyboards, Gitarrist Kim Mitchell, Alannah Miles
(!!! glücklicherweise nicht essentiell), Disciplines Matthew
Parmenter an den Keyboards und Vocals, sowie ein „special
guest“ aus Terry Browns Vergangenheit. Sollte es sich
etwa, um... Alex Lifeson handeln? Tatsächlich! Geht aber
ein bisschen unter. Glücklicherweise. Sonst gäbe es
doch noch einen Plagiatsvorwurf zum Schluss…