TILES – Fly Paper

 
Label: InsideOut Music
Release: 25.01.2008
Von: Joking
Punkte: 8/10
Time: 49:36
Stil: Heavy Progressive Rock
URL: Tiles
 
TILES haben ein kleines Problem: sie werden auf Schritt und Tritt mit Rush verglichen. Um zu zeigen, dass ihnen das gar nichts ausmacht, bewegen sie sich auch genau in den großen Fußstapfen der Kanadier. Sie holen sich den früheren Rush-Produzenten Terry Brown als Toningenieur und Gitarrist Herin behauptet selbstbewusst, das TILES „eine Kreuzung aus Rush, Jethro Tull, Queensryche und Iron Maiden“ sind. Kein Widerspruch, was die erste Band angeht, bei Jethro Tull gehen die Augenbrauen schon nach oben, bei letztgenannten Bands verschwinden sie weit überm Haaransatz.
Doch das sind nur Äußerlichkeiten, wichtig bleibt letztendlich, ob TILES bloß zur Kopie taugen, oder individuelle Noten zu bieten haben. Da kann Entwarnung gegeben werden. Wenn es auch – vor allem was den Aufbau des Fliegenpapiers angeht – Ähnlichkeiten zu Rushs letzter Veröffentlichung Snakes & Arrows gibt, bleibt genügend Eigensubstanz übrig, um Fly Paper zum erfreulichen Erlebnis werden zu lassen.
Zum einen schraubt sich Paul Raricks Stimme nicht ganz in Geddy Lee’s Höhen, sondern bleibt sehr angenehm zu hören, gut eine Tonlage darunter. Zum anderen gehen TILES vertrackter als Rush zu Werke. Ohne Technozid zu begehen, denn dafür haben sie zu viele melodische Einfälle und wissen genau, wie man schräge Momente mit Wohlklang und alternativem Gestus verquicken kann. Ab und an ein gepflegter Keyboardeinsatz, damit es dem geneigten Hörer warm um’s Herz wird; Mellotron und gesampelte Streicher werden es schon richten. Die ganze Produktion ist sauber, dabei aber nicht kalt. Ganz schnelle Stücke sucht man allerdings vergebens, ebenso epische wie das 17minütige Window Dressing vom Vorgänger. Bei gut 8 Minuten ist Schluss, aber TILES schaffen es, auch in kürzere Lieder mehr Ideen einzubringen, als andere Bands in komplette Alben. So lässt sich Fly Paper genussvoll hören, und trotz Ecken und Kanten verursacht das Album keine Schmerzen. Aus der Rush-Epigonen Ecke sollte die Band freilich langsam ausbrechen. Vergleiche von außen wird man nicht vermeiden können, aber selbst muss man das Feuerchen m.E. nicht auch noch schüren. Es gibt nicht viele Bands, die auf solch hohem Level in dieser – trotz Rush – nicht sonderlich populären Ecke des Progressive-Rocks musizieren. TILES können und tun es ausgezeichnet, das sollte eigentlich als Daseinsgrund ausreichen.
Drei Anmerkungen zum Schluss:
Sich vom epischen – und guten! – vorigen Album zu distanzieren, hat einen unangenehmen Ruch von anbiedernder Unverbindlichkeit, den TILES aber glücklicherweise nicht bestätigen. Dafür bewegen sie sich per se zu weit abseits kommerzieller Pfade, bleiben aber auch in ihren Songs eindeutig genug, um nicht im Mainstream unterzugehen.
Leider bietet Fly Paper ein Ärgernis, dass in den letzten Jahren allzu häufig anzutreffen ist - wieso muss bei einer moderaten, die mögliche Lauflänge einer CD keineswegs ausnutzenden, Spielzeit von rund 50 Minuten, der letzte dreiminütige Song als „bonus track on initial pressing“ ausgewiesen werden? Das ist Augenwischerei und komplett überflüssig. Über die Qualität des Stückes lässt sich nichts sagen, da es auf der Promo-CD fehlt.
At last: die Liste der Gäste auf Fly Paper lässt sich sehen. Da finden sich Coverkünstler Hugh Syme an den Keyboards, Gitarrist Kim Mitchell, Alannah Miles (!!! glücklicherweise nicht essentiell), Disciplines Matthew Parmenter an den Keyboards und Vocals, sowie ein „special guest“ aus Terry Browns Vergangenheit. Sollte es sich etwa, um... Alex Lifeson handeln? Tatsächlich! Geht aber ein bisschen unter. Glücklicherweise. Sonst gäbe es doch noch einen Plagiatsvorwurf zum Schluss…