Was tut
man als Redakteur einer Zeitschrift, wenn man ein weiteres Heavy
Metal Album vor sich liegen hat, dessen Inhalt man von der ersten
Sekunde an als ziemlich belanglos bezeichnen würde? Nun,
normalerweise würde man sich bemühen, die Höreindrucke
zu sortieren. Man würde dem Album eine zweite, eine dritte,
eine vierte Chance geben, und dann versuchen, positive Aspekte
hervorzuheben. Irgendwann würde die Wertung sich dann bei
ca. 6 Punkten einpendeln, weil man sich denkt „Na ja,
toll ist es nicht, aber auch nicht schlimm“. Dann würde
man eine Rezension wie jede andere auch dazu verfassen, sie
an die Chefredakteurin schicken, und die Sache wäre klar.
Die CD würde man dann irgendwo im Keller verstecken, verbrennen,
verspeisen – sei es drum. Man kauft sich eh privat immer
andere Musik als die, die man bewertet, oder? Nun ja, manchmal
jedenfalls. Nicht jedoch hier, denn ein wichtiges Schlüsselereignis
hat mich dazu bewegt, umzudenken. Während ich die CD Apocalipsis
von TIERRA SANTA hörte, kamen Bekannte
zu Besuch. Einer von ihnen meinte „Oh Gott, was hörst
Du denn da? Das ist ja übelste Mucke!“. Die spontane
Ehrlichkeit seiner Aussage verdutzte mich, ich holte Luft. Einen
Augenblick dachte ich nach, und dann fühlte ich ein Kribbeln
in meinen Fingerspitzen und war unglaublich motiviert, ein Experiment
zu wagen. Ich wollte meine Gefühle beim Hören der
CD genauso intensiv äußern, wie mein Besuch es zuvor
getan hatte, und mich dabei Elementen des absurden, surrealen
bedienen. Also, lasset uns „in medias res“ gehen.
Wir stellen uns vor, es ist Anfang August, ein heißer
Sommertag. Die Sonne glüht vom Himmel, wir sehen Sand-
und Erdhügel und einen dreistöckigen Rohbau, noch
von Gerüsten gestützt. Bretter liegen auf dem Boden
herum, die Luft flimmert, vorbeifahrende Autos wirbeln Staub
auf. Im dritten Stock des Rohbaus stehen Carlos und José,
zwei südländische Bauarbeiter. Die Luft im Raum steht,
es stinkt nach ranzigem Fett, das von unten von den Resten der
Würstchen heraufzieht, welche die beiden sich zu Mittag
auf der Motorhaube ihres Honda Civic gebraten haben. Die beiden
schwitzen wie Schweine, ihre braungebrannten Oberkörper
sind gerade damit beschäftigt, eine Wand hochzuziehen.
Ein schmutziger, verstaubter CD-Player, vormals blau, jetzt
eher weiß-gräulich, steht in der Ecke und zieht seine
Energie aus einer nicht viel appetitlicheren Kabeltrommel der
Marke Knatterfuchs. An der Decke hängt ein lila Dreieck
aus Glas. Wie es dort hingekommen ist, weiß niemand. Plötzlich
beginnt der CD-Player, den ersten Song, Neron genannt,
von der CD Apocalipsis von TIERRA
SANTA zu spielen. Wir hören schmetternde südländische
Vocals, spanisch, mit rollendem R und unglaublich zwanghaft
emotional, ein wenig wie eine Metal Version von Eros Ramazotti.
TIERRA SANTA, so erzählt uns eine schwarz
gekleidete Gestalt in einer dunklen Nische, soll „heilige
Erde“ heißen, und fragt uns, ob wir das zuvor schon
wussten? Nein, sagen wir ehrlich, woher auch? Wir dachten immer,
es hieße „eiserne Jungfrau“. Das scheint der
mysteriösen Gestalt nicht sonderlich zu gefallen, woraufhin
sie uns mit einer Keule, auf die Iron Maiden CDs geklebt sind,
windelweich schlägt, und uns erzählt, dass die eigentliche
Strafe für unser Unwissen ja noch ausstünde. Just
in diesem Moment klingelt ein Wecker aus Stahlbeton. Mit letzter
Kraft werfen wir ihn in eine Pfütze in der Mitte des Raumes,
um Schlimmeres zu verhindern, doch es ist zu spät. Carlos
schaltet den CD-Player erneut ein, bratende Gitarren tönen
uns entgegen. Wir stellen fest, dass wir schon jeden Song auswendig
kennen, obwohl wir die CD jetzt erst zum zweiten Mal hören.
Ein gutes Omen? Die Soli klingen aber geklont. Das lila Dreieck
an der Decke wackelt. Carlos geht zu José, zieht seine
Hose runter, zum Vorschein kommt ein dunkelbrauner Leder-Tanga.
Ein blauer Blitz erscheint in der Mitte des Raumes, es zuckt....
José singt eifrig mit, sein Heldentenor mischt sich unter
das Grollen der Zementmixmaschine, ein Pfeifen kommt hinzu.
In jeder Ecke des Raumes steht nun eine schwarze Gestalt mit
einer Sense. Dann beginnt Carlos, sich zu den Klängen des
3:33 Minuten langen Titelsongs Apocalipsis am Hinterteil
seines Arbeitskollegen zu vergehen. Wir schreien, wollen fliehen...
doch können es nicht. Wir sind mit den Beinen in der Mitte
des Raumes festgekettet, und das lila Dreieck stürzt nach
der 50sten Wiederholung eines Refrains mit der Spitze nach unten
von der Decke herab und bohrt sich in unseren Schädel.
Wir sind erlöst und erleuchtet. Seid ihr es auch? Jetzt
wisst ihr, wie diese CD klingt. Wenn nicht, schaut auf meine
Wertung oder hört rein. Es soll ja Leute geben, denen diese
Art von Musik gefällt :)