TIERRA SANTA – Apocalipsis
 
Label: Locomotive Music
Release: 25.10.2004
Von: Reverend
Punkte: 4,5/10
Time: 41:53
Stil: Baustellen Metal
URL: Tierra Santa
 

Was tut man als Redakteur einer Zeitschrift, wenn man ein weiteres Heavy Metal Album vor sich liegen hat, dessen Inhalt man von der ersten Sekunde an als ziemlich belanglos bezeichnen würde? Nun, normalerweise würde man sich bemühen, die Höreindrucke zu sortieren. Man würde dem Album eine zweite, eine dritte, eine vierte Chance geben, und dann versuchen, positive Aspekte hervorzuheben. Irgendwann würde die Wertung sich dann bei ca. 6 Punkten einpendeln, weil man sich denkt „Na ja, toll ist es nicht, aber auch nicht schlimm“. Dann würde man eine Rezension wie jede andere auch dazu verfassen, sie an die Chefredakteurin schicken, und die Sache wäre klar. Die CD würde man dann irgendwo im Keller verstecken, verbrennen, verspeisen – sei es drum. Man kauft sich eh privat immer andere Musik als die, die man bewertet, oder? Nun ja, manchmal jedenfalls. Nicht jedoch hier, denn ein wichtiges Schlüsselereignis hat mich dazu bewegt, umzudenken. Während ich die CD Apocalipsis von TIERRA SANTA hörte, kamen Bekannte zu Besuch. Einer von ihnen meinte „Oh Gott, was hörst Du denn da? Das ist ja übelste Mucke!“. Die spontane Ehrlichkeit seiner Aussage verdutzte mich, ich holte Luft. Einen Augenblick dachte ich nach, und dann fühlte ich ein Kribbeln in meinen Fingerspitzen und war unglaublich motiviert, ein Experiment zu wagen. Ich wollte meine Gefühle beim Hören der CD genauso intensiv äußern, wie mein Besuch es zuvor getan hatte, und mich dabei Elementen des absurden, surrealen bedienen. Also, lasset uns „in medias res“ gehen. Wir stellen uns vor, es ist Anfang August, ein heißer Sommertag. Die Sonne glüht vom Himmel, wir sehen Sand- und Erdhügel und einen dreistöckigen Rohbau, noch von Gerüsten gestützt. Bretter liegen auf dem Boden herum, die Luft flimmert, vorbeifahrende Autos wirbeln Staub auf. Im dritten Stock des Rohbaus stehen Carlos und José, zwei südländische Bauarbeiter. Die Luft im Raum steht, es stinkt nach ranzigem Fett, das von unten von den Resten der Würstchen heraufzieht, welche die beiden sich zu Mittag auf der Motorhaube ihres Honda Civic gebraten haben. Die beiden schwitzen wie Schweine, ihre braungebrannten Oberkörper sind gerade damit beschäftigt, eine Wand hochzuziehen. Ein schmutziger, verstaubter CD-Player, vormals blau, jetzt eher weiß-gräulich, steht in der Ecke und zieht seine Energie aus einer nicht viel appetitlicheren Kabeltrommel der Marke Knatterfuchs. An der Decke hängt ein lila Dreieck aus Glas. Wie es dort hingekommen ist, weiß niemand. Plötzlich beginnt der CD-Player, den ersten Song, Neron genannt, von der CD Apocalipsis von TIERRA SANTA zu spielen. Wir hören schmetternde südländische Vocals, spanisch, mit rollendem R und unglaublich zwanghaft emotional, ein wenig wie eine Metal Version von Eros Ramazotti. TIERRA SANTA, so erzählt uns eine schwarz gekleidete Gestalt in einer dunklen Nische, soll „heilige Erde“ heißen, und fragt uns, ob wir das zuvor schon wussten? Nein, sagen wir ehrlich, woher auch? Wir dachten immer, es hieße „eiserne Jungfrau“. Das scheint der mysteriösen Gestalt nicht sonderlich zu gefallen, woraufhin sie uns mit einer Keule, auf die Iron Maiden CDs geklebt sind, windelweich schlägt, und uns erzählt, dass die eigentliche Strafe für unser Unwissen ja noch ausstünde. Just in diesem Moment klingelt ein Wecker aus Stahlbeton. Mit letzter Kraft werfen wir ihn in eine Pfütze in der Mitte des Raumes, um Schlimmeres zu verhindern, doch es ist zu spät. Carlos schaltet den CD-Player erneut ein, bratende Gitarren tönen uns entgegen. Wir stellen fest, dass wir schon jeden Song auswendig kennen, obwohl wir die CD jetzt erst zum zweiten Mal hören. Ein gutes Omen? Die Soli klingen aber geklont. Das lila Dreieck an der Decke wackelt. Carlos geht zu José, zieht seine Hose runter, zum Vorschein kommt ein dunkelbrauner Leder-Tanga. Ein blauer Blitz erscheint in der Mitte des Raumes, es zuckt.... José singt eifrig mit, sein Heldentenor mischt sich unter das Grollen der Zementmixmaschine, ein Pfeifen kommt hinzu. In jeder Ecke des Raumes steht nun eine schwarze Gestalt mit einer Sense. Dann beginnt Carlos, sich zu den Klängen des 3:33 Minuten langen Titelsongs Apocalipsis am Hinterteil seines Arbeitskollegen zu vergehen. Wir schreien, wollen fliehen... doch können es nicht. Wir sind mit den Beinen in der Mitte des Raumes festgekettet, und das lila Dreieck stürzt nach der 50sten Wiederholung eines Refrains mit der Spitze nach unten von der Decke herab und bohrt sich in unseren Schädel. Wir sind erlöst und erleuchtet. Seid ihr es auch? Jetzt wisst ihr, wie diese CD klingt. Wenn nicht, schaut auf meine Wertung oder hört rein. Es soll ja Leute geben, denen diese Art von Musik gefällt :)