Gilt
Live & Dangerous als Meisterwerk, haftet
dem Album doch ein kleiner Makel an; dank ausgiebiger Nachproduktion
und Overdubs, kann man bestenfalls von einer „Semi“-Live-Aufnahme
sprechen. Widersprüchliche Aussagen der Band und ihres
Anhangs, sowie des Produzenten Toni Visconti variieren zwischen
„75% Live“ und dass nur die Drums direkt aus den
Konzerten übernommen wurden. Trotzdem ein starkes Album.
Nun ist Still Dangerous – Live At The Tower Theatre
Philadelphia 1977 angetreten als rohes Geschwisterlein
des fast zeitgleich entstandenen großen Bruders. Weitgehend
unbearbeitet soll es zugehen und die damalige Livepower THIN
LIZZYs direkt in die heimischen Wohnzimmer tragen.
Das gelingt auch bemerkenswert gut, wenn auch von einer „Rohfassung“
keine Rede sein kann. Das Publikum wurde zugunsten der Musikalität
in den Hintergrund gemischt, aus dem gleichen Grund verschwanden
Phil Lynotts lange und launige Ansagen. Nachvollziehbar. Weniger
nachvollziehbar ist, dass die Setliste gekürzt wurde, und
so nur eine durchschnittliche CD-Lauflänge von 47 Minuten
übrig blieb.
Die haben es allerdings in sich. Der Sound ist nicht gerade
brillant, aber angesichts der Entstehungszeit sehr akzeptabel;
die Songauswahl bietet keine große Überraschungen,
obwohl Soldier Of Fortune, Opium Trail oder Me
And The Boys nicht zum Standardrepertoire der Band gehören.
Wichtiger ist WIE THIN LIZZY das Material rüber
bringen.
Kurzum: verdammt gut. Vielen Fans gilt die Besetzung mit Scott
Gorham und Brian Roberston an den Gitarren schlicht als die
Beste. Hier zeigen sie, warum das stimmen könnte. Still
Dangerous... wird auf den Punkt gespielt, lässig
und trotzdem mit Power, alles gerahmt von Phil Lynotts warmer
Stimme, die den Songs eine gehörige Portion Seele zusätzlich
mit auf den Weg gibt. Es wird kein Hochgeschwindigkeits-Metal
geboten, sondern mit einer Intimität gerockt, als wäre
noch die größte Halle ein verräucherter Pub
um die Ecke. Große Kunst, gerade weil es nicht angestrengt
klingt, nicht dröhnt wie mit dem Vorschlaghammer gedroschen,
sondern fließt. Besonders schön am Gastauftritt des
Saxophonisten John Adams bei Dancing In The Moonlight
zu hören, hinter dem die Band entspannt jammt, während
er die Melodieführung übernimmt – bis die Gitarren
wieder einsetzen. Nur einer der Höhepunkte des Albums und
sogar einen Tick besser als die Version auf Live &
Dangerous.
32 Jahre sind seit der Entstehung des Albums vergangen, doch
Still Dangerous – Live At The Tower Theatre Philadelphia
1977 wirkt auch heute noch. Klar, effizient und voller
Leidenschaft, zeigt die Band ihren Epigonen wie Pride Tiger
oder The Answer, dass da noch einige Meter zu bewältigen
sind, bevor man da ankommt, wo THIN LIZZY schon vor Dekaden
waren.