Wenn
THE TANGENT ein Album veröffentlichen, lassen sie
sich nicht lumpen. Waren es bisher randvolle Einzel-CDs, so
ist Not As Good As The Book – wie schon
die Live Scheibe Going Off On One - eine fast
hundertminütige Doppel-CD. „Es ist eine humorvolle
Science Fiction Story, über einen Mann, der sich in der
Zeit verloren hat“, sagt Andy Tillison, der Kopf von
THE TANGENT, zum neuesten Output, das in der Special
Edition mit 100seitigem Booklet und aufwändig illustrierter
Kurzgeschichte kommt. Mal was anderes, als die ewigen Bonustracks
oder Making-Of CDs/ DVDs.
Was aber spielt sich musikalisch auf dem vierten Studio-Album
der englischen Band ab? Was als erstes auffällt: der Canterbury-Einfluss
hat abgenommen, dafür erlebt der Retro-Prog eine Konjunktur.
Besonders auf der ersten CD ist die Nähe zu den Flower
Kings spürbar; kein Wunder, spielt doch mit Jonas Reingold
und Jaime Salazar die Rhythmus-Sektion der Band auch bei THE
TANGENT eine wichtige Rolle. Roine Stolt läuft allerdings
nicht mehr auf - und das ist auch gut so. Denn die Nähe
zu den FloKis ist zwar vorhanden, doch sie erschlägt den
Sound nicht. THE TANGENT gehen wesentlich kompakter und
griffiger vor, ebenso geht ihnen das Technokratische der Blumenkönige
ab. Stattdessen gibt es Ausflüge in den Jazz – solchen,
der zum schnellen Tanztee gereicht wird, der niemals wehtut
und sich seiner Nähe zu Supertramp nicht schämt. Das
Theo Travis seinen Vorgänger David Jackson studiert hat,
wird ebenfalls an der ein oder anderen Stelle deutlich. Im letzten
Stück der ersten CD Bat Out Of Basildon schließlich,
finden sich leichte Anklänge an die kommerziellen Momente
eines Frank Zappa wieder.
Ist die erste CD schon sehr ordentlich, so bietet Silberling
Nr. 2 den Höhepunkt des Sets. 2 Tracks von jeweils 22 Minuten,
laut Infoblatt aber unterteilt in vier, bzw. 9 Parts, die es
aber in sich haben. Hier taucht die Band noch tiefer in die
Vergangenheit ein und klingt trotzdem modern genug, um nicht
als hoffnungslose Nostalgiker abgetan zu werden. Denn die Songs
rocken. Gerade so, als hätten die legitimen Erben von Genesis,
Caravan, Van der Graaf und Supertramp beschlossen, der Welt
zu zeigen, dass Bildungsbürgermucke Feuer im Hintern haben
kann. Natürlich gibt es Tempowechsel en masse, wird geschwindigkeitsmäßig
keine Schallmauer durchbrochen, aber die Melodien zünden
und jegliches überflüssige Geschwurbel, ob esoterischer
oder spieltechnischer Art – das man bei Longtracks immer
befürchten muss –, entfällt. Das macht Spaß
und ist eine Herausforderung für die Repeat-Taste, denn
es gibt viel zu entdecken (alleine die Genesis-Zitate können
Spurensucher glücklich machen). Entspricht zwar nicht dem
Sinn eines Konzeptalbums, aber da sind wir ja kulant.
In Punkten: CD 1 – 7,5 / CD 2: 9 macht Summa Summarum
8,25
PS.: Ein besonderes Lob noch für Julie King, die auf CD
2 gesanglich zu Wort kommen darf. Ihre irgendwo zwischen der
jungen(!) Grace Slick und Annie Haslam angesiedelte Stimme hat
bezaubernden Flair. Mehr davon!