THE TANGENT – Not As Good As The Book

 
Label: InsideOut Music
Release: 29.02.2008
Von: Joking
Punkte: 8.5/10
Time: 94:47
Stil: Progressive Rock
URL: The Tangent
 
Wenn THE TANGENT ein Album veröffentlichen, lassen sie sich nicht lumpen. Waren es bisher randvolle Einzel-CDs, so ist Not As Good As The Book – wie schon die Live Scheibe Going Off On One - eine fast hundertminütige Doppel-CD. „Es ist eine humorvolle Science Fiction Story, über einen Mann, der sich in der Zeit verloren hat“, sagt Andy Tillison, der Kopf von THE TANGENT, zum neuesten Output, das in der Special Edition mit 100seitigem Booklet und aufwändig illustrierter Kurzgeschichte kommt. Mal was anderes, als die ewigen Bonustracks oder Making-Of CDs/ DVDs.
Was aber spielt sich musikalisch auf dem vierten Studio-Album der englischen Band ab? Was als erstes auffällt: der Canterbury-Einfluss hat abgenommen, dafür erlebt der Retro-Prog eine Konjunktur. Besonders auf der ersten CD ist die Nähe zu den Flower Kings spürbar; kein Wunder, spielt doch mit Jonas Reingold und Jaime Salazar die Rhythmus-Sektion der Band auch bei THE TANGENT eine wichtige Rolle. Roine Stolt läuft allerdings nicht mehr auf - und das ist auch gut so. Denn die Nähe zu den FloKis ist zwar vorhanden, doch sie erschlägt den Sound nicht. THE TANGENT gehen wesentlich kompakter und griffiger vor, ebenso geht ihnen das Technokratische der Blumenkönige ab. Stattdessen gibt es Ausflüge in den Jazz – solchen, der zum schnellen Tanztee gereicht wird, der niemals wehtut und sich seiner Nähe zu Supertramp nicht schämt. Das Theo Travis seinen Vorgänger David Jackson studiert hat, wird ebenfalls an der ein oder anderen Stelle deutlich. Im letzten Stück der ersten CD Bat Out Of Basildon schließlich, finden sich leichte Anklänge an die kommerziellen Momente eines Frank Zappa wieder.
Ist die erste CD schon sehr ordentlich, so bietet Silberling Nr. 2 den Höhepunkt des Sets. 2 Tracks von jeweils 22 Minuten, laut Infoblatt aber unterteilt in vier, bzw. 9 Parts, die es aber in sich haben. Hier taucht die Band noch tiefer in die Vergangenheit ein und klingt trotzdem modern genug, um nicht als hoffnungslose Nostalgiker abgetan zu werden. Denn die Songs rocken. Gerade so, als hätten die legitimen Erben von Genesis, Caravan, Van der Graaf und Supertramp beschlossen, der Welt zu zeigen, dass Bildungsbürgermucke Feuer im Hintern haben kann. Natürlich gibt es Tempowechsel en masse, wird geschwindigkeitsmäßig keine Schallmauer durchbrochen, aber die Melodien zünden und jegliches überflüssige Geschwurbel, ob esoterischer oder spieltechnischer Art – das man bei Longtracks immer befürchten muss –, entfällt. Das macht Spaß und ist eine Herausforderung für die Repeat-Taste, denn es gibt viel zu entdecken (alleine die Genesis-Zitate können Spurensucher glücklich machen). Entspricht zwar nicht dem Sinn eines Konzeptalbums, aber da sind wir ja kulant.
In Punkten: CD 1 – 7,5 / CD 2: 9 macht Summa Summarum 8,25
PS.: Ein besonderes Lob noch für Julie King, die auf CD 2 gesanglich zu Wort kommen darf. Ihre irgendwo zwischen der jungen(!) Grace Slick und Annie Haslam angesiedelte Stimme hat bezaubernden Flair. Mehr davon!