Hui, was ein Brocken! Die MICHAEL GIRA eigene Plattenfirma Young God Records veröffentlicht die beiden 1995 erschienenen Scheiben The Great Annihilator von den SWANS und Drainland als Soloalbum von MICHAEL GIRA im Doppelpack – das bedeutet, fast zwei Stunden Musik am Limit. Beide Alben haben musikalisch und textliche Bezüge zueinander und waren schon damals als Begleit-Alben gedacht.
Einschub Nerdwissen – die Künstlerin Jarboe, zu diesem Zeitpunkt noch Mitglied bei den SWANS und mitwirkend an Drainland, veröffentlichte 1995 ebenfalls ein Album namens Sacrificial Cake, was angeblich auch ein Begleitalbum zu Drainland sein soll – Hmmhh, verdammt, warum haben sie das nicht direkt dazu gepackt?
Die SWANS bieten, wie schon fast üblich, einen undefinierbaren Mix verschiedener Stile: noisig, experimentell und höchst atmosphärisch. The Great Annihilator dürfte dabei das erste Album sein, dass alle bisherigen Stile der Band zusammenfasst und die epischen Ausmaße annimmt, welche von der Band auf den nachfolgenden Alben kultiviert wurde. Ob Postpunk, Gothic, Noise oder Industrial – all diese Stile finden sich in irgendeiner Form auf The Great Annihilator wieder und das trotzdem in sehr homogener Form. Aber die fast siebzig Minuten verlangen hohe Aufmerksamkeit und Geduld – wie üblich bieten die SWANS keine leichte Kost, auch wenn sich hier und da poppige, folkige, harmonische oder gar ruhige Elemente in den krachig-kathedralenhaften Sound geschlichen haben. Das sonore predigen von Sänger MICHAEL GIRA oder die sirenenhafte Jarboe machen die SWANS unverkennbar.
Drainland von MICHAEL GIRA ist da das reduzierte, ja fast schon folkige Gegenstück dazu. Wo The Great Annihilator weite Klangflächen bilden, bleibt Drainland intim – wo die SWANS draufhauen, zieht sich MICHAEL GIRA zurück – ein spannender Gegensatz, den man unbedingt in dieser Kombination genießen sollte. Ob das jetzt Gothic-Folk oder Neofolk genannt werden darf, ist mir ziemlich egal. Das mit 45 Minuten eher in normaler Länge gehaltene Drainland steht dem großen Begleit-Album in nichts nach und dürfte die Blaupause für MICHAEL GIRAs Soloprojet Angels Of Lightgewesen sein, welches in der SWANS-Pause das Licht erblickte und den musikalischen Faden am ehesten aufnimmt.
Dieser Doppelpack bietet spannende Musik in Reinkultur, in dieser Form unvergleichlich und auch musikalisch absolut einzigartig. Wer sich an den ganzen Brocken nicht so ganz rantraut, hört sich von den SWANS Celebrity Lifestyle und von MICHAEL GIRA Unreal an, um einen kurzen Eindruck von der Wucht und der Intimität der beiden Platten zu bekommen.