So, da haben
wir also ausgerechnet beim selbstbetitelten Jubiläumsalbum
(25 Jahre SODOM gibt’s zu feiern) eins
der bisher ungewöhnlichsten, nein: DAS bisher ungewöhnlichste
Erzeugnis von Angelripper & Co. Durchaus gewagt. Denn vielen
alten Fans – zu denen auch ich mich zähle - könnte
und wird Sodom einiges an Kopfzerbrechen
bereiten. Ich gebe es auch ganz unumwunden zu: Nach dem ersten
Hören war ich einigermaßen überrascht, und zwar
nicht gerade im positiven Sinn. Auch jetzt noch, beim sechsten
Durchlauf, habe ich so meine Probleme mit der Scheibe, die zwar
sehr hörenswert, aber eben teilweise auch sehr SODOM-untypisch
ist. Der fette Thrash, den man auf den letzten beiden Alben
wieder zelebriert hat, ist immer noch da, ist aber mit allerlei
Zutaten gespickt worden, von denen man nicht unbedingt alle
mögen muss. Eins ist aber klar: Das Album verdient es,
dass man sich genauer mit ihm auseinandersetzt. Schon die akustische
Einleitung deutet an, dass auf den SODOM-Hörer
etwas Ungewöhnliches zukommt, und bereits das erste Stück
Blood On Your Lips ist abwechslungsreicher als das
meiste, was man bisher von der Band kennt. Trotz teilweise brachialer
Härte fällt der hohe Melodieanteil auf, der das Album
auch im weiteren Verlauf prägt. Der Mittelteil der Nummer
ist äußerst gewöhnungsbedürftig. Jedenfalls
mutig, dass man das Stück an den Anfang gestellt hat. Bei
Wanted Dead wird die Sache dann noch deutlich schneller
und heftiger, und noch stärker erinnern die langgezogenen
Schreie im Strophenteil an Slayer in den 90er Jahren. Überhaupt:
Angelripper schreit mehr denn je, das Grunzen ist dagegen leider
fast völlig verschwunden – eine Neuerung, die nicht
ganz meinen Geschmack trifft, ebenso wenig wie die Gesangs-
und sonstigen Effekte, die hier in einem gewissen Maß
Einzug gehalten haben. Buried In The Justice Ground
ist die SODOM-Variante einer klassischen Heavy
Metal – Hymne, wobei hier mit einem Refrain aufgewartet
wird, der einerseits eingängig, andererseits durch seine
Vielschichtigkeit auch wieder irgendwie sperrig ist. Klingt
seltsam, oder? Anhören! Danach wird das Tempo wieder deutlich
angezogen, trotzdem behält City Of God neben thrashigen
Passagen auch den Melodiefaktor bei. Vor allem bei der Leadarbeit
ist letzterer auf Sodom wirklich erstaunlich,
da Herr Angelripper sich gegen melodische Soli ja früher
vehement gesträubt und den Gitarristen Bernemann bisher
immer von solchen abgehalten hat. Musikalisch etwas weniger
spektakulär sind das harte, schnelle Bibles & Guns
und das langsamere Axis Of Evil ausgefallen, sieht
man vom gesprochenen Mittelteil bei letzterem ab. Aufgrund der
Titel (Texte liegen mir leider keine vor) vermute ich aber,
dass hier die politischen und gesellschaftlichen Auswüchse
in den USA ihr verdientes Fett abkriegen. Gut so, vor allem
nach dem – ganz egal wie es vielleicht (nicht) gemeint
war – leicht verantwortungslosen „Tötet Osama
Bin Laden“ – Gebrabbel, das Angelripper 2002 auf
etlichen Konzerten von sich gegeben hat. Weiter geht es mit
Lords Of Depravity, einer Nummer, die auch auf Tapping
The Vein, Code Red oder
M-16 stehen hätte können
und damit wohl das „herkömmlichste“ hier vertretene
Stück ist. Apropos M-16: Ich
bin nach wie vor der Ansicht, dass dieses Album die packenderen
Hits aufweist, als der vorliegende Nachfolger. Okay, was hätten
wir da noch? Da wäre einmal das gutklassige, ausgewogene,
zwischen Thrash und Melodie hin und her pendelnde No Captures,
dem mit Lay Down The Law eine tolle Komposition folgt,
die Melodie, Groove, Abwechslung und Eingängigkeit ebenso
wie traditionelles und neues vereinigt – sehr empfehlenswert.
Der Punk-Thrash regiert dann bei dem schnellen, einfachen, aber
irgendwie doch auch im neuen Stil gehaltenen Nothing To
Regret, bevor die schon vom Live-Album One
Night In Bangkok bekannteThe Enemy Inside
Nummer den Abschluss bildet, welche nochmal alle Elemente dieses
Albums beinhaltet. Ich mag einiges von dem, dass mir da zusätzlich
zum gewohnten Thrash aufgetischt wird, nicht sonderlich. Unbestreitbar
ist allerdings, dass die Dinge sehr kompetent zu wirklich gelungenen
Kompositionen zusammengefügt worden sind. Obwohl sich meine
konservative und puristische Thrasher-Seele dagegen sträubt,
zücke ich 8 Punkte. Die Qualität des Gebotenen rechtfertigt
keine niedrigere Bewertung.