MÜTTERLEIN… das ist schon ein sonderbarer Band- bzw. Projektname (insbesondere, da er von einer jungen Französin kommt), der seltsame Assoziationen und ja, sogar eine gewisse Abwehrhaltung heraufbeschwört. M Ü T T E R L E I N… muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Aber, natürlich macht solch ein Name auch direkt neugierig darauf, wer und was sich dahinter verbirgt.
Musikalisch beschrieben mit Dark, Ritual, Noise, Doom, Ambient, Black, Post und experimentell, um nur ein paar der Begriffe in den Raum zu werfen, tauchte der Name auf dem Line-Up von Festivals auf, die für außergewöhnliche wie außenseitige Künstler bekannt sind, wie z.B. das Roadburn, Ascension, L'Homme Sauvage und im letzten Jahr das Servants Of Chaos.
Beste Referenzen also, um mich sofort in den Bann zu ziehen. Und doch ist das zweite Album Bring Down The Flags (2021) fast unbemerkt und am Rande an mir vorbeigehuscht. Es war der Live-Mittschnitt vom Servants Of Chaos Festival, der mich letzten Endes umgehauen hat. Und nun hat (das) MÜTTERLEIN meine ungeteilte Aufmerksamkeit ;)
MÜTTERLEIN ist das Soloprojekt der Komponistin und Multiinstrumentalistin Marion Leclercq, dass sie sich nach der Auflösung ihrer damaligen Band Overmars aufgebaut hat. Um es gleich vorweg zu nehmen: Musikalisch liegt sie weit, weit ab von den einstigen Sludge Metallern.
Den Namen MÜTTERLEIN hat Marion Leclercq übrigens in Anspielung auf die deutsche 60iger und 70iger Jahre Ikone Nico gewählt, die, wie sie sagt, „in vielerlei Hinsicht den unerträglichen Mythos der „Weiblichkeit“, der uns auferlegt wurde, zerlegt hat“.
Frauen und Weiblichkeit sind das große Thema bei Marion Leclercq bzw. deren Mißbrauch. Auch das brandneue dritte Werk, Amidst The Flames, May Our Organs Resound, dreht sich inhaltlich um den Mißbrauch des weiblichen Körpers als historisches Trauma: „Amidst The Flames, May Our Organs Resound is a musical tribute, a memorial work that explores the deep wounds left by oppression throughout history. This album is an ode to all those who have suffered in silence, especially women, whose bodies have been instrumentalised and sacrificed…”
Mit Amidst The Flames, May Our Organs Resoundf eilt und formt Marion Leclercq weiter am Sound des Vorgängers. Die Produktion ist klarer, wuchtiger und definierter ausgefallen, die Songs sind noch dichter und eindringlicher. Der Gesang tritt deutlicher heraus, als noch auf dem Zweitwerk, überlässt aber dennoch den Klanglandschaften die Führung und Atmosphäre und setzt lediglich Akzente. Die Stimme von Marion Leclercq ist roh und intensiv, besonders bei Division Of Pain, ein Song bei dem sie musikalisch ein Stück weit ausbricht. In klaren Momenten erinnert sie mich ein wenig an Brutus‘ Stefanie Mannaerts. Auch die elektronischen Beats sind härter geworden und erinnern mich an ihren Landsmann Perturbator.
Amidst The Flames, May Our Organs Resound ist ein zorniges Album, klaustrophobisch, düster und dystopisch. Melancholie hat hier keinen Platz. Die Atmosphäre entwickelt sich wie von selbst mit den ersten Klängen – Leclercq versucht nicht, sie zu inszenieren oder künstlich aufzusetzen, und das finde ich schon ziemlich beeindruckend.
Gleichzeitig ist Amidst The Flames, May Our Organs Resound aber auch ausgesprochen hypnotisch. Monoton gehaltene und sich wiederholende Drum- und Rhythmus-Muster erzeugen einen beinahe rituellen Charakter, besonders gut bei Ivory Claws zu hören. Allerdings ist dieser Track gleichzeitig auch ein gutes Beispiel dafür, dass die eben angesprochene Monotonie und die Repetitionen immer ein Stückchenen mehr ins Ziellose mäandern. Und zwar nach dem makellosen Eröffnungsduo aus dem Intro Anarcha und Concrete Black in der Reihenfolge der Songs. Division Of Pain reisst es noch einmal ein bisschen heraus, nur um danach merklicher abzufallen.
Bei Memorial One und Memorial Two erhält Marion Leclercq die Unterstützung von Dehn Sora (zeichnet auch für alles Visuelle auf diesem Album verantwortlich) und seinem Ambient-Projekt Treha Sektori (übrigens Teil der Church Of Ra, zu dem auch MÜTTERLEIN sehr gut passen würde).
Das Album ist so düster, dass es einen unweigerlich runterziehen müsste. Tut es aber nicht. Es ist eher ein Album, in das man sich fallenläßt, um sich darin zu verlieren. Und diese Verlorenheit wird durch gelegentliche Breaks verstärkt, welche die Grenzen zwischen den Songs verwischen und Amidst The Flames, May Our Organs Resound zu einem Gesamtwerk machen.
Zugegeben, man muss ein Faible für diese Art von Musik haben, sonst wird dieses Album wohl eher ein Alptraum. Auch hängt die Intensität des Albums sicherlich von der eigenen aktuellen Befindlichkeit ab, ähnlich, wie bei einer Amenra Hörerfahrung.
Die Unzulänglichkeiten des Albums sind marginal und reduzieren in keiner Weise das Hörerlebnis. Ich bin jedenfalls absolut fasziniert von Amidst The Flames, May Our Organs Resound und kann gar nicht genug davon bekommen. Und nun muss ich mir MÜTTERLEIN unbedingt live anschauen!