MORGANA LEFAY – Grand Materia

 
Label: Black Mark
Release: 25.04.2005
Von: Rev/moonchild
Punkte: 10/10
Time: 59:39
Stil: Power/Thrash/Prog Metal
URL: Morgana Lefay
 

Einige von Euch werden sich sicherlich noch an die schwedische Band MORGANA LEFAY erinnern, die Mitte der Neunziger durch überragende Alben wie The Secret Doctrine, Sanctified oder Maleficium kleinere Erfolge verbuchen konnte. Sie unterschieden sich bereits damals von den Bands ihrer Zeit durch ihre eigenwillige, völlig eigenständige Auslegung von Power-Metal, verknüpft mit dezent progressiven Elementen und einer unnachahmlichen Geschichtenerzähler-Atmosphäre. Im Jahre 1997 gab es einen größeren Einschnitt in der Karriere der Band und drei der ursprünglichen Mitglieder verliessen MORGANA LEFAY. Nur Sänger Charles Rytkönen und Gitarrist Tony Eriksson blieben übrig und fanden sich mit neuen Mitstreitern im Jahre 1998 unter dem Namen LEFAY auf Noise Records wieder. Die drei Ex-Kollegen veröffentlichten unter dem alten Label Black Mark noch ein (mäßiges) Album, welches allerdings nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Material zutun hatte. Für viele Fans war klar: Die „echten“ MORGANA LEFAY sind tot! Trotzdem waren Charles und Tony mit LEFAY recht fleißig und veröffentlichten immerhin zwei ganz ordentliche Alben (The Seventh Seal, 1999 und S.O.S., 2000), die stilistisch an das frühere Material anzuknüpfen versuchten, jedoch nicht durchgängig die Atmosphäre der Anfangstage vermitteln konnten. Danach wurde es still um LEFAY, und bis auf ein paar Konzerte in Schweden hörte man bis vor Kurzem nichts von ihnen. In der Tat war es aber so, dass man bereits am Anfang des Jahres 2004 Ideen für ein Konzeptalbum unter dem Arbeitstitel Grand Materia sammelte und mit dem Proben wieder anfing. Es kam ihnen also sehr gelegen, dass ihnen ihr altes Label Black Mark im Herbst einen neuen Vertrag anbot, den sie auch prompt unterschrieben. Von nun an nannte durfte man sich wieder MORGANA LEFAY nennen. Der Grundstein für ein weiteres Album war somit gelegt, und die Arbeit an Grand Materia ging in die heiße Phase.
Nun halten wir das neue Album in den Händen. Für das Cover wurde ein weiteres Mal Kristian Wåhlin (Necrolord) verpflichtet, der sich konzeptionell an seinen früheren Arbeiten für die Band orientiert und uns ein Motiv geliefert hat, welches qualitativ wie auch atmosphärisch in einem Atemzug mit dem Artwork des The Secret Doctrine Albums genannt werden darf. Wir ahnen bereits: Nostalgie kommt hier nicht zu kurz. Die CD startet mit dem Titeltrack Grand Materia, einem melodiösen, im mittleren Tempo gehaltenen Song mit mitsingtauglichem Refrain und exzellentem, progressiven Drumming, der sicher einer der Hits auf zukünftigen Konzerten der Band werden könnte. Ebenfalls positiv zu erwähnen ist hier Charles’ Gesang, theatralisch und mitreißend wie zu den besten Zeiten und dennoch kein Stück antiquiert oder blutleer. Nach knappen 6 Minuten sind wir gut eingestimmt und es geht weiter mit My Funeral Is Calling, der bedrohlich mit cleanen Gitarren beginnt und schnell in ein Thrash-Gewitter umschlägt. Ein wütender, verzweifelter Refrain und wiederkehrende sanfte Parts bilden einen wunderbaren Kontrast, und ein sehr schönes Solo im Mittelteil zeigt, dass sich die Band trotz ihrer scheinbaren Inaktivität weiterentwickelt hat. Der dritte Song, Only Endless Time Remains, ist der wohl ruhigste, den MORGANA LEFAY je geschrieben haben. Als zahnlos kann man ihn jedoch nicht bezeichnen: Es ist eine schöne Ballade, die ohne jegliche Screams auskommt und bei der lediglich im letzten Teil, auf dem Höhepunkt des Songs, verzerrte Gitarren eingesetzt werden. Sie zeigt die gefühlvolle Seite des Charles Rytkönen, der erneut eindrucksvoll seine Gesangskünste unter Beweis stellt. Unheilvoll und klar geht es dann auch im Song Hollow weiter, der sich jedoch schnell zu einer weiteren Mitgrölnummer entwickelt, die mit schwerem Riffing und stampfendem Rhythmus sicherlich für so manchen Nackenbruch sorgen wird. Wir möchten jetzt jedoch nicht auf jeden der 12 Songs detailliert eingehen, sondern lediglich erwähnen, dass sie sich qualitativ ausnahmslos auf einem sehr hohen Niveau bewegen und es keine Lückenfüller oder B-Seiten auf diesem Album gibt. Besonders erwähnenswert seien hier noch On The Other Side, eine Halbballade, die stilistisch eng verwandt mit früheren Songs wie The Mirror oder Alley Of Oaks ist und schon jetzt als Klassiker bezeichnet werden darf, sowie Angels Deceit, eine flotte Uptempo-Nummer mit eingängigem Refrain und stimmigem Gesang, die sicherlich der modernste Song ist, den die Band bis dato zu Tage gebracht hat. (Und das meinen wir nicht negativ, denn New-Metal Elemente sucht man hier glücklicherweise vergeblich!). Den Ausklang des Albums bildet das depressiv-doomige, schleppende My Task Is Done, welches den Hörer nach einem knapp 60-minütigen Wechselbad der Gefühle in einem nachdenklichen Zustand zurücklässt und das Bedürfnis weckt, sich ein weiteres Mal auf diese spannende musikalische Reise zu begeben.
Konzeptionell befasst sich Grand Materia mit der Lebensgeschichte des Alchemisten, der den Stein der Weisen gefunden hat, aber feststellen musste, dass die Unsterblichkeit eines Menschen die Urfesten der Zeit erschüttert und somit das Überleben der gesamten Menschheit gefährdet. Er erkennt, dass nur sein eigener Tod dieses Unheil von der Menschheit abwenden kann. Die limitierte Digipak-Ausgabe des Albums verfügt über ein umfangreiches Booklet, welches die komplette von Charles Rytkönen verfasste Geschichte beinhaltet. Die Musik fängt die Stimmung der Erzählung gut ein und wirkt auch wenn man sie vom Konzept entkoppeln würde wie aus einem Guss. Man hat den Eindruck, man hätte es mit einem Gesamtkunstwerk zutun, welches man durchaus als Plädoyer für die Endlichkeit des menschlichen Lebens werten darf. Sicher ist, dass MORGANA LEFAY hier ein ganz großer Wurf gelungen ist und Grand Materia ohne Zweifel eins ihrer stärksten Alben, wenn nicht sogar das stärkste, ist. Wir hoffen, dass wir in Zukunft noch Einiges von dieser Band hören werden, und wünschen ihr, dass sie endlich den Erfolg haben wird, der ihr eigentlich schon seit 10 Jahren gebührt. Denn mal ehrlich: Welcher Band sollte man dies mehr gönnen?