Einige von
Euch werden sich sicherlich noch an die schwedische Band MORGANA
LEFAY erinnern, die Mitte der Neunziger durch überragende
Alben wie The Secret Doctrine, Sanctified
oder Maleficium kleinere Erfolge verbuchen
konnte. Sie unterschieden sich bereits damals von den Bands
ihrer Zeit durch ihre eigenwillige, völlig eigenständige
Auslegung von Power-Metal, verknüpft mit dezent progressiven
Elementen und einer unnachahmlichen Geschichtenerzähler-Atmosphäre.
Im Jahre 1997 gab es einen größeren Einschnitt in
der Karriere der Band und drei der ursprünglichen Mitglieder
verliessen MORGANA LEFAY. Nur Sänger Charles
Rytkönen und Gitarrist Tony Eriksson blieben übrig
und fanden sich mit neuen Mitstreitern im Jahre 1998 unter dem
Namen LEFAY auf Noise Records wieder. Die drei
Ex-Kollegen veröffentlichten unter dem alten Label Black
Mark noch ein (mäßiges) Album, welches allerdings
nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Material zutun hatte.
Für viele Fans war klar: Die „echten“ MORGANA
LEFAY sind tot! Trotzdem waren Charles und Tony mit
LEFAY recht fleißig und veröffentlichten
immerhin zwei ganz ordentliche Alben (The Seventh
Seal, 1999 und S.O.S.,
2000), die stilistisch an das frühere Material anzuknüpfen
versuchten, jedoch nicht durchgängig die Atmosphäre
der Anfangstage vermitteln konnten. Danach wurde es still um
LEFAY, und bis auf ein paar Konzerte in Schweden
hörte man bis vor Kurzem nichts von ihnen. In der Tat war
es aber so, dass man bereits am Anfang des Jahres 2004 Ideen
für ein Konzeptalbum unter dem Arbeitstitel Grand
Materia sammelte und mit dem Proben wieder anfing.
Es kam ihnen also sehr gelegen, dass ihnen ihr altes Label Black
Mark im Herbst einen neuen Vertrag anbot, den sie auch prompt
unterschrieben. Von nun an nannte durfte man sich wieder MORGANA
LEFAY nennen. Der Grundstein für ein weiteres
Album war somit gelegt, und die Arbeit an Grand
Materia ging in die heiße Phase.
Nun halten wir das neue Album in den Händen. Für das
Cover wurde ein weiteres Mal Kristian Wåhlin (Necrolord)
verpflichtet, der sich konzeptionell an seinen früheren
Arbeiten für die Band orientiert und uns ein Motiv geliefert
hat, welches qualitativ wie auch atmosphärisch in einem
Atemzug mit dem Artwork des The Secret Doctrine
Albums genannt werden darf. Wir ahnen bereits: Nostalgie kommt
hier nicht zu kurz. Die CD startet mit dem Titeltrack Grand
Materia, einem melodiösen, im mittleren Tempo gehaltenen
Song mit mitsingtauglichem Refrain und exzellentem, progressiven
Drumming, der sicher einer der Hits auf zukünftigen Konzerten
der Band werden könnte. Ebenfalls positiv zu erwähnen
ist hier Charles’ Gesang, theatralisch und mitreißend
wie zu den besten Zeiten und dennoch kein Stück antiquiert
oder blutleer. Nach knappen 6 Minuten sind wir gut eingestimmt
und es geht weiter mit My Funeral Is Calling, der bedrohlich
mit cleanen Gitarren beginnt und schnell in ein Thrash-Gewitter
umschlägt. Ein wütender, verzweifelter Refrain und
wiederkehrende sanfte Parts bilden einen wunderbaren Kontrast,
und ein sehr schönes Solo im Mittelteil zeigt, dass sich
die Band trotz ihrer scheinbaren Inaktivität weiterentwickelt
hat. Der dritte Song, Only Endless Time Remains, ist
der wohl ruhigste, den MORGANA LEFAY je geschrieben
haben. Als zahnlos kann man ihn jedoch nicht bezeichnen: Es
ist eine schöne Ballade, die ohne jegliche Screams auskommt
und bei der lediglich im letzten Teil, auf dem Höhepunkt
des Songs, verzerrte Gitarren eingesetzt werden. Sie zeigt die
gefühlvolle Seite des Charles Rytkönen, der erneut
eindrucksvoll seine Gesangskünste unter Beweis stellt.
Unheilvoll und klar geht es dann auch im Song Hollow
weiter, der sich jedoch schnell zu einer weiteren Mitgrölnummer
entwickelt, die mit schwerem Riffing und stampfendem Rhythmus
sicherlich für so manchen Nackenbruch sorgen wird. Wir
möchten jetzt jedoch nicht auf jeden der 12 Songs detailliert
eingehen, sondern lediglich erwähnen, dass sie sich qualitativ
ausnahmslos auf einem sehr hohen Niveau bewegen und es keine
Lückenfüller oder B-Seiten auf diesem Album gibt.
Besonders erwähnenswert seien hier noch On The Other
Side, eine Halbballade, die stilistisch eng verwandt mit
früheren Songs wie The Mirror oder Alley Of
Oaks ist und schon jetzt als Klassiker bezeichnet werden
darf, sowie Angels Deceit, eine flotte Uptempo-Nummer
mit eingängigem Refrain und stimmigem Gesang, die sicherlich
der modernste Song ist, den die Band bis dato zu Tage gebracht
hat. (Und das meinen wir nicht negativ, denn New-Metal Elemente
sucht man hier glücklicherweise vergeblich!). Den Ausklang
des Albums bildet das depressiv-doomige, schleppende My
Task Is Done, welches den Hörer nach einem knapp 60-minütigen
Wechselbad der Gefühle in einem nachdenklichen Zustand
zurücklässt und das Bedürfnis weckt, sich ein
weiteres Mal auf diese spannende musikalische Reise zu begeben.
Konzeptionell befasst sich Grand Materia
mit der Lebensgeschichte des Alchemisten, der den Stein der
Weisen gefunden hat, aber feststellen musste, dass die Unsterblichkeit
eines Menschen die Urfesten der Zeit erschüttert und somit
das Überleben der gesamten Menschheit gefährdet. Er
erkennt, dass nur sein eigener Tod dieses Unheil von der Menschheit
abwenden kann. Die limitierte Digipak-Ausgabe des Albums verfügt
über ein umfangreiches Booklet, welches die komplette von
Charles Rytkönen verfasste Geschichte beinhaltet. Die Musik
fängt die Stimmung der Erzählung gut ein und wirkt
auch wenn man sie vom Konzept entkoppeln würde wie aus
einem Guss. Man hat den Eindruck, man hätte es mit einem
Gesamtkunstwerk zutun, welches man durchaus als Plädoyer
für die Endlichkeit des menschlichen Lebens werten darf.
Sicher ist, dass MORGANA LEFAY hier ein ganz
großer Wurf gelungen ist und Grand Materia
ohne Zweifel eins ihrer stärksten Alben, wenn nicht sogar
das stärkste, ist. Wir hoffen, dass wir in Zukunft noch
Einiges von dieser Band hören werden, und wünschen
ihr, dass sie endlich den Erfolg haben wird, der ihr eigentlich
schon seit 10 Jahren gebührt. Denn mal ehrlich: Welcher
Band sollte man dies mehr gönnen?