Gewohnt tiefgründig
und lyrisch alles andere als kitschig oder gar peinlich, lassen
uns HELRUNAR an ihrem musikalischen Universum teilhaben,
das von Kontrasten lebt. Das beginnt schon beim Gesang - die
naturnahen Texte werden richtig fies gekeift oder auch im
Gegensatz sehr zurückhaltend, sprechend oder flüsternd
interpretiert. Die leisen und reduzierten Parts treffen mitten
ins Herz, wogegen die schnellen Ausbrüche extrem kraftvoll
ihre Muskeln spielen lassen.
Oft verweilen HELRUNAR längere Zeit im Midtempo
oder lassen ein Gitarrenriff einsam in der kargen Klanglandschaft
stehen, dann schleppen sie sich wie ein verwundetes Tier dahin
oder zelebrieren eiskalten Black Metal mit Stil.
Sól I
– Der Dorn Im Nebel:
Auf dem ersten Teil von Sól dominiert
die Atmosphäre, eingängige, heraus stechende Kompositionen
finden sich vorerst nicht – es sind die Dynamiken, die
den Stücken eine pulsierende Energie verleihen. Die Musiker
schrecken auch nicht vor unbequemen Melodien zurück,
die leichten Dissonanzen erzeugen eine frostige Stimmung.
Dabei überzeugen die Künstler sowohl in gedrosseltem
Tempo mit harschem Grollgesang als auch in den pfeilschnellen
Sequenzen. Schon beim Stück Kollapsar wird diese
variantenreiche Technik des Songaufbaus angewandt, Flüsterteil
inklusive. Oben erwähnter Zusatz „vorerst“
heißt so viel wie: nach dem 2. Hördurchgang packt
mich auch Sól I mit voller Wucht. Bei
Unter dem Gletscher geht es schleifend und hypnotisch
mit einem Hammerrefrain zur Sache, dann werfen uns HELRUNAR
im Stück Nebelspinne nur karge, aber umso eindringlichere
Worte zum genussvollen Verzehr vor; schlussendlich fegen sie
wie ein Föhnsturm mit dem Titel Tiefer Als Der Tag
alles hinfort, integrieren aber einen extrem ruhigen Teil
zum Spannungsaufbau, bevor der exzessive Schlussteil nur mehr
Asche hinterlässt. Das ist Musik zum Hören, Fühlen
und Genießen!
Sól II
– Zweige Der Erinnerung:
Die Hits, die den Hörer sofort anspringen, befinden sich
eher auf Sól II, vor allem Aschevolk
und Rattenkönig. Letzteres begeistert mit seiner
aufgetürmten Riffgewalt und dem heftigen Laut-Leise-Kontrast,
der formidabel Gänsehaut beschwört. Die schleppenden
Takte werden von hymnischen Leads abgelöst, die einem
im positivsten Sinne die Haare zu Berge stehen lassen. Stampfende
Rhythmen erhöhen den Energielevel noch einmal und lassen
nur verbrannte Erde und gefesselte Hörer zurück
– 11 Minuten akustischer Wahnsinn!
Danach schreitet der Moorgänger würdevoll
und unheimlich mächtig voran, mit zart gezupften Melodien
im Hintergrund. Doch trotzdem wird ständig das Gefühl
von unterschwelliger Aggression verbreitet – doch der
Ruhe folgt kein Sturm. Das gefällt mir an HELRUNAR
besonders: vorhersehbar sind sie selten!
Das Heldenepos Sól beschließt diesen Doppelschlag
in erhabener Weise: choralartige Gesänge und schwebende
Melodik vereinen sich mit schleppenden Takten. Die Band klingt
finster, beschwörend und einfach nur schwarz, lässt
zwischendurch aber mit sanften Gitarrentönen positive
Töne aufblitzen. Das Stück steigert sich mit feinen
Leadmelodien in einen instrumentalen Schlussrausch.
Abschließend sei ein höchst erfreuliches Fazit
gezogen: dieses Album ist ein wahrer Hochgenuss! Zerbrechlich-zarte
Akustikgitarren haben ebenso ihre Berechtigung wie aggressiver
Black Metal; der Stimmvortrag passt sich trefflich an und
variiert von sanftmütig bis garstig kreischend. Intensiv,
fordernd und emotional entwickelt Sól
eine unheimlich packende Dynamik, die langfristig süchtig
macht!