Es ist bitterkalt, eine einsame Spur im Schnee verliert sich in der hereinbrechenden Dunkelheit – der Tag weicht der Dämmerung, der sodann eine monddurchflutete Nacht folgt...dieses trostlose und doch hochemotionale Gefühl vermittelt HEIDNIR mit dem Debütalbum Von Nächtlichen Erinnerungen.
Aufgrund der Optik vermute ich eiskalt rasenden Black Metal mit infernalischer Kreischstimme, aber ich werde angenehm überrascht, denn die Klänge bewegen sich oft im mittelschnellen Bereich und die Stimmgebung erinnert eher an eine (Doom)Death-Metal-Band. Klar kommt die Geschwindigkeit nicht zu kurz, aber chaotische Raserei findet nicht statt.
Stattdessen packt Alleinunterhalter HEIDNIR den Hörer während der epischen Stücke mit pechschwarz stampfendem Nihilismus und monotonem Gleichmut; im Falle von Nachtvisionen fügt die Band dem erstaunlich gut produzierten Werk eine schwungvolle Black’n‘Roll-Note hinzu und überrumpelt das Auditorium mit zackiger Tempoverschärfung und hintergründiger Melodik, die bittersüß ihre unaufdringliche Effektivität ausspielt. Schleppende Teile lassen das grollende Organ in Verbund mit griffigen Melodien gut zur Geltung kommen, ehe ein Headbangerrhythmus die Nackenwirbel in Beschlag nimmt. Eine tolle Komposition also, die von atmosphärischer Dichte lebt und keine technischen Spielereien oder Experimente nötig hat, um vollends zu überzeugen.
Die anfangs doomigen Vibes sowie der knurrende Sprechpart am Ende bilden für die Komposition Auferstehung einen abwechslungsreichen Rahmen. Danach schafft es HEIDNIR, den Titel Wanderung Einer Geistgestalt adäquat mit einfachen musikalischen Mitteln umzusetzen, um Bilder im Kopf zu erzeugen – auch hier variiert der Musiker Tempo und Stimme wohltuend, wobei die Immortal-artigen Leads und ein harsches Break als zündende Dynamik- bzw. Harmonieverstärker positiv wahrgenommen werden.
Ein gutes Händchen für die richtige Dosis an erhabenen Melodien beweist HEIDNIR im Verlauf von So Erstrahle Das Licht, bei dem sich sowohl schleppende Rhythmen als auch kurze Tempospitzen harmonisch einfügen. Bei Teufel Erwache erzeugen leicht dissonante Töne ein beklemmendes Gefühl, wobei gegen Ende ein melodisches Lead für ein versöhnliches Finale sorgt.
Beim Titelstück Von Nächtlichen Erinnerungen wirft HEIDNIR noch einmal alles aus seinem Repertoire in die Schlacht: Klargitarren als Einleitung, knurrender Gesang, mächtig stampfende Parts mit tiefschwarzer Aura, einsame Gitarrenriffs und handfeste Attacken bilden eine bärenstarke Einheit.
Der direkter gewählte Aufbau des Abschlusssongs Und Die Sonn‘ Ward Kalt Und Schwarz beendet als vorerst knallharter Paukenschlag mit einem beeindruckenden Rezitativ ein pechschwarzes, negatives, bedrohliches und beklemmendes Werk, das durch wunderbare Leads sowie zurückhaltende Momente an Varianz und Eindringlichkeit noch zusätzlich Pluspunkte sammeln kann – so entwickelt sich dieses epische Album trotz seiner opulenten Spielzeit zu einem kurzweiligen Vergnügen mit emotionalem Tiefgang!