Meine Güte,
wohin soll das noch führen? Iskandar Hasnawi und Renaud
Tschirner, besser bekannt unter dem Namen ELEND,
beweisen auch auf ihrem neuesten Werk Sunwar The
Dead, dass normale Genre-Grenzen für sie
einfach nicht (mehr) gelten. Nach dem Abschluss der Officium
Tenebrarum Triologie und mehrjähriger Funkstille
kehrten die beiden im letzten Jahr mit Winds Devouring
Men zurück; dem Auftakt zu einem noch größer
angelegten Epos, nämlich dem fünfteiligen Winds
Cycle. Und hatte ich schon beim ersten Teil dieser
Pentalogie den Eindruck, als wollten ELEND
endgültig sämtliche Bombastgrenzen im Neoklassik-Bereich
sprengen, so treiben sie dieses Ziel (?) mit ihrem neuen Album
noch einmal ein Stück weiter.
Hier werden wirklich keine Aufwände gescheut, so dass diesmal
allein über 50 Musiker ins Studio drängelten, um die
klassischen Passagen und die Chöre aufzunehmen. Vermutlich
konnten sich die beiden Macher von ELEND damit
einen langgehegten Traum erfüllen, und die sich so auftuenden
Möglichkeiten nutzen sie auch nach allen Regeln der (modernen
musikalischen) Kunst aus!
Daher treffen auf diesem Album wieder einmal klassische, moderne
und elektronische Momente in höchster Vollendung aufeinander.
Bereits das erste Stück Chaomphalos klingt wie
eine unheilige Synthese aus schwärzestens CMI-Sounds und
Musik im Stile von Bartok, Ligeti oder Penderecki; also fast
schon befremdlich wirkende und sehr düstere Musik, mit
teilweise nur fragmentarisch auftauchenden Melodien und vielen
harten Breaks, mit extremen Laut/Leise-Kontrasten und sowohl
a-rhythmischen als auch atonalen Einsprengsel. Aber während
dieser erste Track noch relativ ruhig klingt, so zeigen ELEND
uns im zweiten Stück Ardour, welch geballte Wucht
in einem versammelten Orchester stecken kann. Das folgende Titelstück
nimmt diesen Faden auf, potenziert die Wirkung durch einen verstärkten
Trommeleinsatz und erreicht so ungekannte Härtegrade in
der Geschichte der Band. Aber man lässt auch noch mehr
elektronische Elemente als früher in den Gesamtsound einfließen:
obskure Geräusche und Klangcollagen sowie Industrialstilistiken
prägen nicht unwesentlich Stücke wie The Hemlock
Sea oder Poliorketika. Ebenso wenig lässt
sich der Gesang kategorisieren, der von einschmeichelnden Erzählstimmen
über bombastische Chöräle, Gewisper und verzerrten
Schreien im Prinzip sämtliche tonale Facetten abdeckt.
Lediglich zum textlichen Konzept kann ich nichts sagen, da weite
Teile der Lyrics in Griechisch oder Französisch verfasst
sind.
Um zu meiner Eingangsfrage zurückzukehren: wo soll das
noch hinführen? Schon Winds Devouring Men
erschien mir in seiner Intensität und musikalischen Klasse
kaum noch zu übertreffen zu sein, und jetzt schieben ELEND
ein solch verstörend schönes Kleinod hinterher, welches
in der Lage ist, nur durch das Versinken in die Musik eine fortwährende
Bilderflut im Kopf zu erzeugen. Ich wage nicht mir vorzustellen,
wie die nächsten drei Alben klingen mögen, vergebe
aber auch hier, wie schon beim letzten Mal, 10 mehr als wohlverdiente
Punkte. Herausragend, außergewöhnlich, eigenständig!