ELEND – Sunwar The Dead
 
Label: Prophecy Productions
Release: 13.09.2004
Von: Psycho
Punkte: 10/10
Time: 59:02
Stil: Neoklassic
URL: Elend
 

Meine Güte, wohin soll das noch führen? Iskandar Hasnawi und Renaud Tschirner, besser bekannt unter dem Namen ELEND, beweisen auch auf ihrem neuesten Werk Sunwar The Dead, dass normale Genre-Grenzen für sie einfach nicht (mehr) gelten. Nach dem Abschluss der Officium Tenebrarum Triologie und mehrjähriger Funkstille kehrten die beiden im letzten Jahr mit Winds Devouring Men zurück; dem Auftakt zu einem noch größer angelegten Epos, nämlich dem fünfteiligen Winds Cycle. Und hatte ich schon beim ersten Teil dieser Pentalogie den Eindruck, als wollten ELEND endgültig sämtliche Bombastgrenzen im Neoklassik-Bereich sprengen, so treiben sie dieses Ziel (?) mit ihrem neuen Album noch einmal ein Stück weiter.
Hier werden wirklich keine Aufwände gescheut, so dass diesmal allein über 50 Musiker ins Studio drängelten, um die klassischen Passagen und die Chöre aufzunehmen. Vermutlich konnten sich die beiden Macher von ELEND damit einen langgehegten Traum erfüllen, und die sich so auftuenden Möglichkeiten nutzen sie auch nach allen Regeln der (modernen musikalischen) Kunst aus!
Daher treffen auf diesem Album wieder einmal klassische, moderne und elektronische Momente in höchster Vollendung aufeinander. Bereits das erste Stück Chaomphalos klingt wie eine unheilige Synthese aus schwärzestens CMI-Sounds und Musik im Stile von Bartok, Ligeti oder Penderecki; also fast schon befremdlich wirkende und sehr düstere Musik, mit teilweise nur fragmentarisch auftauchenden Melodien und vielen harten Breaks, mit extremen Laut/Leise-Kontrasten und sowohl a-rhythmischen als auch atonalen Einsprengsel. Aber während dieser erste Track noch relativ ruhig klingt, so zeigen ELEND uns im zweiten Stück Ardour, welch geballte Wucht in einem versammelten Orchester stecken kann. Das folgende Titelstück nimmt diesen Faden auf, potenziert die Wirkung durch einen verstärkten Trommeleinsatz und erreicht so ungekannte Härtegrade in der Geschichte der Band. Aber man lässt auch noch mehr elektronische Elemente als früher in den Gesamtsound einfließen: obskure Geräusche und Klangcollagen sowie Industrialstilistiken prägen nicht unwesentlich Stücke wie The Hemlock Sea oder Poliorketika. Ebenso wenig lässt sich der Gesang kategorisieren, der von einschmeichelnden Erzählstimmen über bombastische Chöräle, Gewisper und verzerrten Schreien im Prinzip sämtliche tonale Facetten abdeckt. Lediglich zum textlichen Konzept kann ich nichts sagen, da weite Teile der Lyrics in Griechisch oder Französisch verfasst sind.
Um zu meiner Eingangsfrage zurückzukehren: wo soll das noch hinführen? Schon Winds Devouring Men erschien mir in seiner Intensität und musikalischen Klasse kaum noch zu übertreffen zu sein, und jetzt schieben ELEND ein solch verstörend schönes Kleinod hinterher, welches in der Lage ist, nur durch das Versinken in die Musik eine fortwährende Bilderflut im Kopf zu erzeugen. Ich wage nicht mir vorzustellen, wie die nächsten drei Alben klingen mögen, vergebe aber auch hier, wie schon beim letzten Mal, 10 mehr als wohlverdiente Punkte. Herausragend, außergewöhnlich, eigenständig!