Haben
wir sie nicht schon alle gehabt? Diese Imitatoren und Klone der
Großen des Genres, den un-vermeidlichen Sisters, Mission,
Fields und Cure, über die unvergleichlichen Dreadful Shadows
bis zu Ville Valos HIM? Und da kommen diese DAWN OF OBLIVION,
um uns zu beweisen, dass ihnen die Fußstapfen der Altvorderen
nicht zu groß sind? Um es kurz zu machen: Sie machen es
sich darin so recht gemütlich. Kein Wunder: Die Band gibt
es schließlich nicht erst seit gestern und der aktuelle
Longplayer Mephisto’s Appealing
ist bereits die vierte Veröffentlichung des Schweden-Vierers.
Sie wissen also, was sie tun.
Mephisto’s Appealing ist unzweifelhaft
Goth-Rock. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Keine pop-pigen
Schmacht-Nummern finnischer Machart, kein Metal-Gepose, keine
überambitionierte Elektronik-Spielereien, sondern ein druckvolles
Werk, das insgesamt eine dichte, warme Atmosphäre verbreitet.
Wahrscheinlich ist so die lange Zeit zwischen Produktion (2000!)
und Erscheinen der CD zu erklären...
Gut, hier und da ist man vor Epigonentum nicht gefeit: Am Opener
Suicide prangt schon ein ziemlich fettes Dreadful Shadows
Etikett, vom kantigen Repulsion wünscht man sich,
Love Like Blood würde heute noch solche Songs schreiben und,
ja, Haunted hat ein bisschen was von der 1969 - Version
der Barmherzigen Schwestern. Aber rund 25 Jahre nach „Erfindung“
des Goth-Rock einen Ruck durch die Szene zu erwarten, wäre
verfehlt.
Vielmehr sind es einzelne Spielarten, die ein Album aus der Masse
der Mittelmäßigkeit herausstechen lassen: Im Vordergrund
von DAWN OF OBLIVION steht natürlich der
sonore Gesang von Frontmann Victor Fradera. Der Mann besticht
durch Vielseitigkeit: Im Midtempo-Song Under Siege gründelt
er stilecht bis zum tiefen D, in Brain Drain changiert
er von Flüstern über Raunen bis zu kehligem Klagen und
in Songs wie G.O.D. schlägt er zuweilen black-metallisches
Grunzen an.
Und es gibt mal wieder „richtige“ Gitarren-Soli. Fast
ist man versucht zu jubeln: Rock’n’Roll! Jedoch kein
ellenlanges Gefrickel als Selbstzweck, sondern immer als songdienliches
Highlight. In Free nimmt Guitarero Stefan Rosqvist sogar
zwischendurch ganz dreist typische R’n’R-Rhytmik auf.
- Rolling Sto-nes, oder was? Eklektizismus in Reinkultur.
Ein weiterer Bonus sind die eingängigen wie originellen Arrangements.
Besonders der Satzgesang scheint es der Band angetan zu haben,
wie Suicide, aber auch Stücke wie G.O.D.
und das abschließende Lullaby beweisen. Nicht selten
zum Ende gesetzt, wird hier noch mal den Songs zum Grande Finale
verholfen. Fradera und seinen Mannen verstehen sich einfach auf
gutes Songwriting. Variatio delectat: Rumpelt Nuclear Winter
beispielsweise zunächst fast schon punkig voran, erfreut
sich das Ohr an klasse Harmonie-Gesang im Refrain und einem romantischen
Zwischenpart, in dem Rosqvists mit seinen „klassische“
Arpeggien auch nicht vor schwülen Major-7-Gezupfe zurückschreckt.
- Von den zahlreichen Hooklines auf der Scheibe ganz zu schweigen,
die spätestens beim dritten Hören einfach im Ohr hängen
bleiben und die CD zu einer richtig runden Sache machen.
Unterm Strich gelingt es DAWN OF OBLIVION mit
Mephisto’s Appealing, guten alten
Goth-Rock in die Postmoderne zu übersetzen.
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