DAWN OF OBLIVION – Mephisto’s Appealing 
 
Label: MA Musicart
Release: 22.04.2002
Von: Ole
Punkte: 9
Time: 52:10
Stil: Gothic Rock
URL: Dawn Of Oblivion
 
Haben wir sie nicht schon alle gehabt? Diese Imitatoren und Klone der Großen des Genres, den un-vermeidlichen Sisters, Mission, Fields und Cure, über die unvergleichlichen Dreadful Shadows bis zu Ville Valos HIM? Und da kommen diese DAWN OF OBLIVION, um uns zu beweisen, dass ihnen die Fußstapfen der Altvorderen nicht zu groß sind? Um es kurz zu machen: Sie machen es sich darin so recht gemütlich. Kein Wunder: Die Band gibt es schließlich nicht erst seit gestern und der aktuelle Longplayer Mephisto’s Appealing ist bereits die vierte Veröffentlichung des Schweden-Vierers. Sie wissen also, was sie tun.
Mephisto’s Appealing ist unzweifelhaft Goth-Rock. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Keine pop-pigen Schmacht-Nummern finnischer Machart, kein Metal-Gepose, keine überambitionierte Elektronik-Spielereien, sondern ein druckvolles Werk, das insgesamt eine dichte, warme Atmosphäre verbreitet. Wahrscheinlich ist so die lange Zeit zwischen Produktion (2000!) und Erscheinen der CD zu erklären...
Gut, hier und da ist man vor Epigonentum nicht gefeit: Am Opener Suicide prangt schon ein ziemlich fettes Dreadful Shadows Etikett, vom kantigen Repulsion wünscht man sich, Love Like Blood würde heute noch solche Songs schreiben und, ja, Haunted hat ein bisschen was von der 1969 - Version der Barmherzigen Schwestern. Aber rund 25 Jahre nach „Erfindung“ des Goth-Rock einen Ruck durch die Szene zu erwarten, wäre verfehlt.
Vielmehr sind es einzelne Spielarten, die ein Album aus der Masse der Mittelmäßigkeit herausstechen lassen: Im Vordergrund von DAWN OF OBLIVION steht natürlich der sonore Gesang von Frontmann Victor Fradera. Der Mann besticht durch Vielseitigkeit: Im Midtempo-Song Under Siege gründelt er stilecht bis zum tiefen D, in Brain Drain changiert er von Flüstern über Raunen bis zu kehligem Klagen und in Songs wie G.O.D. schlägt er zuweilen black-metallisches Grunzen an.
Und es gibt mal wieder „richtige“ Gitarren-Soli. Fast ist man versucht zu jubeln: Rock’n’Roll! Jedoch kein ellenlanges Gefrickel als Selbstzweck, sondern immer als songdienliches Highlight. In Free nimmt Guitarero Stefan Rosqvist sogar zwischendurch ganz dreist typische R’n’R-Rhytmik auf. - Rolling Sto-nes, oder was? Eklektizismus in Reinkultur.
Ein weiterer Bonus sind die eingängigen wie originellen Arrangements. Besonders der Satzgesang scheint es der Band angetan zu haben, wie Suicide, aber auch Stücke wie G.O.D. und das abschließende Lullaby beweisen. Nicht selten zum Ende gesetzt, wird hier noch mal den Songs zum Grande Finale verholfen. Fradera und seinen Mannen verstehen sich einfach auf gutes Songwriting. Variatio delectat: Rumpelt Nuclear Winter beispielsweise zunächst fast schon punkig voran, erfreut sich das Ohr an klasse Harmonie-Gesang im Refrain und einem romantischen Zwischenpart, in dem Rosqvists mit seinen „klassische“ Arpeggien auch nicht vor schwülen Major-7-Gezupfe zurückschreckt. - Von den zahlreichen Hooklines auf der Scheibe ganz zu schweigen, die spätestens beim dritten Hören einfach im Ohr hängen bleiben und die CD zu einer richtig runden Sache machen.
Unterm Strich gelingt es DAWN OF OBLIVION mit Mephisto’s Appealing, guten alten Goth-Rock in die Postmoderne zu übersetzen.