So,
jetzt ist es also bittere Gewissheit: Die Musik von DISSECTION
hat nichts mehr mit den beiden einzigartigen Meisterwerken der
90er Jahre zu tun. Spätestens seit Maha Kali von
Konzerten und/oder Single her bekannt ist, war ja allen klar,
dass es mit der Band in eine andere Richtung geht als man es
als Fan der alten Alben gern gehabt hätte. Aber irgendwie
war doch immer noch ein Funken Hoffnung da, dass das Stück
vielleicht nicht repräsentativ für das komplette Album
sein könnte oder zumindest stellenweise die alten Tage
durchklingen würden. Diese Hoffnung kann man jetzt begraben.
Reinkaos entpuppt sich als Ansammlung
von erschreckend unspektakulären Riffs, die zum allergrößten
Teil in ziemlich gemächlichem Tempo vorgetragen werden
und von vielen sehr melodischen Leads (die aber ebenfalls alles
andere als bemerkenswert sind) untermalt werden. Rein instrumental
pendelt man irgendwo zwischen melodischem Death Metal, moderner
Stakkatoriff-Hackerei und Elementen aus dem traditionellen Metal.
Man freut sich schon, wenn es einmal etwas heftiger zu Werke
geht wie in Xeper-I-Set, aber diese Momente sind leider
eher selten. Jon Nödtveidts Stimme ist das einzige, was
immer wieder die Leidenschaft der alten Tage versprüht
ihm hört man gleich bei Beyond Horizon die Begeisterung
an. Offensichtlich steht der Mann also immerhin voll hinter
dem, was er tut. Eine Erkenntnis, die man angesichts von weinerlichen
Leadmelodien wie in Starless Aeon aber lieber verdrängt.
Da kann man textlich noch so sehr diversen dunklen, antikosmischen
Gottheiten huldigen, in der Musik kommt leider keinerlei Bösartigkeit
zum Ausdruck. Das Titelstück, ein Instrumental, baut zu
Beginn Spannung auf, dann ertönt sogar einige Sekunden
lang eine Melodie, die an die großen Zeiten erinnert –
und dann? Dann geht’s leider um die Kurve und der erhoffte
reißende Strom entpuppt sich als schmales Bacherl, das
immer dünner wird und schließlich versandet. Wenn
eine an sich alles andere als sensationelle, aber gut gelungene
Schwedentod-Nummer wie Infernal Fire bereits zu den
Höhepunkten auf Reinkaos gehört
und man es außerdem positiv vermerken muss, dass Maha
Kali druckvoller klingt als man es von der - selbstverständlich
nicht erworbenen - Single in Erinnerung hat, dann kann einem
bei der Erinnerung an Nights’s Blood, Thorns
Of Crimson Death, The Somberlain oder Unhallowed
echt das Heulen kommen. Irgendwo im Hinterstübchen hab
ich noch Hoffnung, dass Reinkaos bei
DISSECTION das ist, was das katastrophale Projector-Album
bei Dark Tranquillity war und dass Nödtveidt & Co.
sich wie ihre Landsmänner danach wenigstens zum Teil wieder
einfangen. Vorläufig bleibt allerdings unter dem Strich
ein Album, das man objektiv (d.h. nach dem Kriterium der hörbaren
musikalischen und kompositorischen Fähigkeiten der Verursacher)
unter „überdurchschnittlich bis gut“ einreihen
kann, das aber, angesichts dessen, was diese Band einmal musikalisch
geleistet hat, eher als kreative Bankrotterklärung gewertet
werden muss.