Ich war wirklich zutiefst bekümmert, als die französischen Sludge Metaller DIRGE nur vier Monate nach ihrem siebten und hochgelobten Album Lost Empyrean (Dezember 2018) ihre Auflösung bekanntgaben, quasi auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.
25 Jahre währte die Ära DIRGE. Ich entdeckte sie in der Mitte ihrer Bandgeschichte, als 2007 And Shall The Sky Descend wiederveröffentlicht wurde. Als würdigen Neurosis-Ersatz habe ich die Franzosen sofort ins Herz geschlossen. Kurz darauf wurde Wings Of Lead Over Dormant Seas veröffentlicht, welches mich schlichtweg umgehauen hatte und dem ich dann auch konsequenterweise die volle Punktzahl als Meisterwerk zugestand.
In ihrer 25 Jahre umspannenden Geschichte haben sich DIRGE von (für mich) Neurosis Mini-Me's zu einer grandiosen Post/Core/Metal/Sludge-Band mit einem ureigenen Stil entwickelt. 25 Jahre lang haben DIRGE mit einer alles zerstörenden Wucht massivste Gitarrenwände aufgebaut und mit vertonter Verzweiflung an den Grundfesten des menschlichen Seins gerüttelt. Seit And Shall The Sky Descend wurde jedes ihrer Alben bei uns als vermeintliches Magnum Opus mit der Höchstnote bewertet. Und so soll es auch bleiben. Nicht nur aus Liebe zur Band, zu ihrer Musik, als Huldigung und zur Ehre, sondern weil es dieses fantastische 3CD/LP-Package auch einfach verdient hat!
Leider, leider habe ich DIRGE nur einmal live sehen können. Das war 2011, nach der Veröffentlichung von Elysian Magnetic Fields - DIRGE waren damals zum ersten Mal in Deutschland auf Tour (grandiose Nacht in Berlin).
Nun denn. Zwei Jahre nach dem offiziellen Aus kehren die Franzosen noch ein letztes Mal auf die symbolische Bühne zurück, um mit Vanishing Point ihrer musikalischen Geschichte einen würdigen und finalen Abschluss zu bereiten. Vanishing Point ist eine Zusammenstellung von bis dato unveröffentlichten Tracks, Raritäten, Remixen und Live-Recordings. In chronologischer Reihenfolge auf knapp drei Stunden Spielzeit und mit umfangreichem Booklet.
Vanishing Point ist also eine Reise durch die gesamte Historie der Band und deren musikalische Entwicklung. Es ist wie das Beobachten… nein, wie die Vertonung einer Metamorphose, von der Raupe bis zum Schmetterling.
Vanishing Point beginnt mit Demo-Tracks aus den ersten Tagen, die noch sehr Industrial-lastig klingen und einen unverkennbaren Ministry/Godflesh-Einschlag aufweisen. Der Opener Wounded Chakras ist da schon direkt ein Highlight. Quasi ein Klassiker, was ebengenannte Einflüsse angeht. Großartig!
East markiert eine erste stilistische Wende. Der Industrial-Einfluss verschwindet, stattdessen türmen sich hier schon die Gitarrenwände auf, bzw. ist der Track rein instrumental. Danach kommen wir zu einem weiteren Evolutionssprung, hin zu atmosphärisch dichten Songs von epischer Weite und klassischen laut-leise-Dynamiken. Das 15-minütige Submarine könnte quasi der Vorläufer zum großartigen Epicentre von Wings Of Lead Over Dormant Seas sein.
Das nachfolgende The Cure Cover A Short Term Effect als solches zu erkennen ist schon eine Herausforderung, der Remix von Picores Meure Menace ist da schon deutlich einfacher. Besonders mag ich Sine Time Oscillations, Absence, Distance und das postrockige A Rebours oder das düstere Hosea 8:7.
Die letzten beide Stücke sind live Tracks und machen schon alleine ein Album von einer knappen dreiviertel Stunde aus. Groß sind die Unterschiede hier nicht, Publikum hört man auch nicht, aber der Sound ist ein bisschen rauer, organischer und The Endless ist live fast doppelt so lang wie im Original.
Natürlich lässt es sich bei dem einen oder anderen Song eruieren, warum er es nicht auf das jeweilige Album geschafft hat, ohne aber, dass dies die Qualität, die musikalische Finesse und die Wahnsinns Intensität jener Tracks schmälern würde.
Vanishing Point ist ein fantastisches Kompendium der etwas anderen Art (kein schnödes Best-Of) über das musikalische Schaffen von DIRGE und ein mehr als würdiger Abschluss einer beeindruckenden Karriere.
Leider ist der Band der große Erfolg versagt geblieben – verdient hätten sie es allemal. Nichtsdestotrotz hinterlassen DIRGE sieben verdammt großartige Alben, plus EP, plus Demos und diese Kompilation, die bei mir immer wieder im Player zu finden sein werden.