DELIVERANCE – River Disturbance (Collector’s Edition)

 
Label: Retroactive Records
Release: 31.10.2008
Von: Joking
Punkte: 7/10
Time: 73:27
Stil: Melodic Progressive Metal
URL: Deliverance
 
Die amerikanische White Metal-Band DELIVERANCE wurde im Jahr 1985 von Jimmy Brown II gegründet, der als Bandkopf im Laufe der Jahrzehnte mehr als ein Dutzend Kurzzeit-Mitglieder um sich versammelte, um die Band am Leben zu halten. Zwar kann DELIVERANCE stattliche siebzehn Veröffentlichungen aufweisen (Kompilationen, Live-Aufnahmen und überarbeitete Re-Releases inklusive), doch zum großen Durchbruch reichte es, trotz solider Qualität der meisten Alben, nicht. Spielten Brown und seine Mitmusiker zuerst Speed/Thrash-Metal, traten in den 90ern stärker progressive Töne zu Tage. Als Wende- und Höhepunkt betrachtete Brown seine 1994er Veröffentlichung River Disturbance. Nicht besonders erfolgreich zum damaligen Zeitpunkt, galt das Album wegen der Einbeziehung anderer Musikrichtungen wie Grunge oder sogar Hip Hop, als seiner Zeit voraus. Wobei der Rap-Metal von A Little Sleep (Featuring 12th Tribe) ganz putzig ist, aber sich nicht homogen ins Album einpasst. Der Song wäre in der Bonus-Sektion besser aufgehoben. Warum River Disturbance gerade dieses Jahr wiederveröffentlicht wird, will sich nicht ganz erschließen. Es steht kein Jubiläum an, trotzdem fand Jimmy Brown es genau jetzt passend, sein liebstes Album erneut und überarbeitet zugänglich zu machen. Oder wie es im Presseblatt heißt:River Disturbance was out of print for many years but it was worthwhile waiting for this metal classic to be available again for the huge [ach ja?] DELIVERANCE fanbase.” Stellt sich natürlich die Frage, ob dem tatsächlich so ist, und ob sich das Warten gelohnt hat. Was das Remastering und die opulente Aufmachung angeht, gibt es ein klares „JA“. Der Sound ist klasse, klar und präzise kommen sämtliche Instrumente und die Vocals zur Geltung. Ob einem das kitschige Artwork gefällt, ist Geschmackssache, aber es passt ganz gut zur Musik, das Booklet bietet sämtliche Lyrics (des Originals), und der CD-Ausgabe wurden vier Bonustracks spendiert, die der Neuauflage zu einer Spielzeit von gut 73 Minuten verhelfen, von der die letzten sechs aber ein Wortbeitrag Jimmy Browns sind.
Musikalisch weiß River Disturbance ebenfalls zu gefallen, der abwechslungsreiche melodische Metal geht gut ins Ohr und besitzt genügend Ecken und Kanten, um nicht binnen kurzer Zeit zu langweilen. Allzu vertrackt wird es nie, und was 1994 modern gewesen sein mochte, ist mittlerweile Standard. Aber einer, den man gerne hört. Die Grunge-Einflüsse sind dezent, doch durchaus wahrnehmbar (das ein Kritiker heftige Anklänge an Nirvana heraushörte, ist allerdings lachhaft). Was die Verbindung Rap und Metal angeht, sind wir mittlerweile anderes gewöhnt als A Little Sleep, das im damaligen christlichen Umfeld vielleicht gewagt sein mochte, heutzutage bloß einen netten Gag darstellt, den man nicht unbedingt gelungen finden muss. Ich verweise nur auf die wesentlich radikaler Genre-Grenzen einreißenden Waltari, die auch für den elektronischen „Hyper Remix“ des Openers Belltown Pate gestanden haben könnten. Ohne dass der Song die Qualität seiner Vorbilder ganz erreichen würde. So ist River Disturbance eine keinesfalls überholte Wiederveröffentlichung. Manchen Stücken hätte eine Straffung gut getan, vor allem dort, wo die ewig gleichen Refrains ständig wiederholt werden; andere leiden unter amateurhaften Ausblendungen, aber das wiegt nicht schwer angesichts der sehr genießbaren Songs, die besonders ihre Stärke entfalten, wenn es gemächlicher zugeht. Keine Sensation, keine unverzichtbare Neuentdeckung, aber zeitlose Hausmannskost. Genau das, was man im Alltag zwischendurch immer gut gebrauchen kann.