Die
amerikanische White Metal-Band DELIVERANCE wurde im Jahr
1985 von Jimmy Brown II gegründet, der als Bandkopf im
Laufe der Jahrzehnte mehr als ein Dutzend Kurzzeit-Mitglieder
um sich versammelte, um die Band am Leben zu halten. Zwar kann
DELIVERANCE stattliche siebzehn Veröffentlichungen
aufweisen (Kompilationen, Live-Aufnahmen und überarbeitete
Re-Releases inklusive), doch zum großen Durchbruch reichte
es, trotz solider Qualität der meisten Alben, nicht. Spielten
Brown und seine Mitmusiker zuerst Speed/Thrash-Metal, traten
in den 90ern stärker progressive Töne zu Tage. Als
Wende- und Höhepunkt betrachtete Brown seine 1994er Veröffentlichung
River Disturbance. Nicht besonders erfolgreich
zum damaligen Zeitpunkt, galt das Album wegen der Einbeziehung
anderer Musikrichtungen wie Grunge oder sogar Hip Hop, als seiner
Zeit voraus. Wobei der Rap-Metal von A Little Sleep (Featuring
12th Tribe) ganz putzig ist, aber sich nicht homogen ins Album
einpasst. Der Song wäre in der Bonus-Sektion besser aufgehoben.
Warum River Disturbance gerade dieses Jahr wiederveröffentlicht
wird, will sich nicht ganz erschließen. Es steht kein
Jubiläum an, trotzdem fand Jimmy Brown es genau jetzt passend,
sein liebstes Album erneut und überarbeitet zugänglich
zu machen. Oder wie es im Presseblatt heißt: „River
Disturbance was out of print for many years but it was worthwhile
waiting for this metal classic to be available again for the
huge [ach ja?] DELIVERANCE fanbase.” Stellt
sich natürlich die Frage, ob dem tatsächlich so ist,
und ob sich das Warten gelohnt hat. Was das Remastering und
die opulente Aufmachung angeht, gibt es ein klares „JA“.
Der Sound ist klasse, klar und präzise kommen sämtliche
Instrumente und die Vocals zur Geltung. Ob einem das kitschige
Artwork gefällt, ist Geschmackssache, aber es passt ganz
gut zur Musik, das Booklet bietet sämtliche Lyrics (des
Originals), und der CD-Ausgabe wurden vier Bonustracks spendiert,
die der Neuauflage zu einer Spielzeit von gut 73 Minuten verhelfen,
von der die letzten sechs aber ein Wortbeitrag Jimmy Browns
sind.
Musikalisch weiß River Disturbance ebenfalls
zu gefallen, der abwechslungsreiche melodische Metal geht gut
ins Ohr und besitzt genügend Ecken und Kanten, um nicht
binnen kurzer Zeit zu langweilen. Allzu vertrackt wird es nie,
und was 1994 modern gewesen sein mochte, ist mittlerweile Standard.
Aber einer, den man gerne hört. Die Grunge-Einflüsse
sind dezent, doch durchaus wahrnehmbar (das ein Kritiker heftige
Anklänge an Nirvana heraushörte, ist allerdings lachhaft).
Was die Verbindung Rap und Metal angeht, sind wir mittlerweile
anderes gewöhnt als A Little Sleep, das im damaligen
christlichen Umfeld vielleicht gewagt sein mochte, heutzutage
bloß einen netten Gag darstellt, den man nicht unbedingt
gelungen finden muss. Ich verweise nur auf die wesentlich radikaler
Genre-Grenzen einreißenden Waltari, die auch für
den elektronischen „Hyper Remix“ des Openers Belltown
Pate gestanden haben könnten. Ohne dass der Song die
Qualität seiner Vorbilder ganz erreichen würde. So
ist River Disturbance eine keinesfalls überholte
Wiederveröffentlichung. Manchen Stücken hätte
eine Straffung gut getan, vor allem dort, wo die ewig gleichen
Refrains ständig wiederholt werden; andere leiden unter
amateurhaften Ausblendungen, aber das wiegt nicht schwer angesichts
der sehr genießbaren Songs, die besonders ihre Stärke
entfalten, wenn es gemächlicher zugeht. Keine Sensation,
keine unverzichtbare Neuentdeckung, aber zeitlose Hausmannskost.
Genau das, was man im Alltag zwischendurch immer gut gebrauchen
kann.