ANGIZIA - 39 Jahre für den Leierkastenmann
  
 

Label: Eigenproduktion

Release: 2001

Von: Mephisto

Punkte: 10

Nach langer Zeit widme ich mich nun endlich wieder einmal dem Schreiben einer CD-Kritik. Der Anlaß hiezu ist eine Promo-Auskoppelung aus der neuen CD der vielleicht nicht jedermann bekannten Band ANGIZIA aus Österreich. Soweit ich weiß, handelt es sich bei 39 Jahre für den Leierkastenmann, dies ist der Titel des neuen Outputs, um das 4. reguläre Album der Band, 2 der 3 Vorgängerwerke habe ich in meiner Sammlung, also denke ich, daß ich doch ein wenig über die Entwicklung und die musikalischen Belange der Band zu berichten mag.

Zuerst vielleicht einige Worte, um die Band einzuordnen oder besser gesagt um selbiges zu verhindern - ANGIZIA ist eine Band die sich nicht limitieren lässt, sich nicht limitieren lassen will. Schon auf dem Erstlingswerk Die Kemnaten scharlachroter Lichter war zu erkennen, daß es sich bei ANGIZIA um eine Formation handelt, die nicht mit tausend mal gehörtem Geld machen will, sondern versucht, sich selbst zu finden, einen musikalisch eigenständigen Stil zu kreieren. Und diesen scheinen sie nun auf 39 Jahre für den Leierkastenmann gefunden und perfektioniert zu haben. Hatte mich schon der Vorgänger Das Schachbrett des Trommelbuben Zacharias vollends überzeugt, stößt nun die neue Kreation aus dem Hause ANGIZIA Türen zu musikalischen Klangwelten auf, die dem Hörer bislang praktisch gänzlich verborgen blieben. Nun gut, die Idee Instrumente wie Geigen in metallische Songs zu packen ist natürlich nicht neu, allerdings muß man darauf achten, wie dieses Instrument eingesetzt wird. Es gibt doch zahllose Bands in denen etwa die Geige nur eine Krücke ist, eine Krücke für etwas was dann angeblich avantgardistisch und neuartig ist. MITNICHTEN! Ich habe wirklich die Nase voll von Bands, die mit belanglosem Gefiedel und 3-Tasten-Klaviergeklimpere meine Ohren quälen. Von all dem heben sich Angizia meilenweit ab. Das Klanggewand, in das sich die Herren (und Dame) hüllen, ist von tiefstem schwarz und doch voller leuchtender Farben. Es ist gewebt mit großer handwerklicher Qualität und kann getrost als avantgardistisch bezeichnet werden.
Nun will ich etwas genauer auf die Klangwelten von ANGIZIA eingehen, indem ich die Instrumente, die in dem Stück, daß in 3 Akte unterteilt ist, auftauchen, aufzähle und ihre Funktion, wie ich sie sehe, erläutere:

Das Klavier - praktisch das Kernstück der Songs, um das Klavier herum reihen sich die anderen Instrumente - es ist wie eine Basis, ein Fundament, doch teilweise drängt es auch in den Vordergrund, wird zur Fassade.
Die Geige - fegt wie ein vom Wind getriebenes Feuer durch die Stücke - mal nur friedlich lodernd, doch jäh wieder aufzüngelnd und emporsteigend, um seine unbändige Kraft zu demonstrieren. Die Geige wird wahrhaft virtuos gespielt von Roland Bentz, Mitglied des "K&K String Quartett". Sein geniales Spiel hebt den musikalischen Wert der Stücke um so mehr.
Die Gitarre - reiht sich, eher mit rhythmischen Aufgaben beschäftigt, hinter die zuvor genannten Instrumente, ist jedoch immer präsent und rockt teilweise sogar gehörig.
Der Baß - dient traditionell als Rhythmusinstrument.
Das Schlagzeug - Hier kommt diesmal ein Drummer aus dem Jazz-Umfeld zum Einsatz, was meines Erachtens nach auch richtig ist, da er durch das dynamische Spiel die entstehenden Klangbögen fördert, ausbaut, was besser ist als ein typischer Metal-Schlagwerker, der alles in Grund und Boden knüppelt (ja, normal stehe ich ja auf dergleichen, aber hiezu passt es halt absolut nicht).
Der Gesang - während sich die weibliche Stimme noch am ehesten mit "klassischem Gesang" beschreiben lässt, was jedoch auch nicht hundertprozentig zutrifft, wird die männliche sehr unterschiedlich eingesetzt - von "normalem" Gesang, über schräge Gesangslagen, bis hin zu teilweisem Sprechgesang sind viele Facetten zu entdecken.
Weiters tauchen noch diverse andere Instrumente wie etwa, Klarinette, Tuba und Akkordeon auf, die aber teilweise erst auf dem vollen Album zu hören sein werden. Die Klarinette war phasenweise schon auf der Promo zu hören und sie stellt einfach eine weitere musikalische Bereicherung für das Gesamtwerk dar.

Abschließend ist noch anzumerken, daß es sich nicht nur um ein musikalisch interessantes Werk handelt, auch lyrisch darf man sich auf eine ausgefallene Geschichte, natürlich wieder mit Russland-Bezug, freuen.

Ich denke das war nun ein eher unübliches Review, hingegen sind ANGIZIA aber auch keine alltägliche Band, was das ganze, denke ich, wiederum rechtfertigt. Nun will ich jedenfalls zur Endabrechnung kommen - die Produktion könnte zwar eine Spur besser sein (das schreibe ich eigentlich immer...), ist aber durchwegs gut und man muß auch darauf verweisen, daß ANGIZIA zur Zeit der Aufnahme ohne Label waren (ob sie jetzt schon einen Deal haben entzieht sich meiner Kenntnis) und dadurch das Budget sicherlich sehr beschränkt war. Alles in allem kann ich, auch wenn ich nur 6 Stücke eines Gesamtkunstwerkes gehört habe, sagen, daß es sich um eine große musikalische Leistung handelt, die ich in der Endabrechnung mit einer fetten 10 honoriere.

Angizia