Das
ALCEST ihre Ursprünge in der Black Metal
Szene haben, löst beim Hören von Souvenirs
d’un autre monde ziemliche Verwunderung
aus. Denn mit vielem hat das Album etwas zu tun, aber vom Metallischen
finden sich nur Elementarteilchen. Andere Einflüsse sind
da viel offensichtlicher. Angefangen bei melancholischen Wave
Bands der 80er wie This Mortal Coil, Slowdive – letztere
werden auch im aberwitzigen Pressetext erwähnt (dazu am
Ende mehr) -, den vortrefflichen aber leider fast vergessenen
Felt, bis hin zu aktuellen Post-Rock Größen á
la Mogwai oder Godspeed! You Black Emperor, allerdings ohne
deren Faible ausgeprägte Gitarrrenflächen ab und an
in Kakophonien enden zu lassen. Zwar wird die eine oder andere
Gitarre etwas heftiger traktiert, aber die Schmerzgrenze wird
nie überschritten, nicht mal annähernd erreicht. Muss
auch nicht. Denn Multiinstrumentalist und Sänger Neige,
der Souvenirs d’un autre monde
im Alleingang eingespielt hat, besitzt ein wunderbares Gespür
für fein austarierte Melodien und Spannungsbögen.
Das geht ins Ohr und ins Herz – ohne vor zu viel Süßlichkeit
den Magen zum Revoltieren zu bringen.
So ist das knapp eine Dreiviertelstunde lange Album ein Genuss,
bevorzugt an einem lauen Abend, noch bevorzugter mit etwas oder
jemand Liebenswertem an seiner Seite. Ausfälle gibt es
keine, wenn man mäkeln möchte, dann vielleicht, dass
der ein oder andere Song zu hymnisch ist (Les Iris),
und die Souvenirs stimmungsmäßig
zu sehr aus einem Guss. Aber das wäre Erbsenzählerei
im Angesicht einer Prinzessin…
Wohl etwas zu mäkeln gibt es am schauerlichen Presse-Info.
Schwierig, es aus dem Kopf zu bekommen, um ein wohl geratenes
Werk nicht zu verreißen. Entweder war der verantwortliche
Redakteur zugedröhnt bis unter die Haarspitzen, oder die
schlechteste Übersetzungsmaschine der computerisierten
Welt wurde eingesetzt. Da ist doch tatsächlich die Rede
davon, dass mit „der Anwendung von Slowdive und Yann Tiersen
auf Burzum [dreimal täglich vermutlich. Nur wie? Oral,
rektal oder als Salbe?] hat sich Multiinstrumentalist Neige
ein musikalisches Konzept erschlossen, das tatsächlich
nichts weniger als revolutionär ist [aber nur, wenn wir
die 80er Jahre aus dem letzten Jahrhundert streichen] und dessen
konkrete Umsetzung auf Souvenirs d’un autre
monde als beispiellos und richtungsweisend bezeichnet
werden kann“. Beispiellos wohl kaum, richtungsweisend
okay, mit Karacho der unter- oder aufgehenden Sonne entgegen.
Und das gerne. Zum Schluss noch ein weiterer Fauxpas; wird der
Albumtitel zwar nicht verkehrt, aber einseitig mit „Souvenirs
aus einer anderen Welt“ übersetzt. Dass die Alternative
„Erinnerungen an eine andere Welt“ viel näher
liegt, wird natürlich verschwiegen. Eine Welt, in der die
Toten tanzen können, in der Cocteaus Zwillinge sich im
Haus der Liebe tief in die Augen schauen und sogar die Bäume
singen: „Gone but not forgotten…“ Wir denken
gerne dran und genießen ALCEST’s
Soundtrack dazu. Was mit dem Infoblatt passiert, bleibt der
schmutzigen Phantasie überlassen.