Zunächst
machen ALCEST da weiter, wo das Debüt aufhörte:
gleich der fast zehnminütige Einstieg, Part I des zweigeteilten
Titelstücks, ist ein zugleich schwerblütiges und leichtfüßiges,
dramatisches Song-Monster. Das schwingt sich hoch vom sanften,
nahezu akustischen Einstieg, bis zu Wolkenfeldern jubilierender
Gitarren; die aber Kantigkeit und Schärfe nicht vermissen
lassen. Melancholischer Rock vom Feinsten. Zwischen schrammeligem
Shoegazing und metallischen Wällen entfaltet sich ein melodischer
Parcours, der emotional berührt und ausgeleierte Klänge
vermeidet. Der zweite Track fügt der nachdenklichen Stimmung
eine fette Breitseite Härte hinzu, und lässt Multiinstrumentalist
und Alleinunterhalter Neige seine schwarzmetallische Vergangenheit,
in Form eines fürchterlich fauchenden Gebells, wieder hervor
holen. Ein Stilmittel, das der äußerst fähige
Musiker im dritten Song Percées De Lumière
leider wiederholt. Welcher Teufel Neige wohl geritten hat, den
melodischen Fluss seiner Musik mit gar garstigen Vocals zu konterkarieren,
ist eigentlich egal; sein längerfristiger Verbleib in der
Hölle ist ihm jedenfalls sicher. Besteht doch gar kein
Anlass, einer möglichen Überzuckerung entgegen zu
steuern. Denn weder sind die langsamen Passagen zu klebrig,
noch die schnelleren so abgeschmackt, dass man sie mit einem
heiseren, brutalen Fauchen in Bodennähe (oder darunter)
holen müsste. Ziemlich unverständlich, warum ein überzeugendes
musikalisches Konzept und seine Umsetzung durch Marktschreiertricks
ausgehebelt werden muss.
Das nimmt ein bisschen
die Wucht aus einem ansonsten beeindruckenden Album. Zum Glück
ist der Gesang auf Écailles De Lune weitgehend
clean. Und wer Balladen wie das achtminütige(!) Sur
L'Océan Couleur De Fe hinkriegt, dem verzeiht man
nur allzu gerne geschmackliche Schnitzer.
Neige ist ein Mann von überbordendem Talent; wenn es
ihm gelingt, dies zu fokussieren und dahin zu lenken, wo seine
Stärken liegen; nämlich in eher bedächtige,
schlank instrumentierte, eindringliche Melodien, dann steht
einem Meisterwerk nichts mehr im Wege. Der kleine Brüllaffe
kann gerne daheim bleiben.
Seltsame Blüten
treibt indes die Versorgung von Kritikern per unvollendetem
Download-Material. Dass man sich Promo-CDs spart, ist eigentlich
schon ein Unding; leicht am Sinn einer Besprechung des Album-Downloads,
lässt folgender Hinweis zweifeln: „Bei den Stücken
Abysses und Sur L'Océan Couleur De Fer handelt es sich
noch nicht um die finalen Master-Versionen“.
Demnächst gibt es dann nur noch eine scheppernde Kassette
aus dem Proberaum. Reicht doch für die lästige Presse.
Meine Bemerkungen zu L'Océan Couleur De Fe müssen
deshalb mit Vorsicht genossen werden. Wer weiß, was
alles noch passiert.
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