ALCEST – Écailles De Lune

 
Label: Prophecy Productions
Release: 25.01.2010
Von: Joking
Punkte: 7.5/10
Time: 41:50
Stil: Melancholic Metal
URL: Alcest
 
Zunächst machen ALCEST da weiter, wo das Debüt aufhörte: gleich der fast zehnminütige Einstieg, Part I des zweigeteilten Titelstücks, ist ein zugleich schwerblütiges und leichtfüßiges, dramatisches Song-Monster. Das schwingt sich hoch vom sanften, nahezu akustischen Einstieg, bis zu Wolkenfeldern jubilierender Gitarren; die aber Kantigkeit und Schärfe nicht vermissen lassen. Melancholischer Rock vom Feinsten. Zwischen schrammeligem Shoegazing und metallischen Wällen entfaltet sich ein melodischer Parcours, der emotional berührt und ausgeleierte Klänge vermeidet. Der zweite Track fügt der nachdenklichen Stimmung eine fette Breitseite Härte hinzu, und lässt Multiinstrumentalist und Alleinunterhalter Neige seine schwarzmetallische Vergangenheit, in Form eines fürchterlich fauchenden Gebells, wieder hervor holen. Ein Stilmittel, das der äußerst fähige Musiker im dritten Song Percées De Lumière leider wiederholt. Welcher Teufel Neige wohl geritten hat, den melodischen Fluss seiner Musik mit gar garstigen Vocals zu konterkarieren, ist eigentlich egal; sein längerfristiger Verbleib in der Hölle ist ihm jedenfalls sicher. Besteht doch gar kein Anlass, einer möglichen Überzuckerung entgegen zu steuern. Denn weder sind die langsamen Passagen zu klebrig, noch die schnelleren so abgeschmackt, dass man sie mit einem heiseren, brutalen Fauchen in Bodennähe (oder darunter) holen müsste. Ziemlich unverständlich, warum ein überzeugendes musikalisches Konzept und seine Umsetzung durch Marktschreiertricks ausgehebelt werden muss.

Das nimmt ein bisschen die Wucht aus einem ansonsten beeindruckenden Album. Zum Glück ist der Gesang auf Écailles De Lune weitgehend clean. Und wer Balladen wie das achtminütige(!) Sur L'Océan Couleur De Fe hinkriegt, dem verzeiht man nur allzu gerne geschmackliche Schnitzer.
Neige ist ein Mann von überbordendem Talent; wenn es ihm gelingt, dies zu fokussieren und dahin zu lenken, wo seine Stärken liegen; nämlich in eher bedächtige, schlank instrumentierte, eindringliche Melodien, dann steht einem Meisterwerk nichts mehr im Wege. Der kleine Brüllaffe kann gerne daheim bleiben.

Seltsame Blüten treibt indes die Versorgung von Kritikern per unvollendetem Download-Material. Dass man sich Promo-CDs spart, ist eigentlich schon ein Unding; leicht am Sinn einer Besprechung des Album-Downloads, lässt folgender Hinweis zweifeln: „Bei den Stücken Abysses und Sur L'Océan Couleur De Fer handelt es sich noch nicht um die finalen Master-Versionen“.
Demnächst gibt es dann nur noch eine scheppernde Kassette aus dem Proberaum. Reicht doch für die lästige Presse. Meine Bemerkungen zu L'Océan Couleur De Fe müssen deshalb mit Vorsicht genossen werden. Wer weiß, was alles noch passiert.