Schon lange nicht mehr habe ich in so viele neue Veröffentlichungen reingehört, wie dieser Tage. Die erzwungene Konzertpause macht es möglich. Dabei liess sich dann auch schon so manches Kleinod entdecken - A Day At The Beach gehört definitiv dazu! Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass A Day At The Beach das schönste Prog-Album 2020 ist, obwohl wir erst die Hälfte hinter uns haben und die Krise sicherlich noch zu einem überbordenden musikalischen Massenauswurf am Ende des Jahres führen dürfte.
A Day At The Beach ist das fünfte Album der norwegischen Prock Rocker AIRBAG, die gerne mal als Pink Floyd-Klone verissen werden. Auch meine Wenigkeit kritisierte seinerzeit beim Rezensieren von All Rights Removed die schon plagiierende Nähe zu Floyd und vor allem Anathema.
Der Einfluss der Prog-Götter ist immer noch omnipräsent. Dieses Mal scheint der maschinelle Charakter von Welcome To The Machine eine gewisse Rolle beim Entstehungsprozess der Songs gespielt zu haben. Aber auch Anathema blitzen einmal mehr als deutlich durch alle Noten, dieses Mal mit Hang zu Judgement (bei All Rights Removed war es Alternative 4). AIRBAG sind quasi das norwegische Pendant zu den Liverpoolern. Das instrumentale Ende von Into The Unknown passt beinahe eins zu eins zu 2000 & Gone. Auch der Gesang von Asle Tostrup liegt verdammt dicht an dem von Vincent Cavanagh, inklusive dem Schmachten in der Stimme.
Bei Sunsets wiederum kommen mir die Simple Minds so nachdrücklich den Sinn (Good News From The Next World), dass ich eigentlich erwarte gleich Jim Kerr zu hören. Die Schotten inspirierten scheinbar zu den markanten Bässen. Dazu mischen sich insgesamt noch dezente Post Rock Nuancen, die mich im Besonderen beim Instrumental A Day At The Beach (Part 2) an If These Trees Could Talk erinnern. Ich bin ja für diese Art der Gitarrenarbeit bekanntermaßen sehr empfänglich ;)
Also wieder alles nur geklaut? Mitnichten.
Trotz der klar auszumachenden Einflüsse vermögen AIRBAG ihrer Musik inzwischen durchaus einen eigenen Stempel aufzudrücken. Aber mehr noch gelingt es ihnen auf A Day At The Beach alle Elemente auf ganz wunderbare Weise zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Die Songs sind treibend, dennoch entspannt und voller Schwermut. Eine Elegie des Trennungsschmerzes, erzählt das Album doch die Geschichte eines Ehemannes, Vaters und Bruders, der seine Familie verlässt, um sich in eine unbekannte Zukunft zu wagen. Und doch schwingt auch immer eine gewisse sommerliche Verklärtheit mit. Dabei werden die Gitarren gelegentlich schon mal ruppig aber verlieren sich trotz langer Instrumentalpassagen nie in technischen Fingerfertigkeiten.
Wollte man Tracks zu Empfehlungszwecken hervorheben, dann den Opener Machines And Men, der sich umgehend zu einem epischen 10-Minuten Monolithen entfaltet und direkt zu Beginn alle Stärken der Band zusammenfasst. Oder das etwas kürzere aber schmissige Sunsets.
A Day At The Beach ist progressiver Schönklang und gerade jetzt ein perfekt vertonter Sehnsuchtsort. Sommeralbum!