Hell
is coming to town, zumindest erwecken die Italiener AND HARMONY
DIES diesen Eindruck. Das ist exzessives, entfesseltes Theater,
eine schwarze Messe um Mitternacht, wollüstig und abgedreht,
Grand Guignol fürs Herz der Finsternis. Und hat mit herkömmlichen
Black Metal wenig am Hut, trotz des 20-minütigen Venom-Covers
At War With Satan. AND HARMONY DIES torkeln, schwanken
und kämpfen sich durch diverse Musikstile, es findet sich
Chansonesques, Metallisches wird zerhackt, progressive Artistik
vorgeführt, ein wenig Jazz versucht und zwischendurch ungeniert
rumgekaspert. Avantgardistisch ist das zwar alles nicht mehr,
aber wild, emotional und in seinen besten Momenten mitreißend.
Sänger Black kreischt, singt, flüstert, wispert als
wäre er des Satans Alleinunterhalter, eine vokale One-Man-Show,
die auch kein Problem damit hätte, Macbeth aufzuführen
und alle Rollen selbst zu spielen. Instrumental kommt diversen
Keyboards eine wichtige Rolle zu, aber auch Gitarrero Rob darf
brillieren. Der Sound könnte voller und sauberer sein,
ein Manko vor allem in den leisen, akustischen und in den orchestralen
Passagen. Man darf nicht den Fehler begehen, auf Flames
Everywhere nach Chorussen und Refrains zu suchen, nach
einzelnen Songs, die losgelöst die Hitparade des hartrockenden
Herzens anführen könnten. Hier ist alles ein Fluss,
aber einer mit Stromschnellen, Strudeln und Wasserfällen,
die eine schnell gebuchte Raftingfahrt zu einer Reise ohne Wiederkehr
machen.
Kein Wunder, dass das durchschnittliche Metal-Magazin abwinkt,
spätestens beim fünften Stück Hurts, wenn
Black zu schunkelndem Kirmestechno Fieses von sich gibt, schmeißt
der verzweifelte Headbanger das Album aus dem Player. Der Choral
danach würde ihn dann auch endgültig aus der Bahn
werfen. Wir lieben das Album deswegen. Natürlich ist es
vermessen, großkotzig, überkandidelt und in Teilen
billig klingend, aber es ist auch wild, wagemutig und von einer
Attitüde beseelt, die sich um Limitierungen und Entgleisungen
wenig schert.
Und natürlich ist Flames Everywhere eine
Hommage an den „Doctor“, an Devil Doll, vielleicht
das Größte, was Italien an halsbrecherischer Musik
im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts hervorgebracht
hat. Leider steht ein neues Album seit Jahren aus; AND HARMONY
DIES gelingt es, mit Flames Everywhere die
mögliche weitere Wartezeit angemessen zu überbrücken.
Was ihnen bei allem Mut zum Experimentieren noch fehlt, machen
sie durch traumhafte melodische Eskapaden wett, wecken so die
Erinnerung an die große Teufelspuppe und bleiben doch
etwas eigenes.
Der Krieg mit Satan – als solcher und als Coverversion
– wird übrigens über die komplette Distanz gewonnen.