Zwei
Aspekte in Verbindung mit AHAB erweckten mein
Interesse: zum einen die vorher gehörte Umschreibung der
Musik, zum anderen die Tatsache, dass zwei Musiker von Midnattsol
auch hier ihre Finger im Spiel haben. Wer die musikalische Ausrichtung
von Midnattsol kennt, wird allerdings genauso überrascht
reagieren wie ich, denn der Sound von The Call Of
The Wretched Sea hat gar nichts mit Folk Melodien,
angenehmen Stimmungen oder beschwingten Songs zu tun; nur depressive,
dunkle, langsame Lieder, die ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit
entstehen lassen. Oder kurz gesagt: Funeral Doom Metal!
Die Band hat sich Hermann Melvilles Roman Moby Dick als lyrische
Inspirationsquelle ausgesucht und vermag auch mit den kreierten
Klängen eine unheilvolle Atmosphäre zu erschaffen,
die der Vorlage laut Gitarrist Hector auch innewohnt. AHAB
hieß der tyrannische Kapitän, der Moby Dick verfolgte
und The Call Of The Wretched Sea könnte
der Soundtrack zu dessen gnadenlosen und besessenen Leben sein.
AHAB schaffen es dabei ohne die Hilfe von Bombast,
nur mit langsamen Riffs und einer eindringlichen Stimme eine
bedrohliche Klangwelt herauf zu beschwören. So zieht das
eine oder andere Bild vor dem geistigen Auge herauf: die Unendlichkeit
der See, das grausame Wesen des Kapitäns oder die endlose
Jagd nach dem Meeresriesen. Dieses Album braucht eine Menge
Zeit bevor man sich damit anfreunden kann. Beim Erstkontakt
wird kaum jemand von The Call Of The Wretched Sea
fasziniert oder begeistert sein, der Ruf mag möglicherweise
sogar ungehört bleiben, aber nach fünfmaligem Hören
wird vielleicht eine tief greifende Spannung geweckt. Es gibt
keine großartigen Refrains, keine Single Hits oder einfach
zu konsumierende Songstrukturen.
Alle Lieder sind um die 10 Minuten lang (mit Ausnahme eines
Zwischenspiels) und besitzen allesamt eine dunkle Stimmung,
also seid auf der Hut wenn ihr gerade in depressiver Gemütsverfassung
schwelgt, denn dieses Album wird euch weiter hinunter ziehen.
Ich mag ja diese Teile am besten in denen AHAB
ruhige Gitarrentöne anschlagen wie beim Beginn von Old
Thunder. Während dieser 9 Minuten überzeugt die
Gruppe mit zermalmenden Riffs und beängstigender Vokaldarbietung
sodass Langweile trotz der Länge keine Chance hat. Diese
Abwechslung vermisse ich bei den anderen Kompositionen schon
ein wenig, doch die Intention von AHAB ist
es nicht, einfache Musik zu komponieren. Sie wollen Anspruchsvolles
bieten, fordern den Hörer und stellen ihn auf die Probe,
damit er nach einiger Zeit von der langsam dahinrollenden Kraft
mitgerissen wird. Es bleibt am Ende der Eindruck eines intensiven
Werkes, bei dem man sich aber kaum an einzelne eindrucksvolle
Songs erinnern kann. The Call Of The Wretched Sea
braucht eine passende Umgebung, um in vollen Zügen
genossen werden zu können – am besten am Tagesende
in der Dämmerung oder an einem regnerischen Herbstabend.
Gebt dem Album eine Chance wenn ihr Funeral Doom Metal etwas
abgewinnen könnt, auch wenn es ein wenig Zeit braucht!