AARNI – Tohcoth

 
Label: Epidemie Records
Release: 12.02.2008
Von: Joking
Punkte: 8/10
Time: 73:01
Stil: Experimental Progressive Rock
URL: Aarni
 
Eigentlich ist AARNI keine Band, sondern das Projekt des finnischen Allround-Musikers Markus Marjooma „plus splendid guest musicians“, genauer gesagt VV von Umbra Nihil, der die meisten Drumparts einspielte und Sampo Marjomaa als Gastsänger.
Wobei Gesang nicht das Wichtigste – und Gelungenste – an Tohcoth ist. Dem späten Robert Anton Wilson gewidmet, ist das Album eine 70minütige Wundertüte, eine bunte Spielwiese am zerfransten Rand des Progressivrocks. Schleppende, düstere Metalpassagen wechseln sich ab mit elegischen Instrumentalparts, die an eine Mischung aus Klaus Schulze und Bo Hansson erinnern. Obwohl das Tempo insgesamt eher gemäßigt ist, herrscht eine energiegeladene Grundstimmung vor. Schwebende melodische Momente gehen über in dissonante, manchmal nehmen die meist von der Gitarre geprägten Songs auch einmal eine Auszeit und pluckern einfach vor sich hin, mal rein instrumental, mal begleitet von einem mehr erzählenden, als singenden Vokalisten. Erinnerungen an New Wave Terroristen und Avantgardemusiker wie Charles Hayward und seine Band This Heat werden wach, während Marjomaa The Sound Of One I Opening mit schrägen und verzerrten Vocals huldigt. Nur um im nächsten Song auf einem Kinderkeyboard „Glory Glory Halleluja“ anzustimmen (aka The Battle Hymn Of The Epistocrazy). Das würde dem mittlerweile verstorbenen Robert A. Wilson gefallen: alles ist dabei, von finnischer Groteske bis zum Soundtrack eines noch zu drehenden experimentellen Horrorfilms.
Vielleicht finden wir hier eine Definition für den viel gescholtenen, viel geliebten und vielfach kaum zu definierenden Begriff „Progressiv-Rock“: Egozentriertheit und der Wunsch Grenzen zu überschreiten. Ob die Technik perfekt ist, spielt gar nicht die Hauptrolle, wichtig ist, sich etwas zu trauen. Am Ende wird sich schon rausstellen, ob man in einem schleimigen Bombastsumpf landet, die Hauptattraktion eines Absurditätenkabinetts ist, oder Musik macht, die Beschränkungen den nackten Hintern zeigt. Die beiden letzten Varianten finden sich bei AARNI, die erste nicht.
Wer also Lust auf etwas andere Musik hat, Perfektion auch und gerade im Abwegigen entdecken mag, wem zwei Töne in einer Minute so wichtig sind, wie ein Dutzend Breaks in einer halben, dem sei Tohcoth ans Herz gelegt.