Eigentlich
ist AARNI keine Band, sondern das Projekt des finnischen
Allround-Musikers Markus Marjooma „plus splendid guest
musicians“, genauer gesagt VV von Umbra Nihil, der die
meisten Drumparts einspielte und Sampo Marjomaa als Gastsänger.
Wobei Gesang nicht das Wichtigste – und Gelungenste –
an Tohcoth ist. Dem späten Robert Anton Wilson
gewidmet, ist das Album eine 70minütige Wundertüte,
eine bunte Spielwiese am zerfransten Rand des Progressivrocks.
Schleppende, düstere Metalpassagen wechseln sich ab mit
elegischen Instrumentalparts, die an eine Mischung aus Klaus
Schulze und Bo Hansson erinnern. Obwohl das Tempo insgesamt
eher gemäßigt ist, herrscht eine energiegeladene
Grundstimmung vor. Schwebende melodische Momente gehen über
in dissonante, manchmal nehmen die meist von der Gitarre geprägten
Songs auch einmal eine Auszeit und pluckern einfach vor sich
hin, mal rein instrumental, mal begleitet von einem mehr erzählenden,
als singenden Vokalisten. Erinnerungen an New Wave Terroristen
und Avantgardemusiker wie Charles Hayward und seine Band This
Heat werden wach, während Marjomaa The Sound Of One
I Opening mit schrägen und verzerrten Vocals huldigt.
Nur um im nächsten Song auf einem Kinderkeyboard „Glory
Glory Halleluja“ anzustimmen (aka The Battle Hymn Of
The Epistocrazy). Das würde dem mittlerweile verstorbenen
Robert A. Wilson gefallen: alles ist dabei, von finnischer Groteske
bis zum Soundtrack eines noch zu drehenden experimentellen Horrorfilms.
Vielleicht finden wir hier eine Definition für den viel
gescholtenen, viel geliebten und vielfach kaum zu definierenden
Begriff „Progressiv-Rock“: Egozentriertheit und
der Wunsch Grenzen zu überschreiten. Ob die Technik perfekt
ist, spielt gar nicht die Hauptrolle, wichtig ist, sich etwas
zu trauen. Am Ende wird sich schon rausstellen, ob man in einem
schleimigen Bombastsumpf landet, die Hauptattraktion eines Absurditätenkabinetts
ist, oder Musik macht, die Beschränkungen den nackten Hintern
zeigt. Die beiden letzten Varianten finden sich bei AARNI,
die erste nicht.
Wer also Lust auf etwas andere Musik hat, Perfektion auch und
gerade im Abwegigen entdecken mag, wem zwei Töne in einer
Minute so wichtig sind, wie ein Dutzend Breaks in einer halben,
dem sei Tohcoth ans Herz gelegt.