Eine
echte Überraschung stellt für mich das neue Album
dieser Formation dar, hatte ich doch mit den letzten Veröffentlichungen
zunehmend das Interesse an der Band verloren. Schließlich
ließen die Kompositionen m.E. immer mehr ein zwingendes
Songwriting vermissen, wodurch die Band für mich Stück
für Stück belangloser und uninteressanter wurde.
Nun, nach dem Auslaufen ihres Vertrages bei Sony/BMG hat man
sich dann genügend Zeit genommen, alle neuen Optionen ausreichend
zu prüfen. Das richtige Angebot war aber anscheinend nicht
dabei, und um letztlich jegliche Beeinflussung durch eine neue
Plattenfirma sicher auszuschließen, entschieden sich ZERAPHINE
dazu, die eigene Plattenfirma Phonyx zu gründen und nur
einen neuen Vertrieb zu suchen, der dann mit Soulfood auch gefunden
wurde. Im Info klang dazu durch, dass man früher doch recht
stark reglementiert wurde und darauf verständlicher Weise
keine Lust mehr hatte. So richtig überzeugend klingt das
allerdings nicht, denn ich kann mir nur schwerlich vorstellen,
dass ein Plattenfirma ein Interesse daran gehabt haben soll,
die Schaffung und Veröffentlichung eines solch guten Albums
zu verhindern...
Still ist nämlich wirklich überraschend
stark geworden. ZERAPHINE haben diesmal den
gesamten Kompositions- und Produktionsprozess so nah wie möglich
an der Live-Erfahrung belassen, was dem Album hörbar gut
getan hat. So versprüht die CD nicht nur viel mehr Emotionen
und Authentizität als noch z.B. die beiden letzten Scheiben,
sondern sie rockt auch wieder wesentlich vehementer, wodurch
die Musik insgesamt viel zugänglicher und konsumierbarer
wird, ohne dabei an Feinheiten oder Technik einzubüssen.
Den größten Spagat legt man aber mit der Tatsache
hin, dass Still sowohl eingängig
(und damit von mir aus auch kommerziell), zugleich aber auch
anspruchsvoll und ausreichend abwechslungsreich geworden ist.
Das gelingt einem ja auch nicht alle Tage.
Bereits mit dem
Opener und Titelstück wird die Marschrichtig sofort klar:
schnörkellose, aber mit interessanten Details versehene
Songs, die schnell ins Ohr gehen und dabei trotzdem einen
bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Band harmoniert sehr
gut miteinander und bietet der nach wie vor sehr prägnanten
Stimme von Sven Friedrich sowie seinen Texten ausreichend
Raum zur Entfaltung. Und auch wenn letzterer es vielleicht
nicht gerne hören mag, aber mit Still
klingen ZERAPHINE so sehr nach den Dreadful
Shadows wie noch nie. Zwar waren die doch deutlich gothic-lastiger,
aber das rockige Element ist recht ähnlich, und die Ausstrahlung
der Stücke ebenfalls.
Weitere Höhepunkte sind das an Zeromancer erinnernde
Inside Your Arms, das in Richtung der letzten Love
Like Blood tendierende Gib mir Dein Gift, das extrem
einprägsame und mit tollen Melodien ausgestattete Toxic
Skies, oder andere potentielle Hits fürs schwarze
Publikum wie Fang mich, Halbes Ende oder
die schöne, abschließende Ballade Nur ein Tag.
Da sieht die nationale Konkurrenz alt aus, und wir werden
in dieser Form an den Berlinern noch viel Freude haben. 8,5
Punkte.
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