ZERAPHINE – Still

 
Label: Phonyx
Release: 30.06.2006
Von: Psycho
Punkte: 8.5/10
Time: 46:19
Stil: Gothic Rock/Alternative
URL: Zeraphine
 
Eine echte Überraschung stellt für mich das neue Album dieser Formation dar, hatte ich doch mit den letzten Veröffentlichungen zunehmend das Interesse an der Band verloren. Schließlich ließen die Kompositionen m.E. immer mehr ein zwingendes Songwriting vermissen, wodurch die Band für mich Stück für Stück belangloser und uninteressanter wurde.
Nun, nach dem Auslaufen ihres Vertrages bei Sony/BMG hat man sich dann genügend Zeit genommen, alle neuen Optionen ausreichend zu prüfen. Das richtige Angebot war aber anscheinend nicht dabei, und um letztlich jegliche Beeinflussung durch eine neue Plattenfirma sicher auszuschließen, entschieden sich ZERAPHINE dazu, die eigene Plattenfirma Phonyx zu gründen und nur einen neuen Vertrieb zu suchen, der dann mit Soulfood auch gefunden wurde. Im Info klang dazu durch, dass man früher doch recht stark reglementiert wurde und darauf verständlicher Weise keine Lust mehr hatte. So richtig überzeugend klingt das allerdings nicht, denn ich kann mir nur schwerlich vorstellen, dass ein Plattenfirma ein Interesse daran gehabt haben soll, die Schaffung und Veröffentlichung eines solch guten Albums zu verhindern...

Still ist nämlich wirklich überraschend stark geworden. ZERAPHINE haben diesmal den gesamten Kompositions- und Produktionsprozess so nah wie möglich an der Live-Erfahrung belassen, was dem Album hörbar gut getan hat. So versprüht die CD nicht nur viel mehr Emotionen und Authentizität als noch z.B. die beiden letzten Scheiben, sondern sie rockt auch wieder wesentlich vehementer, wodurch die Musik insgesamt viel zugänglicher und konsumierbarer wird, ohne dabei an Feinheiten oder Technik einzubüssen. Den größten Spagat legt man aber mit der Tatsache hin, dass Still sowohl eingängig (und damit von mir aus auch kommerziell), zugleich aber auch anspruchsvoll und ausreichend abwechslungsreich geworden ist. Das gelingt einem ja auch nicht alle Tage.

Bereits mit dem Opener und Titelstück wird die Marschrichtig sofort klar: schnörkellose, aber mit interessanten Details versehene Songs, die schnell ins Ohr gehen und dabei trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Band harmoniert sehr gut miteinander und bietet der nach wie vor sehr prägnanten Stimme von Sven Friedrich sowie seinen Texten ausreichend Raum zur Entfaltung. Und auch wenn letzterer es vielleicht nicht gerne hören mag, aber mit Still klingen ZERAPHINE so sehr nach den Dreadful Shadows wie noch nie. Zwar waren die doch deutlich gothic-lastiger, aber das rockige Element ist recht ähnlich, und die Ausstrahlung der Stücke ebenfalls.
Weitere Höhepunkte sind das an Zeromancer erinnernde Inside Your Arms, das in Richtung der letzten Love Like Blood tendierende Gib mir Dein Gift, das extrem einprägsame und mit tollen Melodien ausgestattete Toxic Skies, oder andere potentielle Hits fürs schwarze Publikum wie Fang mich, Halbes Ende oder die schöne, abschließende Ballade Nur ein Tag. Da sieht die nationale Konkurrenz alt aus, und wir werden in dieser Form an den Berlinern noch viel Freude haben. 8,5 Punkte.