WEINHOLD – Below The Line

 
Label: Armageddon Records
Release: 19.05.2006
Von: Psycho
Punkte: 8.5/10
Time: 01:12:38
Stil: Hard Rock
URL: Weinhold
 
Das nenn ich mal ein Leben für den Rock’n’Roll: Jutta WEINHOLD ist eigentlich so etwas wie die wahre Grand Dame der deutschen Rockmusik, auch wenn da den meisten Leuten mit unserer stilistischen Ausrichtung wohl eher Doro einfallen wird. Die macht aber nicht schon seit beinahe 40 Jahren professionell Musik und muss sich daher, trotz aller Meriten, in dieser Hinsicht noch hinten anstellen. Jutta WEINHOLD ist hingegen schon seit Ende der 60er dabei, hat in den 70ern mit Amon Düül gezockt, und danach permanent im Spannungsfeld zwischen Gesangslehre und Blues-/Rock-Projekten gearbeitet. Den meisten Leuten dürften allerdings eher die beiden Zed Yago-Alben in bester Erinnerung sein, die darauf folgende Phase mit Velvet Viper konnte sich dagegen trotz eines ähnlichen Konzeptes nicht so sehr durchsetzen.
Übrigens kann ich dazu ja auch durchaus mal einen Schwank aus meiner Jugend erzählen. Meine ersten Langspielplatten waren ja von Motörhead bzw. AC/DC, aber kurz danach (1982/83) fand die Debüt-LP einer Band namens Breslau den Weg in meinen noch recht jungfräulichen Plattenschrank. Ein Werk, das gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert war: erstens wegen des für damalige Verhältnisse furztrockenen und barschen Gitarrensounds, zweitens wegen der deutschen Texte (im Metal damals noch unüblicher als heute), und drittens wegen des Gesangs; der kam nämlich von Jutta und klang einfach klasse. Noch größer war allerdings mein Erstaunen, als der mit einkalkulierte Effekt als Elternschreck (hey, wozu hört man sonst in der Pubertät laute, krachige Musik?) damals voll nach hinten losging. Meine Ma brauchte nämlich nur Sekunden, um nach den ersten Gesangsparts zu bemerken: „Das ist doch Jutta Weinhold, oder? Kenn ich von früher, tolle Bluessängerin! Und so was hörst Du jetzt?“ Potzblitz, damit hatte ich nicht gerechnet...
Die Härteskalierungen haben sich in der Zwischenzeit ein wenig verschoben; und was heute unter Hard Rock läuft, ist meistens überhaupt nicht mein Ding. Das Info trug auch nicht unbedingt dazu bei, meine Vorfreude zu steigern, war ihm doch zu entnehmen, dass einige Metallium-Musiker maßgeblichen Anteil am Entstehungsprozess von Below The Line hatten. Das beweist aber nur, wie sehr man sich täuschen kann, denn Jutta WEINHOLD hat hier ein wirklich tolles Album abgeliefert, welches fast durchgehend jenseits gängigen Klischees und ausgelutschter Melodien angesiedelt ist und neben hervorragender Musik vor allem beeindruckend guten Gesang zu bieten hat. So thront die Namensgeberin mit ihrer leicht pathetischen Rockröhre souverän über dem Geschehen und verbreitet ein ums andere Mal Emotionen pur. Es klingt vielleicht ein wenig abgegriffen, aber hier hat man wirklich den Eindruck, als ob der Gesang im Laufe der Jahre immer besser wird.
Musikalisch fühlt man sich manchmal schon an den leicht doomigen Bombast der Zed Yago Ära erinnert, wenn z.B. im Titelstück einige Männerchöre eingesetzt werden, aber insgesamt ist die CD fast schon bemerkenswert zeitlos ausgefallen. So macht sogar mir diese Musik noch Spaß! Tracks wie das schwere Fire No Water oder das stark rockende Spirit Of Fear sind ohne Fehl und Tadel und sollten jedem Hörer anspruchsvollerer Musik gefallen. Dabei sind die Stücke zum größten Teil wirklich gekonnt komponiert, so dass die Balance zwischen Eingängigkeit und Komplexität fast immer genau passt. Im Prinzip findet also all das nicht statt, womit ich Hard Rock in den letzten Jahren (Jahrzehnten) meistens verbunden habe. Und ich muss gestehen, dass die sehr sympathische Beschreibung im Info („Auf dieser CD suchst Du vergebens: Schlichtrock/Saufen/Ficken“) den Nagel voll auf den Kopf trifft. Übrigens gerade auch textlich, denn so wirkt z.B. Storyteller zwar wie ein Zitatensammlung bisheriger Zed Yago/Velvet Viper-Titel, aber dies ist natürlich klar besser als die Themen, die man, wie beschrieben, hier zum Glück nicht findet.
Einige Kleinigkeiten gibt es aber doch zu meckern. So dauert es z.B. bei Eternity viel zu lang, bevor das Stück endlich zu Sache kommt; da wird im ruhigen Teil einfach zu lange am Spannungsbogen gefeilt. Ärgerlich finde ich auch die ca. 15 Minuten Leerzeit zwischen dem guten Abschlußtrack The Master’s Work als vermeintlichem Ende der CD und dem endgültigen Schlussgimmick, welches dann wieder zum Anfang überleitet. Das hätte man durchaus eleganter lösen können.
Insgesamt ist der Gesamteindruck aber deutlich positiv. Eine starke Leistung aller Beteiligten, die mir glatt 8,5 Punkte wert ist. Und das ganz ohne jeden Nostalgiebonus...