Das
nenn ich mal ein Leben für den Rock’n’Roll:
Jutta WEINHOLD ist eigentlich so etwas wie
die wahre Grand Dame der deutschen Rockmusik, auch wenn da den
meisten Leuten mit unserer stilistischen Ausrichtung wohl eher
Doro einfallen wird. Die macht aber nicht schon seit beinahe
40 Jahren professionell Musik und muss sich daher, trotz aller
Meriten, in dieser Hinsicht noch hinten anstellen. Jutta WEINHOLD
ist hingegen schon seit Ende der 60er dabei, hat in den 70ern
mit Amon Düül gezockt, und danach permanent im Spannungsfeld
zwischen Gesangslehre und Blues-/Rock-Projekten gearbeitet.
Den meisten Leuten dürften allerdings eher die beiden Zed
Yago-Alben in bester Erinnerung sein, die darauf folgende Phase
mit Velvet Viper konnte sich dagegen trotz eines ähnlichen
Konzeptes nicht so sehr durchsetzen.
Übrigens kann ich dazu ja auch durchaus mal einen Schwank
aus meiner Jugend erzählen. Meine ersten Langspielplatten
waren ja von Motörhead bzw. AC/DC, aber kurz danach (1982/83)
fand die Debüt-LP einer Band namens Breslau den Weg in
meinen noch recht jungfräulichen Plattenschrank. Ein Werk,
das gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert war: erstens
wegen des für damalige Verhältnisse furztrockenen
und barschen Gitarrensounds, zweitens wegen der deutschen Texte
(im Metal damals noch unüblicher als heute), und drittens
wegen des Gesangs; der kam nämlich von Jutta und klang
einfach klasse. Noch größer war allerdings mein Erstaunen,
als der mit einkalkulierte Effekt als Elternschreck (hey, wozu
hört man sonst in der Pubertät laute, krachige Musik?)
damals voll nach hinten losging. Meine Ma brauchte nämlich
nur Sekunden, um nach den ersten Gesangsparts zu bemerken: „Das
ist doch Jutta Weinhold, oder? Kenn ich von früher, tolle
Bluessängerin! Und so was hörst Du jetzt?“ Potzblitz,
damit hatte ich nicht gerechnet...
Die Härteskalierungen haben sich in der Zwischenzeit ein
wenig verschoben; und was heute unter Hard Rock läuft,
ist meistens überhaupt nicht mein Ding. Das Info trug auch
nicht unbedingt dazu bei, meine Vorfreude zu steigern, war ihm
doch zu entnehmen, dass einige Metallium-Musiker maßgeblichen
Anteil am Entstehungsprozess von Below The Line
hatten. Das beweist aber nur, wie sehr man sich täuschen
kann, denn Jutta WEINHOLD hat hier ein wirklich
tolles Album abgeliefert, welches fast durchgehend jenseits
gängigen Klischees und ausgelutschter Melodien angesiedelt
ist und neben hervorragender Musik vor allem beeindruckend guten
Gesang zu bieten hat. So thront die Namensgeberin mit ihrer
leicht pathetischen Rockröhre souverän über dem
Geschehen und verbreitet ein ums andere Mal Emotionen pur. Es
klingt vielleicht ein wenig abgegriffen, aber hier hat man wirklich
den Eindruck, als ob der Gesang im Laufe der Jahre immer besser
wird.
Musikalisch fühlt man sich manchmal schon an den leicht
doomigen Bombast der Zed Yago Ära erinnert, wenn z.B. im
Titelstück einige Männerchöre eingesetzt werden,
aber insgesamt ist die CD fast schon bemerkenswert zeitlos ausgefallen.
So macht sogar mir diese Musik noch Spaß! Tracks wie das
schwere Fire No Water oder das stark rockende Spirit
Of Fear sind ohne Fehl und Tadel und sollten jedem Hörer
anspruchsvollerer Musik gefallen. Dabei sind die Stücke
zum größten Teil wirklich gekonnt komponiert, so
dass die Balance zwischen Eingängigkeit und Komplexität
fast immer genau passt. Im Prinzip findet also all das nicht
statt, womit ich Hard Rock in den letzten Jahren (Jahrzehnten)
meistens verbunden habe. Und ich muss gestehen, dass die sehr
sympathische Beschreibung im Info („Auf dieser CD suchst
Du vergebens: Schlichtrock/Saufen/Ficken“) den Nagel voll
auf den Kopf trifft. Übrigens gerade auch textlich, denn
so wirkt z.B. Storyteller zwar wie ein Zitatensammlung
bisheriger Zed Yago/Velvet Viper-Titel, aber dies ist natürlich
klar besser als die Themen, die man, wie beschrieben, hier zum
Glück nicht findet.
Einige Kleinigkeiten gibt es aber doch zu meckern. So dauert
es z.B. bei Eternity viel zu lang, bevor das Stück
endlich zu Sache kommt; da wird im ruhigen Teil einfach zu lange
am Spannungsbogen gefeilt. Ärgerlich finde ich auch die
ca. 15 Minuten Leerzeit zwischen dem guten Abschlußtrack
The Master’s Work als vermeintlichem Ende der
CD und dem endgültigen Schlussgimmick, welches dann wieder
zum Anfang überleitet. Das hätte man durchaus eleganter
lösen können.
Insgesamt ist der Gesamteindruck aber deutlich positiv. Eine
starke Leistung aller Beteiligten, die mir glatt 8,5 Punkte
wert ist. Und das ganz ohne jeden Nostalgiebonus...