VON BRANDEN – Scherben

 
Label: Greyfall
Release: 30.11.2007
Von: Joking
Punkte: 8/10
Time: 50:53
Stil: Atmospheric Gothic Metal
URL: Von Branden
 
VON BRANDENs Sujet ist das Melodrama. Nicht das Kleine, das Montagsabends auf irgendeinem Privatsender mit Yvonne Catterfeld in der Hauptrolle läuft, und eher Erbrechen als tiefe Gefühle auslöst. Auf Scherben regiert das das große, echte Drama, das Wehmut und Sehnsucht vereint und mit einer Portion Aggressivität die Spannung aufrecht hält.
Nach wenigen Sekunden beschaulicher Einstimmung startet Scherben rabiat und schreckt den geneigten Hörer mit relativ brutalen Growls aus dem Sessel, um ihn wenig später mit klarem Gesang und verführerischen Harmonien sachte auf seinen Platz zurück zu geleiten. Da lässt man sich gerne einlullen, ist gleichzeitig gewarnt, dass hinter der nächsten Ecke ein explosiver Ausbruch warten könnte. Einschläfernd ist die Musik VON BRANDENs dabei keineswegs, sie wogt melodienselig auf und ab, swingt regelrecht, und scheut sich nicht bis in die Nähe hochseetüchtiger Shanties zu branden, inklusive kleinem MatrosInnenchor. Die Mischung aus bitter und süß gelingt der Band meist hervorragend; seien es diametralen Stimmlagen der Schönen und des Biestes, wobei die Frauenstimme nicht ins glockenhelle Opernfach stürmt (zum Glück); sei es die Instrumentierung, die neben kraftvollen E-Gitarren, einem straight gespielten Schlagzeug, u.a. Streichern und dem Piano viel Raum lässt und selbst ungewohnten Saxophonklängen geeignete Momente gönnt.
Scherben ist ein stimmungsvolles Album, das in seiner ausgewogenen Mischung aus Melancholie und Härte äußerst gefällig ist, und die allzu nahen Klippen ausgelutschter Düster-Klischees recht geschickt umschifft. Manch deutscher Text kommt etwas vollmundig daher („sing’ mit mir die Totenlieder im tiefen Feuer immer wieder“), das ein oder andere Riff klingt nicht ganz unbekannt (z.b. der Anfang von Ignoranzkult), und der weibliche Gesang liegt manchmal ein wenig schwächelnd (aber durchaus charmant) neben der Spur. Viel mehr gibt es auch nicht zu bemängeln.
Und wer kann schon einem als „Gothic Metal“ ausgewiesenen Album widerstehen, das ein Schifferklavier in der Instrumentierung aufführt? Na gut, 'ne Menge Leute, aber alleine diese Kleinigkeit zeigt, dass VON BRANDEN in der Lage sind, ihren eigenen Weg durchaus selbstbewusst und vor allem stilsicher zu beschreiten. Dicke Empfehlung für die schnittigen Scherben!
PS.: Das Tori Amos Cover Winter gibt es zum Finale: Respekt – fette, eigenständige und fast besoffene Version ;-) Da kann der Schnee kommen…