VON
BRANDENs Sujet ist das Melodrama. Nicht das Kleine,
das Montagsabends auf irgendeinem Privatsender mit Yvonne Catterfeld
in der Hauptrolle läuft, und eher Erbrechen als tiefe Gefühle
auslöst. Auf Scherben regiert
das das große, echte Drama, das Wehmut und Sehnsucht vereint
und mit einer Portion Aggressivität die Spannung aufrecht
hält.
Nach wenigen Sekunden beschaulicher Einstimmung startet Scherben
rabiat und schreckt den geneigten Hörer mit relativ brutalen
Growls aus dem Sessel, um ihn wenig später mit klarem Gesang
und verführerischen Harmonien sachte auf seinen Platz zurück
zu geleiten. Da lässt man sich gerne einlullen, ist gleichzeitig
gewarnt, dass hinter der nächsten Ecke ein explosiver Ausbruch
warten könnte. Einschläfernd ist die Musik VON
BRANDENs dabei keineswegs, sie wogt melodienselig auf
und ab, swingt regelrecht, und scheut sich nicht bis in die
Nähe hochseetüchtiger Shanties zu branden, inklusive
kleinem MatrosInnenchor. Die Mischung aus bitter und süß
gelingt der Band meist hervorragend; seien es diametralen Stimmlagen
der Schönen und des Biestes, wobei die Frauenstimme nicht
ins glockenhelle Opernfach stürmt (zum Glück); sei
es die Instrumentierung, die neben kraftvollen E-Gitarren, einem
straight gespielten Schlagzeug, u.a. Streichern und dem Piano
viel Raum lässt und selbst ungewohnten Saxophonklängen
geeignete Momente gönnt.
Scherben ist ein stimmungsvolles Album,
das in seiner ausgewogenen Mischung aus Melancholie und Härte
äußerst gefällig ist, und die allzu nahen Klippen
ausgelutschter Düster-Klischees recht geschickt umschifft.
Manch deutscher Text kommt etwas vollmundig daher („sing’
mit mir die Totenlieder im tiefen Feuer immer wieder“),
das ein oder andere Riff klingt nicht ganz unbekannt (z.b. der
Anfang von Ignoranzkult), und der weibliche Gesang
liegt manchmal ein wenig schwächelnd (aber durchaus charmant)
neben der Spur. Viel mehr gibt es auch nicht zu bemängeln.
Und wer kann schon einem als „Gothic Metal“ ausgewiesenen
Album widerstehen, das ein Schifferklavier in der Instrumentierung
aufführt? Na gut, 'ne Menge Leute, aber alleine diese Kleinigkeit
zeigt, dass VON BRANDEN in der Lage sind, ihren
eigenen Weg durchaus selbstbewusst und vor allem stilsicher
zu beschreiten. Dicke Empfehlung für die schnittigen Scherben!
PS.: Das Tori Amos Cover Winter gibt es zum Finale:
Respekt – fette, eigenständige und fast besoffene
Version ;-) Da kann der Schnee kommen…