Beim
ersten Hören könnte man VLAD IN TEARS für
eine keyboardlastige HIM Kopie halten. Gut, der Sänger
Kris kann nicht ganz mit Ville Valos exaltiertem Gesangsstil
mithalten, aber die Songs haben scheinbar all das, was HIM auch
auszeichnet, bzw. zum Ärgernis werden lässt: Pathos,
hymnischer Düsterkitsch, eingängige Melodien, die
zum Tanz einladen und mit weinerlicher Seligkeit liebäugeln.
Hier werden sämtliche Klischees bedient, die Gothic Metal
nur auffahren kann, man ist versucht das Ding schnell abzuhaken
- weg damit in den Orkus des Vergessens. Dann beim zweiten,
dritten Durchgang die Erkenntnis: so schlecht ist das Teil gar
nicht. Denn da gibt es immer mal eine Passage, die aufhorchen
lässt, eine gelungene Gesangslinie, fette Keyboards, ein
Pianolauf, der zwar aus dem Etüdenbuch für fortgeschrittene
Klavierschüler stammt, aber trotzdem perlt.
Das bewegt sich auf ausgetretenen Pfaden, ist aber dermaßen
enthusiastisch und von einer inbrünstigen Rumpeligkeit,
dass man der „Saat eines altehrwürdigen Schmerzes“
gar nicht böse sein kann. Der Druck auf die Tränendrüse
hält sich zudem in Grenzen. Highlights sind das eindringliche
Briar mit seinem voluminösen Orgelsound, das rhythmisch
abwechslungsreich rockende Dark Theoreme, das symphonische
As Snow We’d Fall, das keine Leidensgrenze kennt;
und die melodramatische Ballade After The End, die
ein gruseliges Gitarren- UND ein noch gruseligeres Pianosolo
aufbietet.
Streng dem Kodex „Von Pathos bis Porno – wie strukturiere
ich ein Gothic-Album“ gehorchend, endet Seed
Of An Ancient Pain mit einer instrumentalen Verbeugung
vor Liberaces kerzenumflorter Gruft; My Last Dawn ist
so wonnevoll elegisch, dass ich mir’s Näschen putzen
muss vor Rührung.
Nein, im Ernst, man kann VLAD IN TEARS guten
Gewissens ein oder zwei Ohren leihen. Vielleicht hilft die Investition
ins Album auch, dass sich Drummer Xander ein neues Brillengestell
leisten kann. Oder ist der „zornige Bankangestellte mit
Glasbausteinblick“ vielleicht das kommende Rollenmodell
im Düsterrock?