Ein Geniestreich
war sein 2001er Solodebüt Endlich Urlaub
auf alle Fälle. Nicht nur unter den Fans von Die Ärzte,
wo Farin „hauptberuflich“ tätig ist, sondern
auch bei Musikliebhabern, die das Berliner Trio fälschlicherweise
als flaches Pop-Punk Theater abgestempelt haben, hat die Scheibe
zweifelsohne für frischen Wind gesorgt. Mit der richtigen
Mischung aus viel Blödelei und einigen seriöseren
Songs, gepaart mit einer wahnsinnigen Stilvielfalt, ist es dem
ungesund aussehenden Multiinstrumentalisten damals gelungen,
ein beeindruckend spontanes und jugendlich klingendes Album
zurechtzuzimmern.
Um einen ähnlichen Überraschungseffekt zu erzielen,
musste sich mit dem aktuellen Zweitwerk Am Ende
Der Sonne etwas ändern, und genau dies ist
auch eingetreten. Der Gesamtcharakter ist eher ernsthaft und
zeigt Farin von einer eher ungewohnten, leicht düsteren
Seite. Das bedeutet konkret, dass lustige Texte und fröhliche
Musik auf ein Minimum von genau drei Songs reduziert wurden
(Wie ich den Marilyn-Manson-Ähnlichkeitswettbewerb
verlor, Dusche, Alle Dasselbe). Bereits der außergewöhnlich
harte, punkige Opener Mehr leuchtet ganz andere musikalische
Facetten aus, als man vom Vorgängeralbum und den Die Ärzte-Werken
gewohnt ist. Stücke wie Kein Zurück, Immer Noch
oder Sonne behandeln Themen, bei denen einem gar nicht
zum Lachen zumute ist, beispielsweise Selbstmord, unerfüllte
Erwartungen oder – wer hätte das gedacht? –
Liebeskummer. Viele der Lyrics gehen richtig unter die Haut
und regen zum Nachdenken an. Keine Spur von Oberflächlichkeit
und pubertärem Blödsinn. Im Vergleich zum Vorgänger
könnte man direkt von einem Reifeprozess sprechen.
Der charakteristische Abwechslungsreichtum ist jedoch geblieben
und lassen die 52 Minuten der Scheibe wie im Fluge verstreichen.
Egal, ob man Unter Wasser mit seinen stimmungsvollen
orientalischen Einflüssen und dem Ohrwurmrefrain anspielt,
sich vom dunklen Apocalypse Wann Anders wegtragen lässt
oder zu Unsichtbar abrockt: keine Nummer ähnelt
der anderen, jedes Stück ist absolut eigenständig.
Der einzige Durchhänger ist die Singleauskopplung Dusche,
die recht uninspiriert und langweilig vor sich hin rifft und
verglichen mit den anderen Stücken einfach nur einfallslos
erscheint.
Die jederzeit wieder erkennbare Stimme des Meisters passt sich
den Songs perfekt an. Erst säuselnd, dann schreiend, mal
bissig, mal einfühlsam wird das Material gesanglich veredelt.
Die Frage, ob nun eine Steigerung zu Endlich Urlaub
stattgefunden hat, kann ich erfreulicherweise mit einem eindeutigen
Ja! (mit Rufzeichen) beantworten. Zum einen liegt diese Entscheidung
an den überragenden Liedern, zum anderen an der Langzeitwirkung
der CD. Im Gegensatz zu früher, wo eine schöne Anzahl
an Songs nach einiger Zeit ihren Reiz wegen fehlenden Tiefgangs
verloren hat, zünden besonders die ernsteren FARIN
URLAUB-Stücke erst nach mehreren Durchläufen.
Sie müssen erst richtig erforscht werden und wirken somit
einfach zeitloser.