FARIN URLAUB – Am Ende Der Sonne

 
Label: Völker hört die Tonträger
Release: 29.03.2005
Von: Polsi
Punkte: 9/10
Time: 51:57
Stil: undefinierbar
URL: Farin Urlaub
 

Ein Geniestreich war sein 2001er Solodebüt Endlich Urlaub auf alle Fälle. Nicht nur unter den Fans von Die Ärzte, wo Farin „hauptberuflich“ tätig ist, sondern auch bei Musikliebhabern, die das Berliner Trio fälschlicherweise als flaches Pop-Punk Theater abgestempelt haben, hat die Scheibe zweifelsohne für frischen Wind gesorgt. Mit der richtigen Mischung aus viel Blödelei und einigen seriöseren Songs, gepaart mit einer wahnsinnigen Stilvielfalt, ist es dem ungesund aussehenden Multiinstrumentalisten damals gelungen, ein beeindruckend spontanes und jugendlich klingendes Album zurechtzuzimmern.
Um einen ähnlichen Überraschungseffekt zu erzielen, musste sich mit dem aktuellen Zweitwerk Am Ende Der Sonne etwas ändern, und genau dies ist auch eingetreten. Der Gesamtcharakter ist eher ernsthaft und zeigt Farin von einer eher ungewohnten, leicht düsteren Seite. Das bedeutet konkret, dass lustige Texte und fröhliche Musik auf ein Minimum von genau drei Songs reduziert wurden (Wie ich den Marilyn-Manson-Ähnlichkeitswettbewerb verlor, Dusche, Alle Dasselbe). Bereits der außergewöhnlich harte, punkige Opener Mehr leuchtet ganz andere musikalische Facetten aus, als man vom Vorgängeralbum und den Die Ärzte-Werken gewohnt ist. Stücke wie Kein Zurück, Immer Noch oder Sonne behandeln Themen, bei denen einem gar nicht zum Lachen zumute ist, beispielsweise Selbstmord, unerfüllte Erwartungen oder – wer hätte das gedacht? – Liebeskummer. Viele der Lyrics gehen richtig unter die Haut und regen zum Nachdenken an. Keine Spur von Oberflächlichkeit und pubertärem Blödsinn. Im Vergleich zum Vorgänger könnte man direkt von einem Reifeprozess sprechen.
Der charakteristische Abwechslungsreichtum ist jedoch geblieben und lassen die 52 Minuten der Scheibe wie im Fluge verstreichen. Egal, ob man Unter Wasser mit seinen stimmungsvollen orientalischen Einflüssen und dem Ohrwurmrefrain anspielt, sich vom dunklen Apocalypse Wann Anders wegtragen lässt oder zu Unsichtbar abrockt: keine Nummer ähnelt der anderen, jedes Stück ist absolut eigenständig.
Der einzige Durchhänger ist die Singleauskopplung Dusche, die recht uninspiriert und langweilig vor sich hin rifft und verglichen mit den anderen Stücken einfach nur einfallslos erscheint.
Die jederzeit wieder erkennbare Stimme des Meisters passt sich den Songs perfekt an. Erst säuselnd, dann schreiend, mal bissig, mal einfühlsam wird das Material gesanglich veredelt.
Die Frage, ob nun eine Steigerung zu Endlich Urlaub stattgefunden hat, kann ich erfreulicherweise mit einem eindeutigen Ja! (mit Rufzeichen) beantworten. Zum einen liegt diese Entscheidung an den überragenden Liedern, zum anderen an der Langzeitwirkung der CD. Im Gegensatz zu früher, wo eine schöne Anzahl an Songs nach einiger Zeit ihren Reiz wegen fehlenden Tiefgangs verloren hat, zünden besonders die ernsteren FARIN URLAUB-Stücke erst nach mehreren Durchläufen. Sie müssen erst richtig erforscht werden und wirken somit einfach zeitloser.