Wie
Ihr bereits in unserem kürzlich geführten Interview
mit THYRFING erfahren konntet, sollte der Abgang der
beiden langjährigen Weggefährten der Tyresöer
Thomas und Henrik nicht so sehr ins Gewicht fallen. Skeptisch
war ich trotzdem, zumal Patrik sich die Aufgabe aufbürdete,
sich im Alleingang um die Gitarren zu kümmern, was bei
dem ungemein druckvollen Sound und der in der Welt von THYRFING
sehr zentralen Rolle der Klampfen ein schwieriges Unterfangen
werden sollte. Man konnte sich zurecht fragen, ob man anno 2008
in der Lage ist, an Glanztaten wie Farsotstider
oder Vansinnesvisor anzuknüpfen.
Zudem war zumindest für mich der Abgang von Thomas ein
großer Schock. Den leeren Posten eines der talentiertesten
Fronter im Hartwurstsektor besetzen zu müssen, das kann
doch nicht gut gehen.
In beiderlei Hinsicht hab ich mich schwer getäuscht. Die
Klampfenarbeit auf Hels Vite ist an Heaviness
nicht zu überbieten und jeder Powerchord schlägt einem
dermaßen in die Magengrube und man wird gnadenlos in den
Stuhl gedrückt. Was für eine Freude! Zudem ist THYRFING
bei der Selektion der Riffs noch nie so pedantisch vorgegangen.
Hier ist jede Sekunde Gold wert!
Herr Rydén war ja bekanntlich als Sänger bei Naglfar
alles andere als eine introvertierte Persönlichkeit. Nicht
zuletzt durch sein unmenschliches Gekreische sind Alben wie
Vittra und Diabolical Klassiker geworden. 2008 präsentiert
sich der Frontmann als gereifter Sänger, der die Glanzleistungen
von Herrn Väänänen in so ziemlich allen Belangen
in den Schatten stellt. Aggressiv und mit einer für Sänger
nicht immer selbstverständlichen Timing Sicherheit schreit
sich Jens leidenschaftlich durch die sieben Songs und weiß
ganz genau, wann er sich zurücknehmen muss, um der Soundwalze
genügend Platz zu lassen, den Hörer platt zu drücken.
Natürlich darf hier die Rhythmusfraktion nicht außen
vor gelassen werden, schließlich funktioniert THYRFING
logischerweise nur als Kollektiv. Hier gibt es ebenfalls keinen
einzigen Ausfall. Der Bass wummert und pumpt präzise und
harmoniert prima mit den herrlich groovenden Drums. Keyboarder
Peter zaubert souverän mal verträumte, mal bedrohlich
wirkende Melodien und breite Flächensounds aus seinen Synths.
Der Reigen beginnt mit En Sista Litania, einem letzten
Gebet, mit einer leicht angecrunchten Gitarre. Danach setzt
die Band höllisch groovend ein. Erinnert ein wenig an Ausnahmesongs
wie The Voyager vom Vansinnesvisor Album.
Die Keyboardmelodie lädt zum träumen ein, so muss
Viking Metal klingen! Wahnsinn, wie heftig der Kehrvers mit
seinen abgehackten Akkorden knallt. Ich bin sprachlos!
In Från Stormens Öga wähnt man sich als
Zuhörer auf einem Langschiff im offenen Meer, den Sturm
hinter sich gelassen. Intensiver kann man die Geschichten überlieferter
Sagas über Wikinger und ihr Treiben musikalisch nicht umsetzen.
Den letzten Kehrvers leitet Jens mit einem bitterstbösen
Schrei ein, bevor das abschließende Akustikgitarren Riff
die letzten Wolken vertreibt.
Isolation ist nicht nur der erste von zwei englischsprachigen
Songs, sondern zeigt auch erstmalig, dass THYRFING durchaus
immer noch in der Lage sind, auch mal richtig Gas zu geben.
Beim Titeltrack hält sich Jens relativ lange zurück.
Dabei darf man durchaus immer wieder staunen, wie viel Mühe
sich der Sänger gibt, seinen Gesang nicht nur über
die Musik „drüber zu legen“, sondern in Sachen
Rhythmik ebenfalls Maßstäbe setzt und somit für
die Band von unschätzbarem Wert ist.
Ich spare mir jetzt, auf die restlichen Songs näher einzugehen,
schließlich schreibe ich ein Review und keine Abhandlung
über die Genialität einer der unterbewertetsten Bands
dieses Planeten.
Ein kurzes Fazit kann ich mir dann doch nicht verkneifen: Hels
Vite klingt wie der große Bruder aller vorangegangenen
Scheiben. Hauptsächlich im Midtempo angesiedelt, schaffen
es THYRFING jederzeit, mit viel Dampf und Power zu überzeugen.
Jeder der meist überlangen Songs erzählt seine eigene
Geschichte und lässt den begeisterten Hörer alles
um ihn herum vergessen. Mit ihrem sechsten Album haben die Schweden
einen Klassiker eingeprügelt und sich die Höchstnote
redlich verdient.
Vor dieser Meisterleistung ziehe ich meinen nicht vorhandenen
Hut, werte Herren!