THYRFING – Hels Vite

 
Label: Regain Records
Release: 22.10.2008
Von: Haris
Punkte: 10/10
Time: 51:59
Stil: Viking/Folk Metal
URL: Thyrfing
 
Wie Ihr bereits in unserem kürzlich geführten Interview mit THYRFING erfahren konntet, sollte der Abgang der beiden langjährigen Weggefährten der Tyresöer Thomas und Henrik nicht so sehr ins Gewicht fallen. Skeptisch war ich trotzdem, zumal Patrik sich die Aufgabe aufbürdete, sich im Alleingang um die Gitarren zu kümmern, was bei dem ungemein druckvollen Sound und der in der Welt von THYRFING sehr zentralen Rolle der Klampfen ein schwieriges Unterfangen werden sollte. Man konnte sich zurecht fragen, ob man anno 2008 in der Lage ist, an Glanztaten wie Farsotstider oder Vansinnesvisor anzuknüpfen.
Zudem war zumindest für mich der Abgang von Thomas ein großer Schock. Den leeren Posten eines der talentiertesten Fronter im Hartwurstsektor besetzen zu müssen, das kann doch nicht gut gehen.
In beiderlei Hinsicht hab ich mich schwer getäuscht. Die Klampfenarbeit auf Hels Vite ist an Heaviness nicht zu überbieten und jeder Powerchord schlägt einem dermaßen in die Magengrube und man wird gnadenlos in den Stuhl gedrückt. Was für eine Freude! Zudem ist THYRFING bei der Selektion der Riffs noch nie so pedantisch vorgegangen. Hier ist jede Sekunde Gold wert!
Herr Rydén war ja bekanntlich als Sänger bei Naglfar alles andere als eine introvertierte Persönlichkeit. Nicht zuletzt durch sein unmenschliches Gekreische sind Alben wie Vittra und Diabolical Klassiker geworden. 2008 präsentiert sich der Frontmann als gereifter Sänger, der die Glanzleistungen von Herrn Väänänen in so ziemlich allen Belangen in den Schatten stellt. Aggressiv und mit einer für Sänger nicht immer selbstverständlichen Timing Sicherheit schreit sich Jens leidenschaftlich durch die sieben Songs und weiß ganz genau, wann er sich zurücknehmen muss, um der Soundwalze genügend Platz zu lassen, den Hörer platt zu drücken.
Natürlich darf hier die Rhythmusfraktion nicht außen vor gelassen werden, schließlich funktioniert THYRFING logischerweise nur als Kollektiv. Hier gibt es ebenfalls keinen einzigen Ausfall. Der Bass wummert und pumpt präzise und harmoniert prima mit den herrlich groovenden Drums. Keyboarder Peter zaubert souverän mal verträumte, mal bedrohlich wirkende Melodien und breite Flächensounds aus seinen Synths.
Der Reigen beginnt mit En Sista Litania, einem letzten Gebet, mit einer leicht angecrunchten Gitarre. Danach setzt die Band höllisch groovend ein. Erinnert ein wenig an Ausnahmesongs wie The Voyager vom Vansinnesvisor Album. Die Keyboardmelodie lädt zum träumen ein, so muss Viking Metal klingen! Wahnsinn, wie heftig der Kehrvers mit seinen abgehackten Akkorden knallt. Ich bin sprachlos!
In Från Stormens Öga wähnt man sich als Zuhörer auf einem Langschiff im offenen Meer, den Sturm hinter sich gelassen. Intensiver kann man die Geschichten überlieferter Sagas über Wikinger und ihr Treiben musikalisch nicht umsetzen. Den letzten Kehrvers leitet Jens mit einem bitterstbösen Schrei ein, bevor das abschließende Akustikgitarren Riff die letzten Wolken vertreibt.
Isolation ist nicht nur der erste von zwei englischsprachigen Songs, sondern zeigt auch erstmalig, dass THYRFING durchaus immer noch in der Lage sind, auch mal richtig Gas zu geben.
Beim Titeltrack hält sich Jens relativ lange zurück. Dabei darf man durchaus immer wieder staunen, wie viel Mühe sich der Sänger gibt, seinen Gesang nicht nur über die Musik „drüber zu legen“, sondern in Sachen Rhythmik ebenfalls Maßstäbe setzt und somit für die Band von unschätzbarem Wert ist.
Ich spare mir jetzt, auf die restlichen Songs näher einzugehen, schließlich schreibe ich ein Review und keine Abhandlung über die Genialität einer der unterbewertetsten Bands dieses Planeten.
Ein kurzes Fazit kann ich mir dann doch nicht verkneifen: Hels Vite klingt wie der große Bruder aller vorangegangenen Scheiben. Hauptsächlich im Midtempo angesiedelt, schaffen es THYRFING jederzeit, mit viel Dampf und Power zu überzeugen. Jeder der meist überlangen Songs erzählt seine eigene Geschichte und lässt den begeisterten Hörer alles um ihn herum vergessen. Mit ihrem sechsten Album haben die Schweden einen Klassiker eingeprügelt und sich die Höchstnote redlich verdient.
Vor dieser Meisterleistung ziehe ich meinen nicht vorhandenen Hut, werte Herren!