EDGAR ALLAN POE PROJECT – Visionen

 
Label: Gun Records
Release: 26.05.2006
Von: Psycho
Punkte: 8.5/10   6/10
Time: 01:10:27 / 51:40
Stil: Hörbuch / Gemischt
URL: Poe Visionen
 
Mal ganz ohne einen der sonst üblichen Jubiläumsanlässe ist man im Hause Gun bzw. Sony/BMG auf die Idee gekommen, einem der einflussreichsten Literaten der Gothic Novel im Allgemeinen, der amerikanischen Dichtung im Besonderen und zugleich auch Erfinder der logisch konstruierten Detektivgeschichte zu huldigen. In einer Person: Edgar Allan Poe.
Dazu bedient man sich in einer schmucken Doppel-CD, auf deren einer Seite sich Lesungen diverser Gedichte/Texte befinden, auf dem zweiten Silberling hingegen vom Werk des Künstlers inspirierte Musikstücke diversere Interpreten, wobei der Schwerpunkt hier sicherlich im Gothic/Wave/Independant-Bereich liegt. Die Idee an sich ist gar nicht mal schlecht, die Ausführung allerdings leider nicht in allen Bereichen gelungen.

Kommen wir zunächst zur ersten CD (Words betitelt), auf der wirklich hochklassige Sprecher zu hören sind. Beeindruckt hat mich vor allem Iris Berben, die mir sowohl während Die Schläferin als auch bei Der Traum einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt. Ulrich Pleitgen hat sich mit Der Rabe sicherlich das textlich komplizierteste Stück vorgenommen, meistert dies jedoch als erfahrener (Synchron-)Sprecher mit Bravour. Trotzdem gebe ich der ebenfalls vorhandenen englischen Version, die von Christopher Lee gesprochen wird, den Vorzug. Hier merkt man einfach, welche Macht die Worte im Original entfalten können, auch wenn das aus heutiger Sicht altertümliche Englisch nicht gerade zum Verständnis, dafür aber zum Reiz des ganzen beiträgt.
Genau genommen handelt es sich aber auch gar nicht um ein richtiges Hörbuch, denn sämtliche Lesungen sind mit diverser Musik aus der Edgar Allan Poe-Hörspielreihe unterlegt, was zum Teil sicherlich ein Mehr an Stimmung generiert, manchmal aber auch nervig gerät, wenn dasselbe Thema quasi permanent wiederholt wird. Schade auch, dass man sich bei den Aufnahmen anscheinend nicht mal auf ein einheitliches Format hat einigen können; so nennen z.B. einige Künstler am Beginn den Titel des dargebotenen Textes, andere jedoch nicht…
Trotzdem sind alle Beiträge zumindest gehobener Durchschnitt, die meisten sogar gut bis sehr gut geraten. Vor allem Dietmar Bär mit Die Glocken, Gudrun Landgrebe mit Brautballade, Jan Josef Liefers mit Der verwunschene Palast und Hannelore Hoger mit An eine im Paradies müssen daher in dieser Hinsicht noch erwähnt werden, aber auch OOMPH!-Sänger Dero macht seine Sache in Traumland alles andere als schlecht.

Die zweite CD Music kann dieses Niveau leider nicht halten. Das liegt zum einen daran, dass die Auswahl der beteiligten Künstler zu merkwürdig gestreut erscheint, zum anderen aber auch daran, dass nur wenige Beiträge mehr als Lückenfüller oder B-Seiten der jeweiligen Interpreten darstellen könnten. Das trifft zum Beispiel für die exklusiven Stücke von Alexander Veljanov, Secret Discovery und Subway To Sally zu, während L’âme Immortelle ihre neue Single Dein Herz beisteuern, die aber aus meiner Sicht auch nur gewohnt solide-pathetische Kost bietet. Gar nicht gehen Matern vs. Die jungen Tenöre, das Edgar Allen Poe Projekt und Vince Bahrdt, während mich Katharina Franck und Mara Kim positiv zu überraschen wissen und sich damit zusammen mit FM Einheit als einzige eine uneingeschränkte Hörempfehlung verdienen. Letzterer ist übrigens auch der einzige Künstler, dem tatsächlich ein Brückenschlag zwischen den beiden CDs gelingt, hat er seinen Beitrag doch als Erzählung verfasst, dazu aber mit neuer Musik unterlegt. Immerhin interessant: Christopher Lee ist gar nicht mal ein so schlechter Sänger, auch wenn er sich hinterher von einer (zumindest bei meinem Promo) nicht genannten Sängerin unterstützen lässt. Zum Schluss gibt es dann noch zwei Stücke aus Original-Soundtracks, die aber letztlich zu kurz ausfallen, als das sie noch richtig Eindruck schinden könnten.

Eine insgesamt lobenswerte und ambitionierte Geschichte also, aber aus meiner Sicht hätte auch eine einfache Version, die dann nur den Hörbuch-Teil enthält, ausgereicht.