ULI JON ROTH – Under A Dark Sky

 
Label: Steamhammer/SPV
Release: 19.09.2008
Von: Joking
Punkte: 8/10
Time: 63:41
Stil: Symphonic Metal
URL: Uli Jon Roth
 
Es beginnt mit dem Heulen einer Sirene. Dunkel dräuen Streicher aus dem Hintergrund hervor, Peter Ewalds Tenor übt sich in klassischer Oper, ein Chor fällt ein, Tempus Fugit, die Zeit entflieht bis zum dritten Stück, in dem ULI JON ROTHs schneidende Gitarre ihren ersten exponiert metallischen Einsatz erhält und Mark Boals rau und gekonnt große Worte über Engel und Dämonen von sich gibt. The Magic Word hat zwar Drive, ist aber meilenweit davon entfernt ein metallischer Stomper zu sein. Vom gehobenen Midtempo bis zu zarten Akustikpassagen hat der Song einiges zu bieten, bleibt aber immer Teil des groß angelegten orchestralen Konzepts des Albums. Under A Dark Sky geht keinem Gefühlserguss aus dem Weg, manchmal wähnt man sich in der metallischen Ausgabe eines von Rick Wakemans besseren Konzeptalben zu befinden; die Zeit bei den Scorpions ist auch nicht unbemerkt an ROTH vorbeigezogen, wobei er einem Flirt mit süßlichem Schlagermetal nicht erliegt, stattdessen wird lieber und gekonnt Mark Knopfler zitiert (Light & Shadows), oder beim beginnenden Tanz In Die Dämmerung ein wenig Joaquín Rodrigo gehuldigt. Größe ist das Konzept ULI JON ROTHs, und er fährt verdammt gut damit. Manchmal kämpft er mit dem Schiffbruch auf dem Fluss des ausufernden Pathos, aber meist hat er seine Sache und seine Mitmusiker fest im Griff. Immer, wenn es zu elegisch wird, wird ein Gitarrenstück eingebaut, das dem jeweiligen Song Feuer unterm Hintern bereitet. Dabei ist es sogar egal, ob die akustische oder die elektrische Gitarre den Takt vorgibt. Das ganze Album schwelgt in wunderbaren Harmonien, die nur selten, dann aber effektiv zerhackt werden. Manchmal gefällt es sich zu sehr in seinen Ausschweifungen, aber spätestens beim Finale, dem 12teiligen(!) Tanz In Die Dämmerung ist man diesem barocken Melodienschatz erlegen (oder hasst ihn wie die Pest). Sollen die Zweifler nur zaudern, manchmal ist das überbordende Jubilieren der Gitarre ULI JON ROTHs genau das, was die geplagte Seele braucht. Wer auch nur einen minimalen Hang zum Epischen besitzt, und sich vor einem Sprung knietief in den Kitsch nicht scheut, der sollte Under A Dark Sky Herz und Gehörgänge öffnen und beim 19-minütigen Schlusstrack eine ehrfurchtsvolle Luftgitarren-Akrobatik hinlegen. Auch, wenn der Spruch ziemlich ausgelutscht ist, hier trifft er zu: Under A Dark Sky ist großes Kino für die Ohren.