Es
beginnt mit dem Heulen einer Sirene. Dunkel dräuen Streicher
aus dem Hintergrund hervor, Peter Ewalds Tenor übt sich
in klassischer Oper, ein Chor fällt ein, Tempus Fugit,
die Zeit entflieht bis zum dritten Stück, in dem ULI
JON ROTHs schneidende Gitarre ihren ersten exponiert metallischen
Einsatz erhält und Mark Boals rau und gekonnt große
Worte über Engel und Dämonen von sich gibt. The
Magic Word hat zwar Drive, ist aber meilenweit davon entfernt
ein metallischer Stomper zu sein. Vom gehobenen Midtempo bis
zu zarten Akustikpassagen hat der Song einiges zu bieten, bleibt
aber immer Teil des groß angelegten orchestralen Konzepts
des Albums. Under A Dark Sky geht keinem Gefühlserguss
aus dem Weg, manchmal wähnt man sich in der metallischen
Ausgabe eines von Rick Wakemans besseren Konzeptalben zu befinden;
die Zeit bei den Scorpions ist auch nicht unbemerkt an ROTH
vorbeigezogen, wobei er einem Flirt mit süßlichem
Schlagermetal nicht erliegt, stattdessen wird lieber und gekonnt
Mark Knopfler zitiert (Light & Shadows), oder beim
beginnenden Tanz In Die Dämmerung ein wenig Joaquín
Rodrigo gehuldigt. Größe ist das Konzept ULI JON
ROTHs, und er fährt verdammt gut damit. Manchmal kämpft
er mit dem Schiffbruch auf dem Fluss des ausufernden Pathos,
aber meist hat er seine Sache und seine Mitmusiker fest im Griff.
Immer, wenn es zu elegisch wird, wird ein Gitarrenstück
eingebaut, das dem jeweiligen Song Feuer unterm Hintern bereitet.
Dabei ist es sogar egal, ob die akustische oder die elektrische
Gitarre den Takt vorgibt. Das ganze Album schwelgt in wunderbaren
Harmonien, die nur selten, dann aber effektiv zerhackt werden.
Manchmal gefällt es sich zu sehr in seinen Ausschweifungen,
aber spätestens beim Finale, dem 12teiligen(!) Tanz
In Die Dämmerung ist man diesem barocken Melodienschatz
erlegen (oder hasst ihn wie die Pest). Sollen die Zweifler nur
zaudern, manchmal ist das überbordende Jubilieren der Gitarre
ULI JON ROTHs genau das, was die geplagte Seele braucht.
Wer auch nur einen minimalen Hang zum Epischen besitzt, und
sich vor einem Sprung knietief in den Kitsch nicht scheut, der
sollte Under A Dark Sky Herz und Gehörgänge
öffnen und beim 19-minütigen Schlusstrack eine ehrfurchtsvolle
Luftgitarren-Akrobatik hinlegen. Auch, wenn der Spruch ziemlich
ausgelutscht ist, hier trifft er zu: Under A Dark Sky
ist großes Kino für die Ohren.