Wenn
Illusionen dir den Blick vom Wesentlichen nehmen, läufst
du schnell Gefahr im Labyrinth des Unwirklichen am richtigen
Ausgang vorbeizurauschen. Mit der Dampfhammertaktik und quer
gestellten Schulterblättern sollte sich allerdings ein
straighter Weg nach außen ebnen lassen. ORPHAN HATE
jedoch machen’s anders: Sie lassen sich bewusst von ihren
Illusionen blenden – ihren Traum von der Verwirklichung
einer stetig wachsenden Band. In der Konsequenz kann auf Blinded
By Illusions auch nicht der stumpfe Dampfhammer regieren.
Die Berliner Combo setzt seit Ihrer Neugründung in 2004
vielmehr auf ihre Thrashroots gepaart mit Melodie. Oder anders:
Das Soundgewand ist bestens für Sängerin Sina Niklas
maßgeschneidert. Die Fronterin ist klar das Herzstück
von ORPHAN HATE, sie dominiert die Songs mit ihrer Stimmgewalt
und steckt speziell bei den Growls einige ihrer Genrekollegen
locker in die Tasche. Shouts und der cleane melodiöse Gesang
stehen dem aber in nichts nach und wissen auf ganzer Linie zu
überzeugen. In der einen oder anderen Medienzeile habe
ich gelesen, dass die Band live eine Macht sein soll. Wenn das
Wechselspiel zwischen den einzelnen Gesangsstilen auf der Bühne
auch so arschtight wie auf der Scheibe rüberkommt, dann
Hut ab! Transportiert wird die Stimme von einer Menge guter
spielerischer Ideen und Riffs; ab und an blinzelt mal Soulfly
durch. Ein Song wie Circus hat da schon seine eigene
Klasse - für mich das Zugpferd auf der Scheibe (ihr könnt
euch das mittlerweile fertig gestellte Video dazu auf den bekannten
Sites geben). So druckvoll wie die ersten Songs von Blinded
By Illusions aus den Boxen hämmern, so gefühlvoll
endet sie mit balladesken Tönen beim letzten Song Fragrance.
Und zwischendrin? Liegt der einzige Punkt den ich der Debüt-Scheibe
ankreide: Mit zunehmender Spieldauer wird das Songwriting vorhersehbar.
Auch wenn technisch alles stimmt, das immer wiederkehrende Wechselspiel
aus Riffs und Solos, stampfenden und melodiösen Parts gibt
Blinded By Illusions einen zu glatten und konstanten
Touch. Man wartet förmlich auf die melodiösen Parts
und/oder dem cleanen Gesang. Mehr Überraschungsmomente
würden das Album noch interessanter machen. Aber ich bin
mir sicher, ORPHAN HATE wird das nicht um ihren verdienten
Lohn bringen, sondern sie noch ein Stück näher an
ihre Illusion rücken lassen.