Endlich
ist sie da, die neue NEVERMORE! Mit Affenzahn
durch den Laden zur Kasse geeilt,
30 Ocken auf den Tresen geblättert, in Windeseile und unter
Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln nach Hause gebraust
und anschließend mit nervösen Fingern den CD-Schacht
gefüttert...
Na ja, ganz so schlimm war es nicht, aber ich war doch sehr
gespannt darauf, was man dem metal-hungrigem Volk nach dem superben
Dreaming Neon Black - Album servieren
würde. Los geht’s mit Narcosynthesis einem
absolut typischen NEVERMORE-Kracher: vertrackte,
aber druckvolle Rhythmusgitarren bilden zusammen mit der treibenden
Snare, den reichlich unterlegten Doublebass und einer glasklaren,
druckvollen Produktion die Grundlage für den charismatischen,
abwechslungsreichen Gesang und einen packenden Refrain. Geil,
genau so hatte ich mir das vorgestellt!!!
Danach folgt mit We Disintegrate ein mehr an Sanctuary
angelehntes, eher melodisch und eingängig gehaltenes Stück.
Das anschließende Inside Four Walls schließlich
vermischt diese beiden Stile gekonnt miteinander. Im weiteren
Verlauf fällt dann immer deutlicher auf, dass es doch einige
Veränderungen zum Vorgänger gibt. Die Gitarren sind
insgesamt moderner, rhythmusbetonter ausgefallen, ohne jetzt
den Begriff New Metal strapazieren zu wollen. Unterstützt
wird dieser Eindruck durch den etwas basslastigeren Sound, der
den klassischen Mesa Boogie-Mitten-Wums ein wenig vermissen
lässt. Weiterhin lässt sich feststellen, dass man
sich der Beschränkungen durch nur einen Gitarristen sehr
wohl bewusst war, was den leicht straighteren Eindruck natürlich
unterstützt, live allerdings sicherlich kein Nachteil ist.
Dafür hat man mehr Freiräume für den Gesang gefunden,
welche Warrel Dane erwartungsgemäß geschickt zu nutzen
versteht.
Trotzdem hat sich die Band mit The Heart Collector
einen fast kompletten Totalausfall geleistet und dabei wirklich
ganz tief in die Schnulzenkiste gegriffen. Lediglich das Schlußriff
konnte mich da ansatzweise versöhnlich stimmen. Dabei zeigt
man uns mit Insignificant durchaus, wie eine Klasse
-Ballade klingen kann. Mit dem Titeltrack, der völlig verfremdeten
Coverversion Sound Of Silence (hätte ich ehrlich
gesagt nicht mal am Refrain erkannt), den bereits erwähnten
Narcosynthesis und Inside Four Walls oder
auch Engines Of Hate findet sich weiteres, sehr starkes
Material, an dem es definitiv nichts zu meckern gibt.
Auf der anderen Seite muss man leider anmerken, dass die emotionale
Tiefe früherer Alben trotz der wie üblich guten Texte
doch nur teilweise erreicht wird. Auch den einen oder anderen
eher durchschnittlichen Track gibt es zu bemängeln, wobei
man dabei schon relativieren muss: denn auch das vermeintliche
Mittelmaß langt bei NEVERMORE locker
aus, um die gesamte neumodische Möchte-gern-True-Metal-Armada
verdammt alt aussehen zu lassen. Es reicht eben nicht, nur alte
Maiden-, Priest-, Helloween- oder gar Manowar-Riffs nachspielen
zu können...
Als Fazit kann man sagen, dass sich NEVERMORE
augenscheinlich am Scheideweg ihrer Karriere befinden. Schließlich
dürfte es auf Dauer äußerst unbefriedigend sein,
beständig brillante und hochgelobte Alben zu produzieren,
jedoch keine entsprechenden Verkäufe zu erzielen. Die Band
hat wohl auch daher versucht, neue und modernere (von mir aus
auch populärere) Elemente mit ihrem ureigenen Stil zu vermischen.
Eine Synthese, an der schon viele Künstler zuvor gescheitert
sind, welche hier aber im Großen und Ganzen als geglückt
bezeichnet werden kann. Bleibt nur noch die spannende Frage,
wie sich NEVERMORE nach Dead Heart
In A Dead World weiter entwickeln werden...