NEVERMORE – Dead Heart, In A Dead World

 
Label: Century Media
Release: 13.09.2000
Von: Psycho
Punkte: 8.5/10
Time: 56:49
Stil: Power Metal
URL: Nevermore
 

Endlich ist sie da, die neue NEVERMORE! Mit Affenzahn durch den Laden zur Kasse geeilt,
30 Ocken auf den Tresen geblättert, in Windeseile und unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln nach Hause gebraust und anschließend mit nervösen Fingern den CD-Schacht gefüttert...
Na ja, ganz so schlimm war es nicht, aber ich war doch sehr gespannt darauf, was man dem metal-hungrigem Volk nach dem superben Dreaming Neon Black - Album servieren würde. Los geht’s mit Narcosynthesis einem absolut typischen NEVERMORE-Kracher: vertrackte, aber druckvolle Rhythmusgitarren bilden zusammen mit der treibenden Snare, den reichlich unterlegten Doublebass und einer glasklaren, druckvollen Produktion die Grundlage für den charismatischen, abwechslungsreichen Gesang und einen packenden Refrain. Geil, genau so hatte ich mir das vorgestellt!!!
Danach folgt mit We Disintegrate ein mehr an Sanctuary angelehntes, eher melodisch und eingängig gehaltenes Stück. Das anschließende Inside Four Walls schließlich vermischt diese beiden Stile gekonnt miteinander. Im weiteren Verlauf fällt dann immer deutlicher auf, dass es doch einige Veränderungen zum Vorgänger gibt. Die Gitarren sind insgesamt moderner, rhythmusbetonter ausgefallen, ohne jetzt den Begriff New Metal strapazieren zu wollen. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den etwas basslastigeren Sound, der den klassischen Mesa Boogie-Mitten-Wums ein wenig vermissen lässt. Weiterhin lässt sich feststellen, dass man sich der Beschränkungen durch nur einen Gitarristen sehr wohl bewusst war, was den leicht straighteren Eindruck natürlich unterstützt, live allerdings sicherlich kein Nachteil ist. Dafür hat man mehr Freiräume für den Gesang gefunden, welche Warrel Dane erwartungsgemäß geschickt zu nutzen versteht.
Trotzdem hat sich die Band mit The Heart Collector einen fast kompletten Totalausfall geleistet und dabei wirklich ganz tief in die Schnulzenkiste gegriffen. Lediglich das Schlußriff konnte mich da ansatzweise versöhnlich stimmen. Dabei zeigt man uns mit Insignificant durchaus, wie eine Klasse -Ballade klingen kann. Mit dem Titeltrack, der völlig verfremdeten Coverversion Sound Of Silence (hätte ich ehrlich gesagt nicht mal am Refrain erkannt), den bereits erwähnten Narcosynthesis und Inside Four Walls oder auch Engines Of Hate findet sich weiteres, sehr starkes Material, an dem es definitiv nichts zu meckern gibt.
Auf der anderen Seite muss man leider anmerken, dass die emotionale Tiefe früherer Alben trotz der wie üblich guten Texte doch nur teilweise erreicht wird. Auch den einen oder anderen eher durchschnittlichen Track gibt es zu bemängeln, wobei man dabei schon relativieren muss: denn auch das vermeintliche Mittelmaß langt bei NEVERMORE locker aus, um die gesamte neumodische Möchte-gern-True-Metal-Armada verdammt alt aussehen zu lassen. Es reicht eben nicht, nur alte Maiden-, Priest-, Helloween- oder gar Manowar-Riffs nachspielen zu können...
Als Fazit kann man sagen, dass sich NEVERMORE augenscheinlich am Scheideweg ihrer Karriere befinden. Schließlich dürfte es auf Dauer äußerst unbefriedigend sein, beständig brillante und hochgelobte Alben zu produzieren, jedoch keine entsprechenden Verkäufe zu erzielen. Die Band hat wohl auch daher versucht, neue und modernere (von mir aus auch populärere) Elemente mit ihrem ureigenen Stil zu vermischen. Eine Synthese, an der schon viele Künstler zuvor gescheitert sind, welche hier aber im Großen und Ganzen als geglückt bezeichnet werden kann. Bleibt nur noch die spannende Frage, wie sich NEVERMORE nach Dead Heart In A Dead World weiter entwickeln werden...