NEVERDREAM – Souls-26.April-1986

 
Label:

Eigenproduktion

Release: 30.07.2008
Von: Joking
Punkte: 9/10
Time: 60:05
Stil: Progressive Metal
URL: Neverdream
 
Mit ihrem aktuellen Album werden NEVERDREAM endgültig zu Chronisten der letzten Jahrzente des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Stand in Christiane F - Chemical Faith neben dem allgemeinen Thema Drogenmissbrauch, ein persönliches und privates Schicksal im Mittelpunkt, widmet sich die Band mit Souls - 26.April - 1986 einer globalen Katastrophe. Das Datum hinter dem Titel bezieht sich natürlich auf den Super-GAU im russischen Atomkraftwerk Tschernobyl, der das Szenario eines atomaren Holocausts mit einem Schlag lebendig werden ließ. 22 Jahre später setzen NEVERDREAM diesem Ereignis ein musikalisches Mahnmal.
Harte Gitarren á la Rammstein eröffnen den bitterbösen Reigen, doch bevor auch nur der geringste Verdacht aufkeimt, hier könnte simpler Teutonenmetal geboten werden, torpediert ein wuchtiger, jazziger Klaviereinsatz die straight rockende Härte. Silence wird zu einem Lied der vielfältigen Stimmungen und Brüche. Und es passt: von Fabrizio Dottoris Saxophon Einsatz, der die dunklen Momente Roxy Musics ins Spiel bringt, bis hin zu Giorgio Massimis Vocals, die die Musik – ob klar eingesungen oder elektronisch verzerrt - passend unterstützen. Die erhoffte Steigerung zum vorangegangenen Album. Der Opener ist ein perfekter Prolog, trägt er bereits alle Elemente des Albums in sich. Wut und Trauer, Entsetzen und Verletzlichkeit, die dazu passende Musik: mal wuchtig und roh, mal sanft und zurückhaltend, doch immer einen progressiven Geist verströmend, der kaum Berührungsängste kennt und auch vor gelegentlichen Dissonanzen nicht halt macht. Vermutlich unvermeidlich beim gewählten Thema.
Reminiszenzen gibt es viele. Neben den bereits erwähnten finden sich Spuren von Dream Theater, vor allem bei Victims, einem der härtesten Stücke des Albums, das beiläufig und nicht aufgesetzt wirkend, einen Schritt Richtung Death Metal geht. Auch Pink Floyd, z.B. im Mittelteil des ansonsten eher harschen Looking The Lies finden sich wieder, ohne dass die Band zu Wiederkäuern mutiert, die musikalischen Echos werden passend ins Gesamtkonzept eingebracht. Für das leicht süßliche italienische Balladeske ist allerdings kein Platz mehr auf Souls. Das fast ausschließlich vom Piano getragene Across The Tears ist viel eher Tori Amos meets Queen als Eros Ramazotti mit Geschmack (nichtsdestotrotz mag ich diese Momente auf dem Vorgänger ;-) und versprüht einen spröden Charme.
Heimlicher Höhepunkt des Albums ist der Song Waterfall mit seinem emotionalen Refrain und dem eindrucksvollen Drumeinsatz Gabriele Palmieris.
Verlangte das komplette Album nach einem Vergleich – den es nicht nötig hat – fiele einem unweigerlich Arjen Lucassen und sein Projekt Ayreon ein, der es ebenso schafft unterschiedliche Stile und Einflüsse thematisch zusammenzufügen und als stimmungsvolles Konzeptwerk zu veröffentlichen. Ähnlich sieht es bei NEVERDREAM aus, allerdings unter Verzicht auf Bombast und großer Oper, sie bleiben experimenteller, wilder und erdiger. Souls - 26.April - 1986 ist ein hervorragendes Album, das glücklicherweise nicht in Betroffenheitskitsch ertrinkt, sondern eine spannungsgeladene Reise in ein finsteres Kapitel des 20. Jahrhunderts (das ja einige zu bieten hatte, von daher dürfte der Band der Stoff so schnell nicht ausgehen.) bietet. Das Beste: es wächst mit jedem Hören und besitzt eine verdammt hohe Halbwertzeit.
Wir sind natürlich jetzt schon gespannt, was NEVERDREAM zu den 90ern einfallen wird (und zu den anderen Jahrzehnten auch. Ich habe den Platz im CD Regal schon leer geräumt;-)).

PS.: Heimlich ist der Höhepunkt Waterfall nur, weil er primus inter pares ist. Denn auch das Finale verfügt über einen ähnlichen epischen Atem und strotzt vor Abwechslungsreichtum, vor allem darf Fabrizzio Dottori auf Souls noch einmal mit seinem Saxophon brillieren.
PPS.: Von Achim Köhler („Akeem“ Engineer von Accept, Brainstorm, Nevermore, Primal Fear u.a.) und der Band selbst manierlich produziert, ist es nicht nachvollziehbar, warum NEVERDREAM noch keinen starken Vertriebspartner besitzen. Spätestens nach Chemical Faith wäre ich als Plattenfirma vorstellig geworden...