Mit
ihrem aktuellen Album werden NEVERDREAM endgültig
zu Chronisten der letzten Jahrzente des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Stand in Christiane F - Chemical Faith neben dem
allgemeinen Thema Drogenmissbrauch, ein persönliches und
privates Schicksal im Mittelpunkt, widmet sich die Band mit
Souls - 26.April - 1986 einer globalen Katastrophe.
Das Datum hinter dem Titel bezieht sich natürlich auf den
Super-GAU im russischen Atomkraftwerk Tschernobyl, der das Szenario
eines atomaren Holocausts mit einem Schlag lebendig werden ließ.
22 Jahre später setzen NEVERDREAM diesem Ereignis
ein musikalisches Mahnmal.
Harte Gitarren á la Rammstein eröffnen den bitterbösen
Reigen, doch bevor auch nur der geringste Verdacht aufkeimt,
hier könnte simpler Teutonenmetal geboten werden, torpediert
ein wuchtiger, jazziger Klaviereinsatz die straight rockende
Härte. Silence wird zu einem Lied der vielfältigen
Stimmungen und Brüche. Und es passt: von Fabrizio Dottoris
Saxophon Einsatz, der die dunklen Momente Roxy Musics ins Spiel
bringt, bis hin zu Giorgio Massimis Vocals, die die Musik –
ob klar eingesungen oder elektronisch verzerrt - passend unterstützen.
Die erhoffte Steigerung zum vorangegangenen Album. Der Opener
ist ein perfekter Prolog, trägt er bereits alle Elemente
des Albums in sich. Wut und Trauer, Entsetzen und Verletzlichkeit,
die dazu passende Musik: mal wuchtig und roh, mal sanft und
zurückhaltend, doch immer einen progressiven Geist verströmend,
der kaum Berührungsängste kennt und auch vor gelegentlichen
Dissonanzen nicht halt macht. Vermutlich unvermeidlich beim
gewählten Thema.
Reminiszenzen gibt es viele. Neben den bereits erwähnten
finden sich Spuren von Dream Theater, vor allem bei Victims,
einem der härtesten Stücke des Albums, das beiläufig
und nicht aufgesetzt wirkend, einen Schritt Richtung Death Metal
geht. Auch Pink Floyd, z.B. im Mittelteil des ansonsten eher
harschen Looking The Lies finden sich wieder, ohne dass
die Band zu Wiederkäuern mutiert, die musikalischen Echos
werden passend ins Gesamtkonzept eingebracht. Für das leicht
süßliche italienische Balladeske ist allerdings kein
Platz mehr auf Souls. Das fast ausschließlich
vom Piano getragene Across The Tears ist viel eher Tori
Amos meets Queen als Eros Ramazotti mit Geschmack (nichtsdestotrotz
mag ich diese Momente auf dem Vorgänger ;-) und versprüht
einen spröden Charme.
Heimlicher Höhepunkt des Albums ist der Song Waterfall
mit seinem emotionalen Refrain und dem eindrucksvollen Drumeinsatz
Gabriele Palmieris.
Verlangte das komplette Album nach einem Vergleich – den
es nicht nötig hat – fiele einem unweigerlich Arjen
Lucassen und sein Projekt Ayreon ein, der es ebenso schafft
unterschiedliche Stile und Einflüsse thematisch zusammenzufügen
und als stimmungsvolles Konzeptwerk zu veröffentlichen.
Ähnlich sieht es bei NEVERDREAM aus, allerdings
unter Verzicht auf Bombast und großer Oper, sie bleiben
experimenteller, wilder und erdiger. Souls - 26.April
- 1986 ist ein hervorragendes Album, das glücklicherweise
nicht in Betroffenheitskitsch ertrinkt, sondern eine spannungsgeladene
Reise in ein finsteres Kapitel des 20. Jahrhunderts (das ja
einige zu bieten hatte, von daher dürfte der Band der Stoff
so schnell nicht ausgehen.) bietet. Das Beste: es wächst
mit jedem Hören und besitzt eine verdammt hohe Halbwertzeit.
Wir sind natürlich jetzt schon gespannt, was NEVERDREAM
zu den 90ern einfallen wird (und zu den anderen Jahrzehnten
auch. Ich habe den Platz im CD Regal schon leer geräumt;-)).
PS.: Heimlich ist
der Höhepunkt Waterfall nur, weil er primus inter
pares ist. Denn auch das Finale verfügt über einen
ähnlichen epischen Atem und strotzt vor Abwechslungsreichtum,
vor allem darf Fabrizzio Dottori auf Souls noch einmal
mit seinem Saxophon brillieren.
PPS.: Von Achim Köhler („Akeem“ Engineer
von Accept, Brainstorm, Nevermore, Primal Fear u.a.) und der
Band selbst manierlich produziert, ist es nicht nachvollziehbar,
warum NEVERDREAM noch keinen starken Vertriebspartner
besitzen. Spätestens nach Chemical Faith
wäre ich als Plattenfirma vorstellig geworden...
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