Manchmal
denke ich doch, dass es einen Gott geben muss! Denn das verlorengegangene
Schaf des Prog Rock, NEAL MORSE, ist zurück,
nachdem er eigentlich der Welt und seiner Band Spock's Beard
(SB) den Rücken gekehrt hatte um in Zukunft sein Leben
- eben - Gott zu widmen. Ein herber Schlag war das damals, hatte
uns doch der religiöse Amerikaner mit SB’s Veröffentlichungen
The Kindness Of Strangers und V
Alben für die Ewigkeit geschenkt, welche wohl nicht nur
mich dem Progressive Rock ein weites Stück näher brachten
und die Genialität dieses Mannes aufzeigten. Während
MORSE mit seiner Band 6 Releases in nicht einmal
einem Jahrzehnt heraushämmerte, fand er nebenbei noch Zeit
für zwei Solo-Alben sowie sein Projekt Transatlantic, deren
CDs in Punkto Qualität seinem Hauptbetätigungsfeld
um nichts nachstanden. Umso erstaunlicher, wie es der gute Mann
geschafft hat, binnen kurzer Zeit nun ein Doppelalbum aus dem
Boden zu stampfen, welches zugleich Autobiographie und seine
größte Herausforderung bis dato darstellt. ...Vielleicht
mit der Hilfe Gottes, wer weiß?
Nachdem
sich die verbleibenden Mitglieder Spock's Beards dazu aufrafften,
ohne ihren Frontmann weiterzumachen und mit Feel Euphoria
nahezu kläglich scheiterten, knüpft MORSE
dort an, wo er mit dem (SB-)Konzept-Album Snow aufgehört
hatte - poppiger Rock mit Einflüssen aus diversesten Stilistiken.
Ob Gospel, Country, Klassik oder Jazz, nichts wird ausgelassen
und nahtlos in den Sound eingebunden. Prägnanterweise klingt
Testimony dadurch mehr nach Spock's
Beard als dies die Band selbst noch tut, was einmal mehr für
die herausragende Rolle, die MORSE gespielt
hat, steht. Testimony genauer unter
die Lupe zu nehmen scheint schier unmöglich, weil man dieses
Album auf sich einwirken lassen und es als 125-minütiges
Gesamtwerk betrachten muss, um es wirklich zu verstehen. Und
das macht es auch sperriger als alles, was der Mann aus Nashville
jemals geschrieben hat. Doch ist man erst einmal gefangen in
der Aura, die diese CD umgibt, so heißt es nur mehr "zurücklehnen
und träumen", speziell dann, wenn die typischen MORSE-Balladen
wie Wasted Life oder Somber Days in eine andere
Welt entführen. Deshalb verzeiht man dem Multi-Instrumentalisten
auch die teilweise doch etwas kitschigen und "bekehrenden"
Texte, wo er seine Berufung als Prediger Gottes nach wie vor
auslebt. Aber warum sollten andere Acts mit einem billigen "Hail
Satan" und zig umgekehrten Kreuzen auf dem Cover mehr Daseinsberechtigung
haben? Ich kann damit leben, wenn ich auch in Zukunft so gnadenlos
schöne Musik geboten bekomme.
Fazit: NEAL MORSE ist nicht Gott, aber er schreibt
göttliche Songs – und ist (Gott sei dank) auf den
„richtigen“ Weg zurückgekehrt – auf den
Weg des Prog Rock.