METALLICA - St. Anger
Label: Mercury / Universal
Release: 29.06.2003
Von: Psycho
Punkte: 6,5
 

Viel ist über die neue METALLICA CD vor ihrer Veröffentlichung spekuliert und diskutiert worden. Nachdem St. Anger dann auf dem Markt war gingen die Diskussionen allerdings erst richtig los, und wer geglaubt hatte, bereits die drei letzten regulären Alben wären besonders kontrovers gewesen, musste schnell feststellen, dass METALLICA auch bei der Polarisierung der Hörer immer neue Dimensionen erreichen. Aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades und ihrer essentiellen Bedeutung für die letzten 20 Jahre Metal-Geschichte ist dies aber auch kein Wunder...
Folglich ist es also auch nicht erstaunlich, dass jede veröffentlichte Note dieser Band von Presse und Fans mit besonderen Argusaugen betrachtet wird. Und obwohl mich das Load/Reload - Desaster eigentlich immer noch abschreckt, war auch ich ziemlich neugierig, was die Helden meiner Jugend (schwafel...) denn diesmal zustande bringen würden.

Vor dem Album wurde man aber zunächst auf allen nur erdenklichen Fernseh-Kanälen mit der ersten Single und gleichzeitig dem Titeltrack des neuen Opus zugeschüttet. Ein Video, dass METALLICA zwar musikalisch erholt, aber auch mit neuer Ausrichtung zeigt und vermutlich mit der Intention gedreht und gezeigt wurde, die Spekulationen über den Härtegrad der neuen CD direkt zu beenden. Dabei fällt übrigens auch die optische Wandlung des Quartetts auf: neben langen Haaren und dem Fehlen von Designer-Klamotten gibt es jetzt wieder eine gehörige Portion derzeit angesagter Street-Credibility mit einfachen T-Shirts und Wollmützen zu sehen, was der Band ja eine ganze Zeit lang ziemlich abhanden gekommen war. Dazu kommt eine beim ersten Hören zunächst erst einmal eher sperrig wirkende Komposition, bei der teilweise wieder ordentlich Gas gegeben wird, und die ansonsten vor allem durch den, äh, sagen wir mal urtümlichen Sound und ziemlich viel Groove auffällt.

Dass dies keine Ausnahme war, beweist St. Anger eigentlich mit jeder Minute Laufzeit. METALLICA haben wieder Spaß an der Musik, aber das liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich nicht mehr um die musikalischen Konventionen scheren, die ihnen seit Bestehen zugeschrieben wurden. Was in letzter Konsequenz bedeutet, dass METALLICA eigentlich gar keinen richtigen Metal mehr machen, sondern eine obskure Mixtur, die man irgendwo zwischen Hardcore, Rock'n'Roll und harten Blues- oder 70ies-Rock-Elementen einordnen könnte.
So auch nachzuhören beim Opener Frantic, der bereits richtig heftig zur Sache geht, aber auch von dem wirklich überragenden Gesang James Hetfields lebt. Man kann ja von dieser CD halten was man will, aber noch nie hat dieser Mann so variabel, emotional reif und nuanciert geklungen. Ein weiterer Pluspunkt: man hört, trotz des langen Studioaufenthalts, sehr viel Spontanität und Lust an der Musik heraus. Leider geht dies jedoch auf Kosten des Sounds, an den man sich zwar nach unzähligen Durchläufen leidlich gewöhnt, der aber trotzdem bei dem betriebenen Produktionsaufwand nur als Frechheit bezeichnet werden kann. Vor allem, wenn man sich die z.Z. noch beigelegte DVD mit den Live-Versionen anschaut und -hört...

Damit wäre musikalisch eigentlich schon fast alles gesagt. Die Kompositionen sind teilweise wieder über acht Minuten lang; es gibt keine neue Megaseller-Ballade, sondern die Akustik-Passagen sind in einigen einzelnen Stücken untergebracht, gewinnen dabei aber nie die Überhand. Der Songaufbau ist wieder anspruchsvoller geworden, wodurch sich schnellere und langsamere Passagen häufiger abwechseln und der klassische Single-Effekt außen vor bleibt.
Negativ fällt auf, dass sich kein Song heraus kristallieren will, der wirklich das Zeug zum Klassiker hat. An zu vielen Stellen haben sich belanglose oder altbekannte Riffs eingeschlichen, was eigentlich nur durch das nächste, sehr schnell kommende Break und/oder den guten Gesang kaschiert wird. Trotzdem, oder gerade deswegen: Impulse oder gar einen neuen Trend werden METALLICA mit St. Anger nicht auslösen, die Innovationskraft vergangener Zeiten scheint somit endgültig dahin zu sein. Vielmehr orientiert man sich heute selber am aktuellen (Retro-)Marktgeschehen mit seiner starken Alternative-Szene und der dortigen Rückbesinnung auf die Musik unserer Eltern (zumindest, wenn man schon über 30 ist...). Die Band, die ihrer Zeit einmal weit voraus war, ist heute nur noch ein Kind ihrer eigenen Zeit. Schade...

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: die deutlich erkennbare Spielfreude spricht durchaus dafür, dass man sich beim Songwriting nicht von kommerziellen Überlegungen, sondern vom Bauch oder von mir aus auch Instinkt hat leiten lassen. Dazu gehört beim Status dieser Band und der höchst unterschiedlichen Erwartungshaltung von Plattenfirma, Fans und Presse eine Menge Mut, was mir die Jungs an sich hochsympathisch macht. Nur: meine Musik ist das irgendwie nicht, und ich vermute einfach mal, dass dies die erste METALLICA ist, die Bert besser gefällt als mir.

Bei mir will nämlich der Funke trotz reichlich Hörsessions einfach nicht so richtig überspringen, weswegen mir die Besprechung auch ganz schön schwer gefallen ist. Subjektiv gesehen langt es daher, zumindest bis jetzt, nur zu einer 6,5. Ich finde es zwar gut, dass man demnächst wieder guten Gewissens auf ein METALLICA-Konzert gehen kann, aber St. Anger wird bis dahin wohl nur sehr selten in meinem CD-Player rotieren...

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