| Viel
ist über die neue METALLICA CD vor ihrer
Veröffentlichung spekuliert und diskutiert worden. Nachdem
St. Anger dann auf dem Markt war gingen
die Diskussionen allerdings erst richtig los, und wer geglaubt
hatte, bereits die drei letzten regulären Alben wären
besonders kontrovers gewesen, musste schnell feststellen, dass
METALLICA auch bei der Polarisierung der Hörer
immer neue Dimensionen erreichen. Aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades
und ihrer essentiellen Bedeutung für die letzten 20 Jahre
Metal-Geschichte ist dies aber auch kein Wunder...
Folglich ist es also auch nicht erstaunlich, dass jede veröffentlichte
Note dieser Band von Presse und Fans mit besonderen Argusaugen
betrachtet wird. Und obwohl mich das Load/Reload
- Desaster eigentlich immer noch abschreckt, war auch ich ziemlich
neugierig, was die Helden meiner Jugend (schwafel...) denn diesmal
zustande bringen würden.
Vor
dem Album wurde man aber zunächst auf allen nur erdenklichen
Fernseh-Kanälen mit der ersten Single und gleichzeitig dem
Titeltrack des neuen Opus zugeschüttet. Ein Video, dass METALLICA
zwar musikalisch erholt, aber auch mit neuer Ausrichtung zeigt
und vermutlich mit der Intention gedreht und gezeigt wurde, die
Spekulationen über den Härtegrad der neuen CD direkt
zu beenden. Dabei fällt übrigens auch die optische Wandlung
des Quartetts auf: neben langen Haaren und dem Fehlen von Designer-Klamotten
gibt es jetzt wieder eine gehörige Portion derzeit angesagter
Street-Credibility mit einfachen T-Shirts und Wollmützen
zu sehen, was der Band ja eine ganze Zeit lang ziemlich abhanden
gekommen war. Dazu kommt eine beim ersten Hören zunächst
erst einmal eher sperrig wirkende Komposition, bei der teilweise
wieder ordentlich Gas gegeben wird, und die ansonsten vor allem
durch den, äh, sagen wir mal urtümlichen Sound und ziemlich
viel Groove auffällt.
Dass
dies keine Ausnahme war, beweist St. Anger
eigentlich mit jeder Minute Laufzeit. METALLICA
haben wieder Spaß an der Musik, aber das liegt nicht zuletzt
daran, dass sie sich nicht mehr um die musikalischen Konventionen
scheren, die ihnen seit Bestehen zugeschrieben wurden. Was in
letzter Konsequenz bedeutet, dass METALLICA eigentlich
gar keinen richtigen Metal mehr machen, sondern eine obskure Mixtur,
die man irgendwo zwischen Hardcore, Rock'n'Roll und harten Blues-
oder 70ies-Rock-Elementen einordnen könnte.
So auch nachzuhören beim Opener Frantic, der bereits
richtig heftig zur Sache geht, aber auch von dem wirklich überragenden
Gesang James Hetfields lebt. Man kann ja von dieser CD halten
was man will, aber noch nie hat dieser Mann so variabel, emotional
reif und nuanciert geklungen. Ein weiterer Pluspunkt: man hört,
trotz des langen Studioaufenthalts, sehr viel Spontanität
und Lust an der Musik heraus. Leider geht dies jedoch auf Kosten
des Sounds, an den man sich zwar nach unzähligen Durchläufen
leidlich gewöhnt, der aber trotzdem bei dem betriebenen Produktionsaufwand
nur als Frechheit bezeichnet werden kann. Vor allem, wenn man
sich die z.Z. noch beigelegte DVD mit den Live-Versionen anschaut
und -hört...
Damit
wäre musikalisch eigentlich schon fast alles gesagt. Die
Kompositionen sind teilweise wieder über acht Minuten lang;
es gibt keine neue Megaseller-Ballade, sondern die Akustik-Passagen
sind in einigen einzelnen Stücken untergebracht, gewinnen
dabei aber nie die Überhand. Der Songaufbau ist wieder anspruchsvoller
geworden, wodurch sich schnellere und langsamere Passagen häufiger
abwechseln und der klassische Single-Effekt außen vor bleibt.
Negativ fällt auf, dass sich kein Song heraus kristallieren
will, der wirklich das Zeug zum Klassiker hat. An zu vielen Stellen
haben sich belanglose oder altbekannte Riffs eingeschlichen, was
eigentlich nur durch das nächste, sehr schnell kommende Break
und/oder den guten Gesang kaschiert wird. Trotzdem, oder gerade
deswegen: Impulse oder gar einen neuen Trend werden METALLICA
mit St. Anger nicht auslösen, die
Innovationskraft vergangener Zeiten scheint somit endgültig
dahin zu sein. Vielmehr orientiert man sich heute selber am aktuellen
(Retro-)Marktgeschehen mit seiner starken Alternative-Szene und
der dortigen Rückbesinnung auf die Musik unserer Eltern (zumindest,
wenn man schon über 30 ist...). Die Band, die ihrer Zeit
einmal weit voraus war, ist heute nur noch ein Kind ihrer eigenen
Zeit. Schade...
Um
keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: die deutlich
erkennbare Spielfreude spricht durchaus dafür, dass man sich
beim Songwriting nicht von kommerziellen Überlegungen, sondern
vom Bauch oder von mir aus auch Instinkt hat leiten lassen. Dazu
gehört beim Status dieser Band und der höchst unterschiedlichen
Erwartungshaltung von Plattenfirma, Fans und Presse eine Menge
Mut, was mir die Jungs an sich hochsympathisch macht. Nur: meine
Musik ist das irgendwie nicht, und ich vermute einfach mal, dass
dies die erste METALLICA ist, die Bert besser
gefällt als mir.
Bei
mir will nämlich der Funke trotz reichlich Hörsessions
einfach nicht so richtig überspringen, weswegen mir die Besprechung
auch ganz schön schwer gefallen ist. Subjektiv gesehen langt
es daher, zumindest bis jetzt, nur zu einer 6,5. Ich finde es
zwar gut, dass man demnächst wieder guten Gewissens auf ein
METALLICA-Konzert gehen kann, aber St.
Anger wird bis dahin wohl nur sehr selten in meinem
CD-Player rotieren...
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