Na prima,
endlich mal wieder eine Kassette als Promo. Da mein einziges
noch funktionsfähiges Tape-Deck inzwischen im heimischen
Schlafzimmer sein ansonsten ungebrauchtes Dasein fristet, musste
ich mir doch glatt ein Laptop von der Arbeit mitbringen, um
beim Schreiben der Review auch was von der Musik zu hören...
Nun gut, nachdem mir ja schon die vorab ausgekoppelte Single
5 Jahre ausnehmend gut gefallen hat,
war ich dementsprechend gespannt auf das gesamte Album. Leider
kann ich euch nicht sagen, ob die hier ausgelieferte Version
von der Reihenfolge her dem Album im Laden entsprechen wird,
da das Label freundlicher Weise keinerlei Infos beigelegt hat.
Der Sound ist jedenfalls für eine noch nicht endgemischte
Fassung bereits sehr gut; in Punkto Druck und Transparenz dürfte
die neue L’ÂME IMMORTELLE daher
das bisherige Optimum markieren.
Kommen wir aber endlich zu Musik! Los geht es mit dem vielleicht
untypischsten Stück der ganzen Platte: Es zieht Dich
davon. Ein sehr düsterer Track, welcher von einer
flirrend-düsteren Atmosphäre durchzogen ist und sich
spätestens mit dem Refrain hypnotisch in den Gehörgängen
festsetzt. Dabei schwebt über den pulsierenden elektronischen
Rhythmen einsam klagend eine Oboe (oder ein Fagott?) und entfaltet
eine traurige Melodie, während der verschachtelte Gesang
von Sonja Kraushofer sehr gut zum Text passt. Damit hätte
ich ehrlich gesagt nicht gerechnet; und, ich kann es vorweg
nehmen, es handelt sich definitiv um eines der Highlights auf
Gezeiten. Danach folgt mit 5
Jahre die inzwischen wohl allseits bekannte Single, die
doch einen nicht unbeträchtlichen Kontrast zum ersten Stück
darstellt. Erst jetzt greift Thomas Rainer gesangstechnisch
in das Geschehen ein und steuert bei Fear die Strophen
bei. Kompositorisch handelt es eher um ein Stück in dem
Rahmen, den sich Band in den letzten Jahren selbst gesteckt
hat, lediglich der Gitarrensound ist eine ganze Ecke knackiger
ausgefallen. Beim folgenden Stumme Schreie ist die
Rollenverteilung dann umgekehrt, ansonsten handelt es sich im
Prinzip um eine L’ÂME IMMORTELLE-typische
Rocknummer. Solide, aber nichts spektakuläres. Besser gefällt
mir da schon die letzte Nummer der A-Seite. Fallen Angel
beginnt wie eine klassische Ballade mit schönem Gesang
von Sonja und interessanten Stereo-Varianten mit ihrer Stimme,
nimmt aber dann im letzten Drittel doch noch brachial Fahrt
auf und bietet somit einen gelungenen Kontrast.
Auf der 2. Seite gibt es zunächst das Titelstück von
Gezeiten zu hören, welches von
der Stimmung her an Es zieht Dich davon erinnert, insgesamt
aber etwas straighter ist. Auch hier gefällt mir die Text
und die gesangliche Umsetzung sehr gut, ebenso die schmachtenden
Geigen in den Zwischenpassagen. Wirklich schöne, entspannende
Musik! Aber LAI waren ja auch immer für
ihre tanzbaren Electronummern bekannt, und für Anhänger
dieser Richtung folgen nun Rain und Masquerade.
Allerdings verzichtet man deswegen an einigen Stellen nicht
auf die Untermalung mittels harter Gitarren, die der Sache doch
zusätzlichen Pep verleihen. Vor allem das am Anfang leicht
orientalisch angehauchte Masquerade gewinnt dadurch
und hat so gegenüber Rain die Nase vorn. Kingdom
ist hingegen purer Synthi-Pop mit einigen leisen Gitarren-Effekten
im Hintergrund. Nicht schlecht, aber auch nicht herausragend.
Von etwas anderem Kaliber ist da schon das folgende Calling,
eine Art Bombastballade mit einem härteren Refrain. Hier
stimmt zumindest der Faktor Abwechslung, auch wenn ich die Melodien
etwas zu eintönig finde. Mit einem mächtigen Glockenschlag
wird dann schließlich das Finale in Form des letzten Tracks
Ohne Dich eingeläutet, wobei zunächst eine
sehr effektvolle Gesangspassage folgt, bevor das ganze in die
obligatorische Schlussballade übergeht. Musikalisch schön
melancholisch (mit ganz zarten Disharmonien im Hintergrund)
und somit durchaus geglückt, ist mir der Text an dieser
Stelle aber doch zu kitschig geraten. Trotzdem ein gelungener
Ausklang von Gezeiten...
Was bleibt als Fazit? L’ÂME IMMORTELLE
sind musikalisch deutlich erwachsener geworden und bedienen
ihre ursprüngliche Zielklientel nur noch partiell. (Aber
vielleicht sind die ja mit gewachsen...) Allerdings schleichen
sich leider noch einige zu durchschnittliche (wenn auch sehr
professionell gemachte) Stücke in das Repertoire ein, so
dass es diesmal nicht der ganz große Wurf geworden ist.
Dafür finden sich aber auch einige wirklich überragende
Stücke auf dem Album, die klar zum besten gehören,
was LAI je gemacht haben. Weiterhin bleibt
festzustellen, dass Sonja immer mehr Gesangsanteile hat und
diese auch immer häufiger dazu nutzt, ihre Ausbildung als
Musical-Sängerin mit einfließen zu lassen. Wo sie
Freiräume in dieser Art nutzt, besitzt ihr Gesang eine
fast schon bildhafte Theatralik, die mir persönlich zwar
gut gefällt, dem einen oder anderen Hörer aber evt.
zu aufgesetzt erscheinen könnte.
Von der Gewichtung her überwiegen bei mir aber klar die
positiven Aspekte, daher sehe ich 8 Punkte als durchaus angemessene
Benotung an. Was aber im Übrigen auch egal ist, denn Gezeiten
wird sich sehr wahrscheinlich sowieso wie geschnitten Brot verkaufen...