L’ÂME IMMORTELLE – Gezeiten
 
Label: GUN/Supersonic
Release: 20.09.2004
Von: Psycho
Punkte: 8/10
Time: ca. 50 Min.
Stil: Gothic Wave
URL: L'Ame Immortelle
 

Na prima, endlich mal wieder eine Kassette als Promo. Da mein einziges noch funktionsfähiges Tape-Deck inzwischen im heimischen Schlafzimmer sein ansonsten ungebrauchtes Dasein fristet, musste ich mir doch glatt ein Laptop von der Arbeit mitbringen, um beim Schreiben der Review auch was von der Musik zu hören...
Nun gut, nachdem mir ja schon die vorab ausgekoppelte Single 5 Jahre ausnehmend gut gefallen hat, war ich dementsprechend gespannt auf das gesamte Album. Leider kann ich euch nicht sagen, ob die hier ausgelieferte Version von der Reihenfolge her dem Album im Laden entsprechen wird, da das Label freundlicher Weise keinerlei Infos beigelegt hat. Der Sound ist jedenfalls für eine noch nicht endgemischte Fassung bereits sehr gut; in Punkto Druck und Transparenz dürfte die neue L’ÂME IMMORTELLE daher das bisherige Optimum markieren.
Kommen wir aber endlich zu Musik! Los geht es mit dem vielleicht untypischsten Stück der ganzen Platte: Es zieht Dich davon. Ein sehr düsterer Track, welcher von einer flirrend-düsteren Atmosphäre durchzogen ist und sich spätestens mit dem Refrain hypnotisch in den Gehörgängen festsetzt. Dabei schwebt über den pulsierenden elektronischen Rhythmen einsam klagend eine Oboe (oder ein Fagott?) und entfaltet eine traurige Melodie, während der verschachtelte Gesang von Sonja Kraushofer sehr gut zum Text passt. Damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet; und, ich kann es vorweg nehmen, es handelt sich definitiv um eines der Highlights auf Gezeiten. Danach folgt mit 5 Jahre die inzwischen wohl allseits bekannte Single, die doch einen nicht unbeträchtlichen Kontrast zum ersten Stück darstellt. Erst jetzt greift Thomas Rainer gesangstechnisch in das Geschehen ein und steuert bei Fear die Strophen bei. Kompositorisch handelt es eher um ein Stück in dem Rahmen, den sich Band in den letzten Jahren selbst gesteckt hat, lediglich der Gitarrensound ist eine ganze Ecke knackiger ausgefallen. Beim folgenden Stumme Schreie ist die Rollenverteilung dann umgekehrt, ansonsten handelt es sich im Prinzip um eine L’ÂME IMMORTELLE-typische Rocknummer. Solide, aber nichts spektakuläres. Besser gefällt mir da schon die letzte Nummer der A-Seite. Fallen Angel beginnt wie eine klassische Ballade mit schönem Gesang von Sonja und interessanten Stereo-Varianten mit ihrer Stimme, nimmt aber dann im letzten Drittel doch noch brachial Fahrt auf und bietet somit einen gelungenen Kontrast.
Auf der 2. Seite gibt es zunächst das Titelstück von Gezeiten zu hören, welches von der Stimmung her an Es zieht Dich davon erinnert, insgesamt aber etwas straighter ist. Auch hier gefällt mir die Text und die gesangliche Umsetzung sehr gut, ebenso die schmachtenden Geigen in den Zwischenpassagen. Wirklich schöne, entspannende Musik! Aber LAI waren ja auch immer für ihre tanzbaren Electronummern bekannt, und für Anhänger dieser Richtung folgen nun Rain und Masquerade. Allerdings verzichtet man deswegen an einigen Stellen nicht auf die Untermalung mittels harter Gitarren, die der Sache doch zusätzlichen Pep verleihen. Vor allem das am Anfang leicht orientalisch angehauchte Masquerade gewinnt dadurch und hat so gegenüber Rain die Nase vorn. Kingdom ist hingegen purer Synthi-Pop mit einigen leisen Gitarren-Effekten im Hintergrund. Nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Von etwas anderem Kaliber ist da schon das folgende Calling, eine Art Bombastballade mit einem härteren Refrain. Hier stimmt zumindest der Faktor Abwechslung, auch wenn ich die Melodien etwas zu eintönig finde. Mit einem mächtigen Glockenschlag wird dann schließlich das Finale in Form des letzten Tracks Ohne Dich eingeläutet, wobei zunächst eine sehr effektvolle Gesangspassage folgt, bevor das ganze in die obligatorische Schlussballade übergeht. Musikalisch schön melancholisch (mit ganz zarten Disharmonien im Hintergrund) und somit durchaus geglückt, ist mir der Text an dieser Stelle aber doch zu kitschig geraten. Trotzdem ein gelungener Ausklang von Gezeiten...
Was bleibt als Fazit? L’ÂME IMMORTELLE sind musikalisch deutlich erwachsener geworden und bedienen ihre ursprüngliche Zielklientel nur noch partiell. (Aber vielleicht sind die ja mit gewachsen...) Allerdings schleichen sich leider noch einige zu durchschnittliche (wenn auch sehr professionell gemachte) Stücke in das Repertoire ein, so dass es diesmal nicht der ganz große Wurf geworden ist. Dafür finden sich aber auch einige wirklich überragende Stücke auf dem Album, die klar zum besten gehören, was LAI je gemacht haben. Weiterhin bleibt festzustellen, dass Sonja immer mehr Gesangsanteile hat und diese auch immer häufiger dazu nutzt, ihre Ausbildung als Musical-Sängerin mit einfließen zu lassen. Wo sie Freiräume in dieser Art nutzt, besitzt ihr Gesang eine fast schon bildhafte Theatralik, die mir persönlich zwar gut gefällt, dem einen oder anderen Hörer aber evt. zu aufgesetzt erscheinen könnte.
Von der Gewichtung her überwiegen bei mir aber klar die positiven Aspekte, daher sehe ich 8 Punkte als durchaus angemessene Benotung an. Was aber im Übrigen auch egal ist, denn Gezeiten wird sich sehr wahrscheinlich sowieso wie geschnitten Brot verkaufen...