"Sind
wir nicht alle ein bisschen ... wahnsinnig?!" Dies
wäre in der Tat eine berechtigte Fragestellung, welche
man anhand eines Blickes auf unsere heutige Zivilisation durchaus
mal stellen sollte. Schließlich leben wir in einer Welt,
in der kollektive Grenzüberschreitung zum Alltag gehört
und die Trennlinie zwischen den Deklarierungen "Normal"
und "Verrückt" genauso verschwimmt und letztlich
reine Interpretationssache ist, wie der berühmte schmale
Grat zwischen Genie und Wahnsinn bekanntlich schwer zu überbrücken
ist. Die drei Herren von KiEw machen sich besagte
Thematik teils augenzwinkernd, teils tiefenpsychologisch fundiert,
schon seit längerem zum Zentrum ihrer Songs und ihre neuesten
Therapieunterlagen, welche unter größtem Aufwand,
aus der Station "Odessa" an die Öffentlichkeit
geschleust werden konnten, versprechen einen kompromisslosen
und erschreckenden Trip in die unaussprechlichen Abgründe
der menschlichen Psyche! Alleine für das Grundkonzept und
die Idee, den Alltag in einer psychiatrischen Klinik, über
audiovisuelle Medien darzustellen und bestimmte Vorgänge
in psychisch gestörten Gedankenlabyrinthen durch die Kooperation
verschiedenster, elektronischer Geräusche, Sampels und
Beats, zugänglich zu machen, dürfen sich "Altmeister
des Wahnsinns" Andreas "Thedi" Thedens und seine
beiden oberstrengen Pfleger mächtig auf die Schulter klopfen.
Die Präzision und die detailverliebte Sensibilität,
mit welcher die Drei besagtes Vorhaben auf ihrem letzten Output
Audiotherapy (ich denke, der Titel
verrät schon mehr als tausend Worte) vollendeten, grenzt
wirklich an eine Genialität von der Sorte, für die
man auch irgendwie ein bisschen verrückt sein muss...
Schon der Opener Anstaltsordngung macht dem Hörer
ausführlich klar, was im weiteren Verlauf des Albums auf
ihn zukommen wird und es bleibt selbst zu entscheiden, ob man
die Nerven besitzt, sich den folgenden Therapiemaßnahmen
zu unterziehen...Da ich ja bekanntlicherweise ein Faible für
intelligent inszenierten Industrial mit Hintergrund besitze,
durchlief ich KiEw's Geräuschtherapie
nicht nur einmal und mit jedem Durchlauf fand ich einen intensiveren
Zugang zu ihr. Thedi und Co arbeiten mit einem wahrlich Mark
und Bein erschütternden Grundbeat, von dem eine unglaubliche
Druckwelle ausgeht, welche den Körper entweder vollkommen
lähmt oder ihn in trance-artige, exstatische Bewegungsabläufe
katapultiert. So findet sich der Hörer stets in einem Zwiespalt,
zwischen dem Verlangen, sich auf seine Urinstinkte zu reduzieren
und einfach zu tanzen und zu zucken, bis das Herz kollabiert
und dem Wunsch, besagte Soundwände und ihre eingebetteten
Stimmsamples zu analysieren, um ihren tieferen Hintergrund und
ihre Wirkung auf die menschliche Psyche zu verstehen.
Gnadenlos konsequent und unbeirrt gehen die drei KiEw'ler
auch auf Audiotherapy ihren eingeschlagenen
Weg weiter und erschaffen einen Soundtrack, welcher sämtliche
Psychiatriebezogene Assoziationen, wie wohl kaum ein anderer
Tonträger zuvor, auf eine CD bannt. Musikalisch bewegt
sich die Audiotherapy vom reinem Gesamteindruck her, stets in
einem Zusammenspiel der Kontraste zwischen einem verstörenden
Chaos und einer eiskalten Ordnung und schaurige Samples wie
etwa aus The Sixth Sense oder der trendy Grusel-Hörspielreihe
von Gabriel Burns, sind ein willkommenes Sahne... äh...
falsch..."Mediaktions-Häubchen" für jeden
Industrial-Freak!
Als Bonus hat man sich im Hause KiEw dieses
Mal obendrein noch um die visuelle Umsetzung der ganzen Schose
gekümmert und auf einer beiliegenden DVD, neben zwei abgedrehten
Videoclips (dcdisk und Nachtwache) auch noch
eine gelungene Live-Aufnahme des Clubhits Zimmer 72
oben draufgepackt...
Wohl genauso ausgefallen, wie absolut beeindruckend, was Thedi
und seine beiden Pfleger ihren hungrigen Patienten hier vorgelegt
haben! Für mich jedenfalls steht fest: Ich lasse mich einweisen
und hoffe, dass ich zu einigen diesjährigen Therapiesitzungen
(welche u.a. zum Beispiel auf dem nahenden WGT stattfinden werden)
Ausgang bekommen werde...