Psycho:
Dieses Album musste ich erst einmal in Ruhe sacken lassen. Seit
ich bewusst Musik konsumiere, bin ich wohl schon JUDAS
PRIEST Fan, und da tut man sich halt ein bisschen schwerer
damit, die letzten 15 Jahre einfach so beiseite zu schieben,
um möglichst unvoreingenommen an das Reunion-Album des
klassischen Painkiller-Line-Up’s
herangehen zu können.
Nun, etwa 2-3 Wochen nach der Veröffentlichung von Angel
Of Retribution steht für mich allerdings
fest: die alten Herren haben wirklich noch einmal die Kurve
gekriegt. Dabei besticht die CD weniger durch superoriginelles
Songwriting oder darin, ein neuer Meilenstein in der Geschichte
harter Gitarrenmusik (oder des eigenen Backprogramms) zu sein,
sondern eher dadurch, dass JUDAS PRIEST hier
quasi die Rohessenz dessen abliefern, was diese Band früher
so geil (und wertvoll) gemacht hat.
AOR (doofe Abkürzung des Albumtitels,
die dem Inhalt überhaupt nicht gerecht wird) bietet folglich
vor allem eins: H E A V Y M E T A L !!! So klassisch, dass es
einem fast die Tränen in die Augen treibt und man beinahe
ein wenig sehnsüchtig an vergangene Zeiten denkt. Musikalisch
wird dabei ein Bogen über fast alle für die Bandhistorie
relevanten Alben gespannt, seien es nun Anklänge an Painkiller
(Judas Rising, Hellrider), Point Of Entry
(Worth Fighting For), Defenders Of The
Faith (Wheels Of Fire) oder British
Steel (Deal With The Devil), um nur einige
zu nennen. Selbst auf die alten Balladen-Glanztaten der 70er
Jahre wird mit Angel relativ kitschfrei referenziert,
während sich mit dem fast 14 Minuten langen Lochness
ein doomiges und sehr ungewöhnliches Stück auf der
CD befindet, welches sich in den typischen JUDAS PRIEST-Rahmen
aber hervorragend einfügt.
Fans bekommen folglich genau das, was sie sich größtenteils
erhofft haben dürften. Nicht zu verhehlen sei allerdings,
dass die fünf Briten mit der ersten Single Revolution
einen echten Ausfall an Bord haben und sich, streng genommen,
praktisch von vorne bis hinten gnadenlos selbst kopieren. Dies
aber auf einem Niveau, welches absolut in der oberen Weltspitze
liegt: sowohl Lead- als auch Rhythmusgitarren tragen beeindruckende
Duelle aus, und das Drum- und Bassfundament ist wahrlich erstklassig.
Ich stelle mir lieber nicht vor, wie JUDAS PRIEST
ohne Scott Travis klingen würden... Die Texte strotzen
nur so von Zitaten aus alten Werken und geradezu sämtlichen
Klischees, die das Metal-Umfeld zu bieten hat. Aber was bei
jeder anderen Band gnadenlos zur Abwertung führen würde,
passt hier nun mal einfach wie die Faust aufs Auge oder eben
wie die Harley unter Robbies Allerwertesten. Anders könnte
und will man es sich genau genommen gar nicht vorstellen.
Jedenfalls führen die „Metal Gods“ mit Angel
Of Retribution für sich und die Welt den
klaren Beweis an, dass diese Band nur in dieser Konstellation
wirklich funktionieren kann. Das schließt auch Rob Halford
mit ein, der den wackligen Eindruck der letztjährigen Live-Performance
fast schon nebenbei mit einer Klasseleistung wegwischt, wobei
er die ganz hohen Stimmlagen aber nur noch eher selten präsentiert.
Trotzdem profitieren JUDAS PRIEST in hohem
Masse vom Charisma ihres neuen/alten Frontmanns, auch wenn sein
Hauptverdienst vielleicht eher darin liegt, anscheinend die
ideale kompositorische Muse für das Gitarrenduo Glenn Tipton/K.K.
Downing zu sein. Oder kann mir jemand sonst erklären, warum
es auf den letzen beiden Alben trotz anerkannt gutem Sänger
(Ripper Owens) nicht solche Songs wie jetzt zu hören gab?
Der in meinen Augen größte Pluspunkt ist aber schlicht
und ergreifend die Tatsache, dass JUDAS PRIEST
selbst nach 15 Jahren Durststrecke und dazu fast noch im Rentenalter
befindlich, eine CD eingespielt haben, die originaler, spontaner,
spielfreudiger und vor allem mehr nach Heavy Metal klingt als
praktisch alles, was die zahllosen HM- und Power Metal-Epigonen
in den letzten Jahren verzapft haben. Kein Wunder, dass ich
mit dem ganzen neuen Zeugs praktisch nie was anfangen kann...
Tüpfelchen auf dem I sind dann noch die extrem dynamische
und schön nach vorne krachende Produktion, sowie die der
limitierten Version beigelegte Bonus-DVD, auf der sich neben
informativen Interviews mit der Band auch noch einige Mitschnitte
der letzten Tour befinden. Dabei handelt es sich allesamt um
absolute Priest-Klassiker (Breaking The Law, Metal Gods,
A Touch Of Evil, Hell Bent For Leather, The Hellion/Electric
Eye, Diamonds & Rust als Acoustic Version und Living
After Midnight), die hier in hervorragender Bild- und Tonqualität
konserviert wurden. Da fällt es leicht, in Nostalgie zu
schwelgen...
Fazit: JUDAS PRIEST haben mit Angel
Of Retribution ein mehr als deutliches Lebenszeichen
abgeliefert und der (neueren) Konkurrenz fast schon mit Leichtigkeit
das Fahrwasser abgegraben. Trotzdem ist man von den absoluten
Glanztaten der letzten 30 Jahre noch ein gutes Stück entfernt,
und die eine oder andere vorhandene Schwäche muss aus objektiven
Gründen (trotz der erwähnten nostalgischer Anwandlungen)
einfach zur Abwertung führen, zumal man sich ja selber
die Messlatte ganz schön hoch gelegt hat. Insofern halte
ich 8 Punkte für insgesamt angemessen. HM-Fans dürften
an dieser CD allerdings kaum vorbeikommen!
*
Sui:
Selbst wenn ich Angel of Retribution
nicht mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, würde
ich allein schon von der Länge von Psychos Review misstrauisch
(und das sage ich nicht bloß, weil ich sie übersetzen
musste). Ein wirklich gutes Album braucht einfach nicht so viele
Worte, um zu überzeugen. Nicht dass ich denke, es sei eine
schlechte Scheibe, aber eine gute ist es auch nicht, besonders
nicht gemessen am hohen JUDAS PRIEST Standard.
Mir erscheinen die Erinnerungen an die Glanzzeiten, die Psycho
erwähnt, eher wehmütig, statt einer Essenz ihrer früheren
Arbeit.
Es gibt auf diesem Album mehr als einen Flop, und Lochness
ist der größere von beiden (der andere ist in der
Tat Revolution). Es ist tatsächlich ungewöhnlich
– ungewöhnlich langweilig und überflüssig
mit einem Text, der sich eher auf dem Niveau der zu Recht verachteten
Epigonen tummelt. JUDAS PRIEST haben sich immer
von Klischees genährt. Früher jedoch habe ich bei
diesen Klischees wie Tausende andere eine Gänsehaut bekommen,
heute jedoch funktionieren sie einfach nicht mehr, vielleicht
weil sie so offensichtlich von früheren JUDAS PRIEST
Alben abgekupfert wurden.
Die CD hat sicher ihre Höhepunkte aber keiner davon reicht
an das Niveau der Ära heran, die er heraufbeschwört.
Einige sind nah dran (Judas Rising, Demonizer) andere
verfehlen jedoch das Ziel (Wheels Of Fire, Angel).
Die Produktion ist fett und heavy, aber die Zeiten schlecht
produzierter Major-Alben sind seit mehr als einem Jahrzehnt
vorbei, so dass dies als selbstverständlich angenommen
werden kann (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und Psycho,
wenn Du wissen möchtest, wie JUDAS PRIEST
ohne Scott Travis klingen würden, hör Dir irgendein
Album vor Painkiller an und Du weißt es.
6 Punkte von mir: Für ein Album das ok ist, aber nicht
mehr. Die DVD zählt in meinen Augen nicht, da sie altes
Material (das Wahre!) enthält und nicht Bestandteil des
normalen Packages ist.