JUDAS PRIEST – Angel Of Retribution

 
Label: Sony
Release: 28.02.2005
Von: Psycho / Sui
Punkte: 8/10 - 6/10
Time: 52:44
Stil: Heavy Metal
URL: Judas Priest
 

Psycho: Dieses Album musste ich erst einmal in Ruhe sacken lassen. Seit ich bewusst Musik konsumiere, bin ich wohl schon JUDAS PRIEST Fan, und da tut man sich halt ein bisschen schwerer damit, die letzten 15 Jahre einfach so beiseite zu schieben, um möglichst unvoreingenommen an das Reunion-Album des klassischen Painkiller-Line-Up’s herangehen zu können.
Nun, etwa 2-3 Wochen nach der Veröffentlichung von Angel Of Retribution steht für mich allerdings fest: die alten Herren haben wirklich noch einmal die Kurve gekriegt. Dabei besticht die CD weniger durch superoriginelles Songwriting oder darin, ein neuer Meilenstein in der Geschichte harter Gitarrenmusik (oder des eigenen Backprogramms) zu sein, sondern eher dadurch, dass JUDAS PRIEST hier quasi die Rohessenz dessen abliefern, was diese Band früher so geil (und wertvoll) gemacht hat.
AOR (doofe Abkürzung des Albumtitels, die dem Inhalt überhaupt nicht gerecht wird) bietet folglich vor allem eins: H E A V Y M E T A L !!! So klassisch, dass es einem fast die Tränen in die Augen treibt und man beinahe ein wenig sehnsüchtig an vergangene Zeiten denkt. Musikalisch wird dabei ein Bogen über fast alle für die Bandhistorie relevanten Alben gespannt, seien es nun Anklänge an Painkiller (Judas Rising, Hellrider), Point Of Entry (Worth Fighting For), Defenders Of The Faith (Wheels Of Fire) oder British Steel (Deal With The Devil), um nur einige zu nennen. Selbst auf die alten Balladen-Glanztaten der 70er Jahre wird mit Angel relativ kitschfrei referenziert, während sich mit dem fast 14 Minuten langen Lochness ein doomiges und sehr ungewöhnliches Stück auf der CD befindet, welches sich in den typischen JUDAS PRIEST-Rahmen aber hervorragend einfügt.
Fans bekommen folglich genau das, was sie sich größtenteils erhofft haben dürften. Nicht zu verhehlen sei allerdings, dass die fünf Briten mit der ersten Single Revolution einen echten Ausfall an Bord haben und sich, streng genommen, praktisch von vorne bis hinten gnadenlos selbst kopieren. Dies aber auf einem Niveau, welches absolut in der oberen Weltspitze liegt: sowohl Lead- als auch Rhythmusgitarren tragen beeindruckende Duelle aus, und das Drum- und Bassfundament ist wahrlich erstklassig. Ich stelle mir lieber nicht vor, wie JUDAS PRIEST ohne Scott Travis klingen würden... Die Texte strotzen nur so von Zitaten aus alten Werken und geradezu sämtlichen Klischees, die das Metal-Umfeld zu bieten hat. Aber was bei jeder anderen Band gnadenlos zur Abwertung führen würde, passt hier nun mal einfach wie die Faust aufs Auge oder eben wie die Harley unter Robbies Allerwertesten. Anders könnte und will man es sich genau genommen gar nicht vorstellen.
Jedenfalls führen die „Metal Gods“ mit Angel Of Retribution für sich und die Welt den klaren Beweis an, dass diese Band nur in dieser Konstellation wirklich funktionieren kann. Das schließt auch Rob Halford mit ein, der den wackligen Eindruck der letztjährigen Live-Performance fast schon nebenbei mit einer Klasseleistung wegwischt, wobei er die ganz hohen Stimmlagen aber nur noch eher selten präsentiert. Trotzdem profitieren JUDAS PRIEST in hohem Masse vom Charisma ihres neuen/alten Frontmanns, auch wenn sein Hauptverdienst vielleicht eher darin liegt, anscheinend die ideale kompositorische Muse für das Gitarrenduo Glenn Tipton/K.K. Downing zu sein. Oder kann mir jemand sonst erklären, warum es auf den letzen beiden Alben trotz anerkannt gutem Sänger (Ripper Owens) nicht solche Songs wie jetzt zu hören gab?
Der in meinen Augen größte Pluspunkt ist aber schlicht und ergreifend die Tatsache, dass JUDAS PRIEST selbst nach 15 Jahren Durststrecke und dazu fast noch im Rentenalter befindlich, eine CD eingespielt haben, die originaler, spontaner, spielfreudiger und vor allem mehr nach Heavy Metal klingt als praktisch alles, was die zahllosen HM- und Power Metal-Epigonen in den letzten Jahren verzapft haben. Kein Wunder, dass ich mit dem ganzen neuen Zeugs praktisch nie was anfangen kann...
Tüpfelchen auf dem I sind dann noch die extrem dynamische und schön nach vorne krachende Produktion, sowie die der limitierten Version beigelegte Bonus-DVD, auf der sich neben informativen Interviews mit der Band auch noch einige Mitschnitte der letzten Tour befinden. Dabei handelt es sich allesamt um absolute Priest-Klassiker (Breaking The Law, Metal Gods, A Touch Of Evil, Hell Bent For Leather, The Hellion/Electric Eye, Diamonds & Rust als Acoustic Version und Living After Midnight), die hier in hervorragender Bild- und Tonqualität konserviert wurden. Da fällt es leicht, in Nostalgie zu schwelgen...
Fazit: JUDAS PRIEST haben mit Angel Of Retribution ein mehr als deutliches Lebenszeichen abgeliefert und der (neueren) Konkurrenz fast schon mit Leichtigkeit das Fahrwasser abgegraben. Trotzdem ist man von den absoluten Glanztaten der letzten 30 Jahre noch ein gutes Stück entfernt, und die eine oder andere vorhandene Schwäche muss aus objektiven Gründen (trotz der erwähnten nostalgischer Anwandlungen) einfach zur Abwertung führen, zumal man sich ja selber die Messlatte ganz schön hoch gelegt hat. Insofern halte ich 8 Punkte für insgesamt angemessen. HM-Fans dürften an dieser CD allerdings kaum vorbeikommen!

*

Sui: Selbst wenn ich Angel of Retribution nicht mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, würde ich allein schon von der Länge von Psychos Review misstrauisch (und das sage ich nicht bloß, weil ich sie übersetzen musste). Ein wirklich gutes Album braucht einfach nicht so viele Worte, um zu überzeugen. Nicht dass ich denke, es sei eine schlechte Scheibe, aber eine gute ist es auch nicht, besonders nicht gemessen am hohen JUDAS PRIEST Standard. Mir erscheinen die Erinnerungen an die Glanzzeiten, die Psycho erwähnt, eher wehmütig, statt einer Essenz ihrer früheren Arbeit.
Es gibt auf diesem Album mehr als einen Flop, und Lochness ist der größere von beiden (der andere ist in der Tat Revolution). Es ist tatsächlich ungewöhnlich – ungewöhnlich langweilig und überflüssig mit einem Text, der sich eher auf dem Niveau der zu Recht verachteten Epigonen tummelt. JUDAS PRIEST haben sich immer von Klischees genährt. Früher jedoch habe ich bei diesen Klischees wie Tausende andere eine Gänsehaut bekommen, heute jedoch funktionieren sie einfach nicht mehr, vielleicht weil sie so offensichtlich von früheren JUDAS PRIEST Alben abgekupfert wurden.
Die CD hat sicher ihre Höhepunkte aber keiner davon reicht an das Niveau der Ära heran, die er heraufbeschwört. Einige sind nah dran (Judas Rising, Demonizer) andere verfehlen jedoch das Ziel (Wheels Of Fire, Angel). Die Produktion ist fett und heavy, aber die Zeiten schlecht produzierter Major-Alben sind seit mehr als einem Jahrzehnt vorbei, so dass dies als selbstverständlich angenommen werden kann (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und Psycho, wenn Du wissen möchtest, wie JUDAS PRIEST ohne Scott Travis klingen würden, hör Dir irgendein Album vor Painkiller an und Du weißt es.
6 Punkte von mir: Für ein Album das ok ist, aber nicht mehr. Die DVD zählt in meinen Augen nicht, da sie altes Material (das Wahre!) enthält und nicht Bestandteil des normalen Packages ist.