Was
soll man mit diesem Album machen? Gerade mal eine knappe Dreiviertelsunde
lang, voller Größenwahn und kitschiger Streicherorgien,
zwischendurch ergreifende Melodien und harsche Breaks, die dem
Hörbuch zumindest minutenlang Zunder geben. Hörbuch?
Genau, HAGGARD haben Großes vor, fahren mit Mike
Terrana einen sonoren Erzähler auf, der es sogar knapp
mit Christopher Lees voluminösen Bass und seinen Eskapaden
für Rhapsody aufnehmen kann. Dabei sind die „Geschichten
aus Ithria“ alles andere als originell. Wie üblich
geht es um ein Fantasy-Reich, in dem die Schlacht zwischen Gut
und Böse tobt, am Ende „kämpfen Schwerter gegen
Schwerter und Hämmer und Äxte prallen auf Schilder“.
Das wird mit Inbrunst, satten Chören, klarem Gesang (bis
hin zum kolibrihaften Jubilieren) und Asis düsteren Growls
vorgetragen, wie man es bereits von den Vorgängern kennt.
Gerade Asis Beiträge gehen zwar herb ins Ohr, sind aber
weder besonders abwechslungsreich noch jederzeit zwingend und
manchmal besorgniserregend albern. Wenn das Infoblatt hochtrabend
verkündet, die Tales Of Ithria seien ein
„Meisterwerk, das nicht nur die Grenzen zwischen Gut und
Böse auslotet, sondern zugleich die Begrifflichkeiten Klassik
und Metal in ein völlig neues Licht rückt und auf
visionäre Weise neu befruchtet“, so ist das entweder
gelogen oder man kennt weder Therion – die vor allem im
Metallischen wesentlich konsequenter zur Sache gingen und gehen
– oder Mike Batt, dessen orchestrale Hymnen in ihren besten
Momenten treibender und reizvoller sind, als HAGGARDs
Ausflüge Richtung Pop. Auf eine plumpe Art mutig und bodenlos
kitschig ist z.B. das, auf einer alten spanischen Legende beruhende,
traditionelle Hijo de la Luna. In der Version der spanischen
Band Mecano hatte das kleine Liedchen durchaus seine Meriten,
seit dem Missbrauch durch die Ballermanndumpfnudeln Loona hätte
es allerdings auf ewig von der Liste zu covernder Songs ausgeschlossen
werden müssen. HAGGARD fügen dem Song außer
ein klein wenig Härte keine neue Perspektive hinzu, sondern
hängen knietief in einem Sumpf voller Klaviere und seufzender
Geigen. Unglaublich.
Aber natürlich haben HAGGARD das Gespür und
Händchen für ausgefeilte metallische Neoromantik nicht
verloren. So kommt das Titelstück beinahe als Wiegenlied
daher, ist stellenweise herzergreifend und zugleich von bedrohlicher
Düsternis, während Upon Fallen Autumn Leaves
einigermaßen überzeugend in Nightwishs Revieren wildert.
Insgesamt ist das alles von einer majestätischen Erhabenheit,
die auch aufgrund der altbackenen Epik einen wunderbaren Platz
im Schulfunk finden könnte. Thema: Grundlagen der epischen
Fantasy und ihre multimediale Aufbereitung – Höhen
und Tiefen inklusive. In den besten Momenten eine packende Synthese
aus dem Streben nach großer Kunst und erdigem Metal, in
seinen schlimmsten Aussetzern provozierend, das DJ Bobo mit
spitzem Hut und angeschlossenem Tanzensemble aus dem Bühnengraben
springt.
Eine punktemäßige Bewertung erfasst das Album nur
ungenügend; eine 5 wäre die richtige Zahl, würde
aber das Album in den Bereich der Mittelmäßigkeit
verweisen. Und genau das ist es nicht: mittelmäßig.
Eher ein Äquivalent zu einem riesigen Marshmallow, das
dir alles verklebt, aber irgendwie lecker schmeckt. Schön
scheußliche Platte.