So
kann’s gehen: obwohl ich mich auf die neue FAITH
AND THE MUSE schon seit Jahren gefreut habe, ist
mir der VÖ-Termin irgendwie durch die Lappen gegangen,
wodurch ich letztendlich nur per Zufall feststellte, dass
The Burning Season schon seit fast
zwei Monaten auf dem Markt ist. Also habe ich mich im Laden
auch gar nicht mehr mit Probe hören beschäftigt,
sondern die CD direkt eingekauft. Das war sicherlich kein
Fehler, allerdings sollte man auch seine Erwartungshaltung,
sofern diese noch in Richtung amerikanischen Goth Rock der
Güteklasse 1A geht, doch etwas revidieren. Was in diesem
Fall bedeutet, dass FAITH AND THE MUSE sich
musikalisch bis auf wenige Ausnahmen recht drastisch neu ausgerichtet
haben.
Zunächst
gibt es aber gewohnte Kost zu hören. Das Intro Bait
& Switch klingt typisch, und auch das erste Stück
Sredni Vashtar rockt gut los und vermag mit flirrenden,
aber harten Gitarren, viel Schlagzeug und dem erstklassigen
Gesang zu überzeugen. Doch bereits mit Boudiccea
wird es deutlich ruhiger, aber dafür auch noch atmosphärischer.
Ein Stück, das man nur schwer beschreiben kann, jedoch
mehr in Richtung Wave geht und einfach nur wunderschön
ist. Ein wenig fühle ich mich an die älteren Sachen
der Cranes erinnert; definitiv eines der Highlights der CD!
Das Titelstück selber ist das erste Stück auf The
Burning Season ganz ohne Gitarren. Musikalisch
treffen sich hier Soundtrack-artiger Neofolk und sanfter Electro
in einer gelungenen Kombination, trotzdem muss man sich daran
erst ein wenig gewöhnen.
Leider
bleibt das Niveau nicht durchgehend hoch. Gab es auf der letzten
Veröffentlichung The Evidence Of Heaven
einige Hänger mangels guter neuer Ideen, so hat man diesmal
den Eindruck, als ob nicht alle neuen Stilelemente wirklich
gut integriert wurden bzw. sogar eher überflüssig
sind. So würde z.B. Whispered In Your Ear ohne
den unterlegten stumpfen Tanzboden-Rhythmus wohl deutlich
besser klingen. In The Amber Room hingegen schrammt
nur knapp daran vorbei, in die klischeehafte Enya-meets-Wave-Ecke
gesteckt zu werden. Misslungen ist auch der Relic Song,
bei dem es sich um eine Abrechnung mit bzw. ironische Betrachtung
der Nu Punk-Bewegung handelt. Textlich mag das ja noch funktionieren,
aber musikalisch gesehen ist das Stück dazu viel zu bieder
und uninspiriert ausgefallen.
Gelungen
ist hingegen das jazzige und unglaublich melancholische Gone
To Ground, dass die s/w-Vision Whiskey-trinkender Männer
in verräucherten Bars heraufbeschwört, während
draußen Dunkelheit und Regen mit dem Licht der Laternen
kämpfen. Kein Wunder, dass diese Typen sich jeden Abend
dem Suff ergeben... Trotzdem ein Stück, das ich eher
dem Repertoire von Siouxsie & The Banshees zugeordnet
hätte. Auch diesmal verleiht William Faith nur einem
der Tracks seine Stimme, nämlich Failure To Thrive.
Und wie üblich fragt man sich, warum er das nicht wenigstens
bei zwei oder drei Stücken mehr tut. Z.B. bei Prodigal,
dem vorletzten und wieder härter ausgefallen Stück,
bevor der Willow's Song rein akustisch und keltisch
angehaucht das Ende der Burning Season
bestreitet.
Insgesamt
also eine zumindest in Teilen zwiespältige Angelegenheit,
obwohl das Album in Gänze einen durchaus starken Eindruck
hinterlässt. Nicht zuletzt deswegen, weil wir es hier
mit kompetenten Musikern und einer stimmlich sehr variabel
agierenden Monica Richards zu tun haben. Enttäuscht war
ich allerdings von der Aufmachung, die doch ein wenig lieblos
wirkt. Vielleicht hatte ich die CD ja auch deswegen so lange
übersehen...
Jedenfalls scheinen sich FAITH AND THE MUSE
musikalisch derzeit massiv weiter zu entwickeln, und man darf
gespannt sein, wo das noch hinführen wird. Gewisse Parallelen
zu den bereits erwähnten Siouxisie & The Banshees
oder auch Morthem Vlade Art lassen sich durchaus heranziehen.
Jetzt nicht als direkter musikalischer Vergleich, sondern
mehr generell betrachtet. Ich bleibe in dieser Hinsicht auf
jeden Fall neugierig...