BETHLEHEM – Mein Weg
 
Label: Red Stream
Release: 15.11.2004
Von: Psycho
Punkte: 9,5
Time: 01:13:56
Stil: Dark Metal
URL: Bethlehem
 

Neues von der deutschen Metal-Exzentriker-Front: nach fast drei Jahren Funkstille und einem Labelwechsel von Prophecy zu Red Stream melden sich BETHLEHEM endlich mit einem neuen Album zurück. Dabei klingt der Titel Mein Weg zunächst fast schon unsäglich platt: aber auch wenn ich erst drüber lästern wollte: irgendwie passt er doch wie die Faust aufs Auge, denn die Band zieht ihr Ding fast unerbittlich durch und zeigt sich in keinster Weise kompromissbereit.
Wer jetzt allerdings die Hoffnung hegt, nach dem hoch ambitionierten und musikalisch einen deutlichen Bruch zum Black Metal hin markierenden Vorgänger Schatten aus der Alexanderwelt würden BETHLEHEM wieder Tempo und Räudigkeit der Kompositionen anziehen, den kann ich direkt enttäuschen. Mein Weg orientiert sich deutlich an der Grundausrichtung des letzten Albums. D.h., die wirren (und wilden) Arrangements der Vergangenheit sind, bis auf eine Ausnahme, endgültig passé, statt dessen versucht man eher, durch ungewöhnliche Melodien und Harmonien die gewohnt düstere und morbide Atmosphäre zu erzeugen.
Und was soll ich sagen: nachdem das letzte Album ja bekanntlich unter diversen Nebeneffekten litt, gelingt der Band diesmal tatsächlich der große Wurf! Alle 10 Stücke sind absolute Volltreffer und mit einer ganz spezifischen Melodik, einem hohen Maß an Eigenständigkeit und viel Gefühl ausgestattet. Natürlich gibt es auch viele andere Künstler, die sich in einem ähnlichen musikalischen Umfeld bewegen, aber ich behaupte einfach mal, dass man hier ein BETHLEHEM-Stück stets anhand seine Stilistik heraushören kann; ein Umstand, den man heutzutage nicht hoch genug einschätzen kann!
Die Stilmittel selber wirken dabei zunächst gar nicht so ungewöhnlich, denn andere Instrumente als sonst werden auf Mein Weg auch nicht eingesetzt. Allerdings werden hier die Passagen der einzelnen Instrumente z.T. sehr originell miteinander kombiniert, die Harmonien und deren Wendungen sind eben mal nicht dem Handbuch des kleinen Dark-Metallers entnommen, und es scheint, als werde die gesamte Instrumentierung etc. immer den Belangen des jeweiligen Song untergeordnet. So entstehen dann erfreulich klischeefreie Stücke, deren einzelne Bestandteile teilweise fast schon verblüffend simpel sind, die aber im Zusammenspiel eine unglaublich hypnotische Ausstrahlung erzeugen.
Das dabei die Abwechslung nicht zu kurz kommt beweisen Tracks wie z.B. der rockige Opener Aalmutter, dessen Refrain gegenüber dem bitterbösen Text wiederum fast schon fröhlich erscheint, das düstere Knochenkorn, welches zwischen schwarzer Stimmung und dunkler Hektik schwankt, das mit fast neun Minuten doch nur zweitlängste Stück Frl. Deutsch, bei dem sich ein wunderschönes Wechselspiel zwischen leisen Melodien und erhabener Tragik offenbart, die einfach nur als gelungen zu bezeichnende Ballade (!) Felbel Fittich, das schwer nach vorne groovende Einsargen oder der krönende zwölfminütige Abschluss Maschinensatan, bei dem zusätzlich noch diverse Ambient-, Soundtrack- und sonstige Einflüsse mit eingebunden werden. Zwischendurch gibt es mit Dr. Miezo den bereits angedeuteten Ausflug in alte Krachtage (inkl. eines schlürfenden Doom-Teils), der aber durchaus in den Gesamtrahmen passt. Sehr abgedrehten Humor beweisen BETHLEHEM allerdings mit dem Hidden Bonus-Track, dabei handelt es sich nämlich um nichts anderes als Frank Sinatras My Way, definitiv in einer metallfreien Version (inkl. Streicher- und Bläsersektion) interpretiert. Na ja...
Der Gesang ist extrem abwechslungsreich ausgefallen und auch in den eher gegrunzten Passagen meist noch verständlich. Trotzdem hatte ich mal wieder keine Chance, die Texte auf Anhieb (dem Sinn nach) zu verstehen; BETHLEHEM leben da immer noch in ihrer ganz eigenen Welt. Aber auch wenn man das Ganze nicht in jedem Fall nachvollziehen kann, einzelne Textzeilen lassen einen doch immer wieder aufhorchen. Manchmal übrigens auch im negativen Sinne, wenn ich mir z.B. die „Märchenadaption“ von Im Sog anhöre. Aber vielleicht habe ich das ja auch nicht verstanden...
Kommen wir zum Fazit: wer eine gut (und fett) produzierte CD sucht, die stimmungsmäßig die dunkelsten Ecken des Hörers auszuloten versteht und dabei weder musikalisch noch textlich jemals langweilig zu werden verspricht, der kommt an Mein Weg eigentlich nicht vorbei. Aufgrund des großen Polarisierungsfaktors empfehle ich aber trotzdem, in das Album vor dem Kauf zumindest mal reinzuhören, denn richtig straight ist das Gebotene natürlich immer noch nicht, und emotionale wie zugleich intellektuelle Kopfmucke ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Mir gefällt es jedenfalls ausnehmend gut, daher sind 9,5 Punkte völlig angemessen.