Neues von
der deutschen Metal-Exzentriker-Front: nach fast drei Jahren
Funkstille und einem Labelwechsel von Prophecy zu Red Stream
melden sich BETHLEHEM endlich mit einem neuen
Album zurück. Dabei klingt der Titel Mein Weg
zunächst fast schon unsäglich platt: aber auch wenn
ich erst drüber lästern wollte: irgendwie passt er
doch wie die Faust aufs Auge, denn die Band zieht ihr Ding fast
unerbittlich durch und zeigt sich in keinster Weise kompromissbereit.
Wer jetzt allerdings die Hoffnung hegt, nach dem hoch ambitionierten
und musikalisch einen deutlichen Bruch zum Black Metal hin markierenden
Vorgänger Schatten aus der Alexanderwelt
würden BETHLEHEM wieder Tempo und Räudigkeit
der Kompositionen anziehen, den kann ich direkt enttäuschen.
Mein Weg orientiert sich deutlich
an der Grundausrichtung des letzten Albums. D.h., die wirren
(und wilden) Arrangements der Vergangenheit sind, bis auf eine
Ausnahme, endgültig passé, statt dessen versucht
man eher, durch ungewöhnliche Melodien und Harmonien die
gewohnt düstere und morbide Atmosphäre zu erzeugen.
Und was soll ich sagen: nachdem das letzte Album ja bekanntlich
unter diversen Nebeneffekten litt, gelingt der Band diesmal
tatsächlich der große Wurf! Alle 10 Stücke sind
absolute Volltreffer und mit einer ganz spezifischen Melodik,
einem hohen Maß an Eigenständigkeit und viel Gefühl
ausgestattet. Natürlich gibt es auch viele andere Künstler,
die sich in einem ähnlichen musikalischen Umfeld bewegen,
aber ich behaupte einfach mal, dass man hier ein BETHLEHEM-Stück
stets anhand seine Stilistik heraushören kann; ein Umstand,
den man heutzutage nicht hoch genug einschätzen kann!
Die Stilmittel selber wirken dabei zunächst gar nicht so
ungewöhnlich, denn andere Instrumente als sonst werden
auf Mein Weg auch nicht eingesetzt.
Allerdings werden hier die Passagen der einzelnen Instrumente
z.T. sehr originell miteinander kombiniert, die Harmonien und
deren Wendungen sind eben mal nicht dem Handbuch des kleinen
Dark-Metallers entnommen, und es scheint, als werde die gesamte
Instrumentierung etc. immer den Belangen des jeweiligen Song
untergeordnet. So entstehen dann erfreulich klischeefreie Stücke,
deren einzelne Bestandteile teilweise fast schon verblüffend
simpel sind, die aber im Zusammenspiel eine unglaublich hypnotische
Ausstrahlung erzeugen.
Das dabei die Abwechslung nicht zu kurz kommt beweisen Tracks
wie z.B. der rockige Opener Aalmutter, dessen Refrain
gegenüber dem bitterbösen Text wiederum fast schon
fröhlich erscheint, das düstere Knochenkorn,
welches zwischen schwarzer Stimmung und dunkler Hektik schwankt,
das mit fast neun Minuten doch nur zweitlängste Stück
Frl. Deutsch, bei dem sich ein wunderschönes Wechselspiel
zwischen leisen Melodien und erhabener Tragik offenbart, die
einfach nur als gelungen zu bezeichnende Ballade (!) Felbel
Fittich, das schwer nach vorne groovende Einsargen
oder der krönende zwölfminütige Abschluss Maschinensatan,
bei dem zusätzlich noch diverse Ambient-, Soundtrack- und
sonstige Einflüsse mit eingebunden werden. Zwischendurch
gibt es mit Dr. Miezo den bereits angedeuteten Ausflug
in alte Krachtage (inkl. eines schlürfenden Doom-Teils),
der aber durchaus in den Gesamtrahmen passt. Sehr abgedrehten
Humor beweisen BETHLEHEM allerdings mit dem
Hidden Bonus-Track, dabei handelt es sich nämlich um nichts
anderes als Frank Sinatras My Way, definitiv in einer
metallfreien Version (inkl. Streicher- und Bläsersektion)
interpretiert. Na ja...
Der Gesang ist extrem abwechslungsreich ausgefallen und auch
in den eher gegrunzten Passagen meist noch verständlich.
Trotzdem hatte ich mal wieder keine Chance, die Texte auf Anhieb
(dem Sinn nach) zu verstehen; BETHLEHEM leben
da immer noch in ihrer ganz eigenen Welt. Aber auch wenn man
das Ganze nicht in jedem Fall nachvollziehen kann, einzelne
Textzeilen lassen einen doch immer wieder aufhorchen. Manchmal
übrigens auch im negativen Sinne, wenn ich mir z.B. die
„Märchenadaption“ von Im Sog anhöre.
Aber vielleicht habe ich das ja auch nicht verstanden...
Kommen wir zum Fazit: wer eine gut (und fett) produzierte CD
sucht, die stimmungsmäßig die dunkelsten Ecken des
Hörers auszuloten versteht und dabei weder musikalisch
noch textlich jemals langweilig zu werden verspricht, der kommt
an Mein Weg eigentlich nicht vorbei.
Aufgrund des großen Polarisierungsfaktors empfehle ich
aber trotzdem, in das Album vor dem Kauf zumindest mal reinzuhören,
denn richtig straight ist das Gebotene natürlich immer
noch nicht, und emotionale wie zugleich intellektuelle Kopfmucke
ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Mir gefällt es jedenfalls
ausnehmend gut, daher sind 9,5 Punkte völlig angemessen.