Gut,
sie sind Retro, sie machen Musik, die uns auch 1973 bereits
gefallen hätte, aber sie tun das mit einer Verve und einer
Freude am Zitieren, die eindeutig ins 21. Jahrhunderts gehört.
Sie haben Melodien, die ins Ohr gehen und trotzdem nicht so
ausgelutscht sind, das sie über kurz oder lang nerven,
weder wegen Stumpfsinns noch übertriebener virtuoser Artistik.
Die Musik gibt sich lässig, wie im kurzen Opener oder im
35minütigen Longtrack Sleeping In Traffic, nimmt
Fahrt auf, z.B. in launigen Frank Zappa Hommagen und Montagen
(South Of The Border), die ansatzlos passend neben eigenen
Motiven und Freakshow-Momenten stehen. Genesis, Gentle Giant
und Landsmann Bo Hansson grüßen freundlich und vernehmlich,
aber auch die Bee Gees in der Discophase bekommen ihren großen
Auftritt im Titelstück. Die Storyline von Teil 1 wird aufgenommen
und folgt dem Protagonisten des zweiteiligen Konzeptwerks durch
eine wenig schläfrige Nacht. BEARDFISH haben ihren
Spaß dabei – und damit auch der Hörer, aber
sie nehmen ihre Sache ernst genug, um nicht vor prustender Albernheit
im Beiläufigen zu enden.
Das gerade schwedische Progrocker eine Affinität zum Zirkus
offenbaren, haben ja schon die Flower Kings, Ensemble Nimbus
oder Samla Mammas Manna bewiesen; BEARDFISH stehen ihnen
in nichts nach, ihr vollgepacktes Programm ist eine kunterbunte
Reise durch Traumwelten, mit fester Verankerung am Boden. Denn,
obwohl alles andere als ein Metal-Album, bietet Sleeping
In Traffic: Part Two eine Menge Wucht und Power. Dazwischen
Passagen in denen sich Zeit gelassen wird, musikalische Spaziergänge
am mitternächtlichen Strand. Die unaufgeregte Atmosphäre
ist sowieso ein großer Pluspunkt beider Sleeping
In Traffic Teile. Hier muss man sich nichts beweisen,
das große, pathetische Theater kommt nur in Zitaten vor,
manchmal bleibt sogar die Muße, das Ganze auf den Klang
einer einzelnen Gitarre runterzufahren. So gelingt beinahe mühelos
die Neuinterpretation eines alten Stils, der sich diesmal nicht
ganz zu unrecht progressiv nennt, auch wenn er seine Inspirationsquelle
weit in der Vergangenheit besitzt.
Einen kleinen Einwand gibt es: manchmal werden unspektakuläre
Melodiebögen zu lange aufrecht erhalten – vor allem
im ultralangen Sleeping In Traffic; aber das verringert
nichts am Genuss eines gut gelagerten Weins, äh, eines
Albums, das die Musikgeschichte der letzten 35 Jahre wie Muttermilch
aufgesogen hat und dies ohne Allüren und falsche Töne
auch wiedergeben kann. Ein Album zum Duzen, mit einem leicht
verliebten Seufzer.