BEARDFISH – Sleeping In Traffic: Part Two

 
Label: InsideOut Music
Release: 16.05.2008
Von: Joking
Punkte: 9/10
Time: 74:25
Stil: Retro Prog-Rock
URL: Beardfish
 
Gut, sie sind Retro, sie machen Musik, die uns auch 1973 bereits gefallen hätte, aber sie tun das mit einer Verve und einer Freude am Zitieren, die eindeutig ins 21. Jahrhunderts gehört. Sie haben Melodien, die ins Ohr gehen und trotzdem nicht so ausgelutscht sind, das sie über kurz oder lang nerven, weder wegen Stumpfsinns noch übertriebener virtuoser Artistik. Die Musik gibt sich lässig, wie im kurzen Opener oder im 35minütigen Longtrack Sleeping In Traffic, nimmt Fahrt auf, z.B. in launigen Frank Zappa Hommagen und Montagen (South Of The Border), die ansatzlos passend neben eigenen Motiven und Freakshow-Momenten stehen. Genesis, Gentle Giant und Landsmann Bo Hansson grüßen freundlich und vernehmlich, aber auch die Bee Gees in der Discophase bekommen ihren großen Auftritt im Titelstück. Die Storyline von Teil 1 wird aufgenommen und folgt dem Protagonisten des zweiteiligen Konzeptwerks durch eine wenig schläfrige Nacht. BEARDFISH haben ihren Spaß dabei – und damit auch der Hörer, aber sie nehmen ihre Sache ernst genug, um nicht vor prustender Albernheit im Beiläufigen zu enden.
Das gerade schwedische Progrocker eine Affinität zum Zirkus offenbaren, haben ja schon die Flower Kings, Ensemble Nimbus oder Samla Mammas Manna bewiesen; BEARDFISH stehen ihnen in nichts nach, ihr vollgepacktes Programm ist eine kunterbunte Reise durch Traumwelten, mit fester Verankerung am Boden. Denn, obwohl alles andere als ein Metal-Album, bietet Sleeping In Traffic: Part Two eine Menge Wucht und Power. Dazwischen Passagen in denen sich Zeit gelassen wird, musikalische Spaziergänge am mitternächtlichen Strand. Die unaufgeregte Atmosphäre ist sowieso ein großer Pluspunkt beider Sleeping In Traffic Teile. Hier muss man sich nichts beweisen, das große, pathetische Theater kommt nur in Zitaten vor, manchmal bleibt sogar die Muße, das Ganze auf den Klang einer einzelnen Gitarre runterzufahren. So gelingt beinahe mühelos die Neuinterpretation eines alten Stils, der sich diesmal nicht ganz zu unrecht progressiv nennt, auch wenn er seine Inspirationsquelle weit in der Vergangenheit besitzt.
Einen kleinen Einwand gibt es: manchmal werden unspektakuläre Melodiebögen zu lange aufrecht erhalten – vor allem im ultralangen Sleeping In Traffic; aber das verringert nichts am Genuss eines gut gelagerten Weins, äh, eines Albums, das die Musikgeschichte der letzten 35 Jahre wie Muttermilch aufgesogen hat und dies ohne Allüren und falsche Töne auch wiedergeben kann. Ein Album zum Duzen, mit einem leicht verliebten Seufzer.